Stellungnahme von Piper und Nicole Gozdek

Hallo in die Runde,

wie wahrscheinlich viele wissen, habe ich mich vor zweit Tagen mit einem offenen Brief an Piper und Nicole Gozdek gewandt, um den Sachverhalt des Buches “Die Magier der Namen” zu klären. Inzwischen haben beide Parteien reagiert und eine Stellungnahme abgegeben, die ich natürlich auch hier präsentieren möchte.

Stellungnahme Piper:

Liebe Frau Seidel,

[…]

Es war niemals die Absicht der Autorin oder die unsrige, den Eindruck im Roman zu erwecken, dass Ru-stans Liebe zu Tirasan oder gar seine sexuelle Orientierung als etwas Schlechtes „ausradiert“ werden sowie das Ende des Romans keineswegs als Alles-wird-gut-Ende gedacht ist: Stattdessen sollte es als offenes Ende einerseits zum Nachdenken über Tirs Tat anregen – zwar ist die Namensmagie nun fort, aber Tir verändert genauso rigoros und unabsichtlich die Wirklichkeit wie in seinem früheren Leben und löscht dadurch die Vergangenheit aller Menschen, auch die seiner Freunde, was an sich schrecklich ist.  Andererseits sollte das Ende auf eine in der Planung stehende Fortsetzung neugierig machen, besonders hinsichtlich der Beziehung zwischen Tir und Rustan: Tir ist für einen Moment traurig, dass Rustan seine Liebe zu ihm scheinbar vergessen hat, aber wieso?  Wir waren davon überzeugt, genügend Hinweise in dem Roman gestreut zu haben, zumal wir mit unseren Testlesern, unter anderem auch LGBT, und im Lektorat auch viel über die Liebesgeschichte gesprochen hatten – die von Anfang an geplant war. Deshalb waren wir ehrlich erschüttert.

Unter dem Artikel in einem Kommentar schreiben Sie, dass man eine Fortsetzung hätte kommunizieren müssen, um dieses Missverständnis zu vermeiden, aber dass selbst das vermutlich nicht reicht. Wir können Folgendes machen: Wir kommunizieren die Fortsetzung, auch wenn es leider noch ein Jahr dauert (daher war es noch geheim), zudem machen wir das auch in den Internettexten des ersten Bandes klar, dass es eine geben wird. Sobald es eine neue Auflage der „Magie der Namen“ gibt, können wir auch in diesem Roman eine Fortsetzung und eine passende Leseprobe einbringen. Dann sollte hoffentlich klar werden, dass dieses Ende nicht als Utopie gemeint ist – das wäre, wie gesagt, tatsächlich schrecklich, wir möchten nicht, dass irgendein Leser jemals wieder diesen Eindruck gewinnt.

Nicole Gozdek hat mittlerweile auf ihrer Website ihre Stellungnahme zu dem Thema wiederholt http://www.nicole-gozdek.de/stellungnahme-zum-offenen-brief/ und auf Ihre Seite verlinkt.

[…]

Mit den besten Grüßen
der Piper Verlag

Hier die Stellungnahme von Nicole Gozdek (zu finden auf ihrer Homepage):

Liebe Juliane/Ihr Lieben,

es tut mir leid, dass bei euch ein falscher Eindruck über meinem Roman und meine Absichten entstanden ist. Ich möchte daher gerne mal auf das Thema eingehen.

1.) Rustan ist schwul – und er bleibt auch schwul (auch wenn ich damit jetzt spoiler). Dieser Aspekt bestand seit Anfang an, er wurde nicht nachträglich eingefügt, erst recht nicht, damit sich die Geschichte besser verkauft. Dass er in Tirasan verliebt ist, erklärt, wie er als die Verkörperung der Loyalität Tirasan so anders behandelt als den Rest seiner Freunde und sogar seinen besten Freund beim Aufbruch auf die Reise zurücklässt.

2.) Das Ende war kein Versuch, jemandem von seiner Homosexualität zu „heilen“. Um Gottes willen! Wer meine Geschichten kennt, weiß, dass homosexuelle Figuren dort (fast) immer eine Rolle spielen und zwar nicht die Schurken. Rustan und die anderen Figuren sind schwul und das ist auch gut so. Ich würde keinesfalls versuchen, sie zu „heilen“, genauso wenig wie ich das bei meinem besten Freund tun würde, der übrigens auch schwul ist.

3.) Es ist eine Geschichte, die einer inneren Erzähllogik folgt. Wollte ich, dass Tirasan dies tut? Nein, aber ALLES ANDERE PASSTE EINFACH NICHT ZUR GESCHICHTE! Ja, ich weiß, dass das Ende für Aufregung sorgen kann. Aber ich wollte damit keineswegs Homosexualität als etwas Schlechtes darstellen.

4.) Was genau passiert am Ende? Tirasan setzt unbewusst Magie ein. Dass das sowohl eine positive und eine negative Seite hat, kann ich jetzt sagen, ohne zu viel über das Ende zu verraten.
WOLLTE er, dass Rustan nicht mehr schwul ist? Darauf kann ich mit einem ganz klaren Nein antworten.
Hat er seine Homosexualität ausgelöscht? Auch ein ganz klares Nein.
Was also hat Tirasan getan? Findet er es gut, was passiert ist und was er nicht absichtlich gemacht hat? Nein, er hatte ein falsches Bild von seinem besten Freund und das bemerkt er erst zu spät und deshalb macht er hat einen Fehler. Das war das Problem. Eigentlich sieht er Rustan nicht als jemand, der in ihn verliebt ist, das Liebesgeständnis (was für mich absolut Sinn macht und richtig ist), war von ihm noch nicht verdaut. Als er die Welt ändert, zeigt das nur seine bewusste und unbewusste Sicht auf die Welt, die dann Wirklichkeit wird.

Aber ist seine Magie wirklich stärker als zum Beispiel Rustans Gefühle? Das war eine der Fragen, von der ich wollte, dass sich die Leser sie stellen. Die Antwort ist eigentlich für die Fortsetzung geplant gewesen. Aber ich verrate sie jetzt. NEIN, Tirasans Magie ist nicht stärker als Rustans Gefühle. Sie verschleiert sie für eine Zeit lang. Sie ändert nicht, wer Rustan ist. Rustan vergisst nur eine Weile, dass Tirasan nicht nur sein bester Freund ist und er in ihn verliebt ist.

Es tut mir leid, dass ein falscher Eindruck entstanden ist und sich jetzt Personen verletzt fühlen, Das lag nie in meiner Absicht. :'(

Ich denke, damit sind die wichtigsten Punkte geklärt und zumindest ich freue mich auf die nun angekündigte Fortsetzung. In den kommenden Wochen wird es noch ein Interview mit der Autorin auf “Like a Dream” geben, um alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. An dieser Stelle möchte ich mich bei all denen entschuldigen, die sich durch die Antworten gespoilert fühlen – immerhin habe ich Verlag und Autorin quasi dazu gezwungen, die Karten auf den Tisch zu legen. Dennoch bin ich mir sicher, dass es auch in der Fortsetzung noch genug Neues zu entdecken gibt, um die weiterzulesen.

Inzwischen hat Nivole Godzek mehr zu “Die gestohlen Wirklichkeit” auf ihrem Blog bekanntgegeben, u.a. den Klappentext:

Einst bestimmte die Magie der Namen dein Leben. Dein Aussehen, dein Beruf, dein ganzes Umfeld – all das oblag nicht deiner Entscheidung. Doch ein mächtiger Zauber veränderte die Vergangenheit. Jetzt darfst du wählen: Was du sein willst. Wen du liebst. Oder an wem du dich für das rächst, was dir genommen wurde …

Anderta führt ein Doppelleben. Tagsüber ist sie eine harmlose Wahrsagerin, die mit ihrem Partner durch die Städte tingelt, nachts eine gerissene Diebin. Sie ist glücklich. Doch eines Tages verändert ein Zauber die Wirklichkeit – und Anderta scheint die Einzige zu sein, die sich an ihre wahre Vergangenheit erinnert. Ihr Leben wird vollständig auf den Kopf gestellt, als sie sich plötzlich um ihren kleinen Sohn kümmern soll, von dem sie noch nie zuvor gehört hat. Darüber hinaus läuft ein Auftrag schief und ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Als dann auch noch ihre Beziehung zu ihrem Partner auf der Kippe steht, ist sie wild entschlossen, ihr altes Leben um jeden Preis von dem Schuldigen zurückzufordern: Tirasan Passario. Dieser ahnt hingegen nicht, in welcher Gefahr er schwebt. Wohl aber ist ihm die Schwere seiner Tat bewusst, im Guten wie im Schlechten. Denn auch Tir schmerzt der Verlust seiner Vergangenheit. Gerade die Beziehung zu seinem Freund und Beschützer Rustan ist komplizierter denn je, denn Tirasan weiß genau, was Rustan heimlich für ihn empfindet – nur hat dieser sein Liebesgeständnis von einst völlig vergessen. Dabei war er ihm noch eine Antwort schuldig, über die er sich selbst erst klar werden wollte … Doch sowohl Anderta als auch Tir müssen feststellen, dass es nichts bringt, der Vergangenheit nachzutrauern, wenn man dadurch die Gefahren der Gegenwart nicht erkennt …

Vielen Dank an Piper und Nicole Gozdek für die schnelle Aufklärung und die offenen Worte.

Liebe Grüße,
Juliane Seidel

[ROMAN] Die Anderen von Chris P. Rolls


Autor: Chris P. Rolls
Taschenbuch: 412 Seiten
ISBN: 978-3-959490146
Preis: 7,99 EUR (eBook) | 16,90 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Finn hat mit Vampiren, Dämonen und übersinnlichem Kram wenig am Hut. Das ändert sich als er eines Abends von einem Vampir angegriffen und fast getötet wird. Nur mit viel Glück kommt er mit dem Leben davon, hat allerdings fortan das Problem, dass das Wesen ihn verfolgt und vor seiner WG auflauert. Schließlich zieht Finn von Hamburg nach Lüneburg, in der Hoffnung, dort sein studentisches Leben in Frieden zu verbringen – er findet sogar in einer Gruppe Mittelalter-Freaks neue Freunde. Doch das Wesen, was sich schließlich als Dämon offenbart, folgt ihm, denn Finns Blut ist in vielfacher Hinsicht etwas Besonderes. Das erkennt auch Finns dämonischer Verfolger Dave, der alles daran setzt den unschuldigen Studenten zu verführen. Dabei nimmt er in Kauf, etwas in Finn zu wecken, was für einen Dämon tödlich enden könnte.

Eigene Meinung:
„Die Anderen – Das Dämonenmal“ ist eine Gay-Mystery Trilogie von Chris P. Rolls und erscheint in Neuauflage beim Main Verlag. Ursprünglich brachte der inzwischen insolvente FWZ-Verlag die Geschichte um Finn und Dave in mehreren dünnen Heften heraus; für die Neuauflage wurden die Romane von der Autorin erneut überarbeitet. Mit etlichen Veröffentlichungen im Gay Romance Bereich gehört Chris P. Rolls zu den bekanntesten, deutschen Autoren im schwulen Litaeraturmarkt. Ihre Bücher erscheinen sowohl im Selfpublishing, als auch bei den gängigen Genre Verlagen.

Weiterlesen …

Offener Brief an Piper und Nicole Gozdek (“Die Magie der Namen”)

Sehr geehrte Damen und Herren,

nach Beendigung des Romans „Die Magie der Namen“ von Nicole Gozdek komme ich nicht umhin, dieses Leserbrief aus Sicht einer lesbischen Frau zu schreiben, die zutiefst verstört über das Ende des Romans und die damit einhergehende „Anpassung“ des Charakters Rustan war. Zu sagen, dass ich schockiert, wütend und entsetzt war, trifft es nicht im Mindesten. Vielleicht bin ich einfach zu selbstverständlich davon ausgegangen, dass unsere Gesellschaft offener und toleranter wäre; dass Bücher wie „Die Magie der Namen“ (die immerhin eine breite Masse erreichen) nicht auf solche Art und Weise mit sexuellen Minderheiten umgehen und diese auf solch negative Art und Weise darstellen. Mag sein, dass die Autorin dies nicht bezweckt hat, auch weil der Held Tirasan nicht wirklich schlecht oder herablassend von seinem besten Freund denkt, nachdem Rustan ihm seine Liebe gestanden hat (was mich tatsächlich überrascht hat – Rustan kam mir nie schwul vor). Dennoch bekommt dieser Teil der einen extrem schlechten Beigeschmack, als Tirasan am Ende die Wirklichkeit ändert, um alles Böse aus der Welt zu tilgen. Zu diesem Bösen, was der Held vernichtet, gehören auch Rustans Gefühle ihm gegenüber (und wahrscheinlich sämtliche Homosexualität), weil Tirasan mit diesen nicht klar kommt und lieber einen Kumpel hätte, der heiratet und mit dem er (ganz kumpelhaft) alt werden kann.

Die Außenwirkung auf mich als LGBT ist klar:

  • Homosexualität ist etwas Böses, da es zusammen mit dem Bösen von der Welt verschwindet
  • Es ist scheinbar vollkommen in Ordnung, dass Rustan von seiner Homosexualität geheilt wird, da seine Gefühle von Tirasan als nicht normal aufgefasst werden bzw. ihn unsicher machen
  • Rustans Wesensänderung wird einfach hingenommen, nachdem seine Homosexualität verschwunden ist (und sogar für gut befunden), als sei dies etwas Positives. Ein ganzer Charakter wurde grundlegend verändert und von seinem Wesen her absichtlich zerstört (was auch die sogenannten Homo-Heiler heutzutage in Kauf nehmen), ohne dass dies im Buch überhaupt schlecht bewertet wird – im Gegenteil. Tirasan ist glücklich, dass Rustan jetzt offener und fröhlicher daherkommt

Gerade nach dem Massaker in Orlando ist dies für mich ein Schlag ins Gesicht! Es mag ein Fantasy-Buch sein und nur wenige stören sich am Ende des Romans (was zeigt, wie wenig die Rechte von LGBT der Allgemeinheit etwas bedeuten). Aber von einem großen Verlag, der meiner Meinung nach dem Leser gegenüber eine gewisse Pflicht zu erfüllen hat, hätte ich mehr Sorgfalt beim Lektorat erwartet. Rustan hätte nicht schwul sein müssen – seine Homosexualität machte weder Sinn, noch war sie wichtig oder nachvollziehbar. Man hätte diesen Punkt ohne Probleme streichen können, ohne die Handlung grundlegend zu ändern und dieses Fettnäpfchen umschiffen können. Stattdessen wird er am Ende „geheilt“ und „angepasst“, damit er schön in den gesellschaftlichen Rahmen passt und ja nicht „anders“ ist. Das wirkt so herabwürdigend sexuellen Minderheiten gegenüber, dass mir die Worte fehlen.

Ich hoffe sehr, Sie oder die Autorin nimmt zu diesem Punkt Stellung – es ist mir wichtig, zu erfahren, warum auf diese Art und Weise diese Thematik im Buch aufgenommen und umgesetzt wurde. Für LGBT ist diese Darstellung auf jeden Fall erniedrigend und demütigend, die ich scharf kritisiere.

Der Brief wurde offen auf meinem Blog „Like a Dream“ (www.like-a-dream.de) gepostet.

Mit freundlichen Grüßen,
Juliane Seidel

[NOVELLE] Anna und Eva von Jana Walther


Autor: Jana Walther
Taschenbuch: 100 Seiten
ISBN: 978-1-530738397
Preis: 2,99 EUR (eBook) | 6,00 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Bereits bei ihrem ersten Treffen ist die Künstlerin Anna von Eva fasziniert, fühlt sich von der leicht maskulinen Art angezogen. Sie setzt alles daran, die introvertierte Frau kennenzulernen, was ihr leichter gelingt als gedacht. Doch schon bald wird offensichtlich, dass Eva ein Geheimnis umgibt, das ihrer wachsenden Liebe zueinander im Weg steht – und das Anna auf die Probe stellt, als Eva sich ihr offenbart …

Eigene Meinung:
„Anna & Eva“ ist ein Kurzroman von Jana Walther, der inhaltlich zu „Nur eine Frage der Liebe“ gehört. Beide Bücher behandeln denselben Zeitabschnitt, jedoch wird in dem schwulen Drama die Geschichte von Phillip und Christoph erzählt, die in „Anna & Eva“ nur am Rande vorkommen. Es empfiehlt sich daher auch den Ursprungsroman zu lesen, da dort einige Ereignisse ausführlicher und umfassender beschrieben werden und sich „Anna & Eva“ ergänzend vorzunehmen. Auf jeden Fall ist es schön, dass die Autorin dem Wunsch der Fans nachgekommen ist und Anna und Eva einen eigenen Roman gegönnt hat. Weiterlesen …

[ZITATE-FREITAG] Chaosprinz

Hallo ihr Lieben,

heute habe ich einen witzigen, lockerleichten Gay Romance für den Zitate-Freitag im Gepäck. Im Grunde sind es sogar 2 Bücher, die ich jedoch stets zusammen vorstelle, da die Geschichte fast 1.200 Seiten umfasst und nur für die Veröffentlichung auf 2 Bücher aufgeteilt wurde. Es kommt selten genug vor, dass ich mich für eine Alltagsgeschichte inkl. Drama, Soap-Opera und viel Herzschmerz begeistere, doch Katja Kober hat mich mit ihrem “Chaosprinz” wirklich mitgerissen. Einige Szenen finde ich noch immer zu Brüllen komisch, andere gehen mir ans Herz. Daher will ich euch dieses Mal Tobi, Alex und all die Chaoten vorstellen, die in “Chaosprinz” vorkommen und euch gleichmaßen die skurrilen Verwicklungen empfehlen.

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meine Rezension

»Das Bett?«

»Ja, wieso? Ich find’s toll!«

»Naja, ist das nicht eher ein Mädchenbett?«

Wow, jetzt bin ich sprachlos. Was will er denn von mir? Soll ich das Bett da ganz vorne nehmen, das die Form eines blauen Rennautos hat? »Wie wäre es mit diesem hier?« Er deutet auf ein Modell aus hellbraunen Kiefernholz neben uns, dabei vollführt er mit dem Arm eine Bewegung, als wäre er eine blonde, vollbusige Glücksfee: Das ist Ihr Hauptgewinn!

»Warum ist das ein Mädchenbett?« frage ich leise.

»Keine Ahnung! Weil normalerweise Mädchen so ein Bett haben…«

Starkes Argument, her mit dem Kiefernholz, ich bin ein ganzer Mann, ich will einen Baum fällen. Oder nein, noch besser: Ich scheiß auf Betten, ein richtiger Mann schläft draußen am Lagerfeuer oder beim Vieh im Stall!

»Ich mag das Bett und schau mal, es heißt Noresund… Ein männlicher Name, findest du nicht?«

“Chaosprinz”, Band 1, S. 100 (c) Katja Kober / Cursed Verlag

Meine Arme schlingen sich um seinen Hals, ziehen ihn näher zu mir herunter. Ich lege den Kopf zur Seite, damit seine Zunge noch tiefer in meinen Mund eindringen kann. Unsere Zungen tasten einander ab, suchen und finden einen gemeinsamen Rhythmus. Der Kuss wird immer leidenschaftlicher, immer fester… Wir schaffen es nicht, uns von dem anderen zu lösen. Ich spüre, wie mir langsam die Luft ausgeht. Doch will ich den Kontakt nicht abbrechen.

Schwer atmend beenden wir den Kuss. Meine Hände streichen durch das weiche, blonde Haar in seinem Nacken. Das fühlt sich so toll an… Warm und unregelmäßig streift sein Atem mein Gesicht. Ich halte die Augen immer noch geschlossen. Blinzelnd zwinge ich mich, zu ihm aufzuschauen. Er ist so schön… Seine grauen Augen glitzern voller Leidenschaft. Er sieht mich ernst an.

»Bitte, schlaf mit mir!«

Mein Herz bleibt stehen.

“Chaosprinz”, Band 1, S. 169-170 (c) Katja Kober / Cursed Verlag

Und dann trifft es mich wie ein Fausthieb mitten ins Gesicht. Ich habe das Gefühl, als ob mich ein heftiger Schlag nach hinten taumeln lässt, mir die Luft aus den Lungen presst. Ich kann nicht mehr richtig atmen… Ja, es gibt egoistische, selbstgerechte Menschen, denen es egal ist, wen sie verletzen und was sie zerstören. Menschen, die dem Partner ihrer Affäre auch noch eiskalt ins Gesicht schauen, ohne jede Reue, und dabei nur eifersüchtig denken Gib ihn her, ich will ihn! Solche Menschen gibt es…

Mich!

Als Alex und ich miteinander geschlafen haben, war er bereits mit Anja zusammen und ich kann nicht behaupten, dass ich davon nichts wusste. Und selbst jetzt, nachdem ich Anja kennengelernt habe, verspüre ich nicht den Hauch eines Schuldgefühls. Im Gegenteil, sollte Alex mich hier und jetzt bitten, wieder mit ihm zu schlafen, würde ich sofort zustimmen.

“Chaosprinz”, Band 1, S. 314 (c) Katja Kober / Cursed Verlag

»Und wer bist du? Du urteilst doch auch über mich. Du sagst, meine Trauer ist kindisch…«, fauchte ich mit belegter Stimme und klang dabei nicht halb so angriffslustig, wie ich es eigentlich wollte. »So ein Schwachsinn. Du darfst so viel leiden, wie du willst, ich möchte doch nur, dass du deinen Liebeskummer ohne große Wunden und tiefe Narben überstehst…« Marcs Stimme war leise.

Ich lag immer noch in seinem Arm, schaute stumm zu ihm auf. Ich war nicht mehr böse. Schweigend lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter. Manu reichte mir die Tasse mit dem heißen Tee. Ich trank. Es ging mir schon ein klitzekleines Bisschen besser… ein ganz klitzekleines bisschen…

»Dieser Kerl war sowieso nicht gut genug für dich«, brummte Manu. »Auf einen heuchlerischen Feigling kannst du gut verzichten.« Er machte ein überzeugtes Gesicht und nickte, wie um seine eigene Aussage noch zu bestätigen.

»Vielleicht…«, flüsterte ich. »Trotzdem vermisse ich ihn… trotzdem liebe ich ihn…«

“Chaosprinz”, Band 1, S. 399 (c) Katja Kober / Cursed Verlag

»Willst du mir vorwerfen, ich wäre ein schlechter Vater?« Seine Stimme klingt seltsam gebrochen.

»Willst du mir sagen, du wärst ein guter?« Tränen laufen mir die Wangen herunter. Wir schweigen.

»Geh in dein Zimmer«, sagt er leise. Ich bewege mich nicht. Stumm stehe ich auf der untersten Treppenstufe und sehe ihn an. »Geh jetzt in dein Zimmer.«

»Du kennst mich nicht. Du weißt nichts über mich. Ich bin dir egal.« Ich weine.

»Du sollst in dein Zimmer gehen. Ich kann das jetzt nicht.«

»Ich bin schwul.«

Er starrt mich an. Es ist so still… nichts ist zu hören… nicht einmal unser Atmen… Vielleicht haben wir in diesem Moment auch damit aufgehört…

»Geh jetzt in dein Zimmer«, haucht er mit rauer Stimme.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe?« Ich zittere.

»Verdammte Scheiße, Tobias, ich will, dass du jetzt verschwindest, verstehst du. Geh in dein Zimmer!« Er schreit.

Ich drehe mich um und steige die Treppe nach oben. Heulend. Und heulen tue ich auch noch, als ich endlich in Noresund liege, das Gesicht fest in die Kissen gepresst.

“Chaosprinz”, Band 2, S. 62-63(c) Katja Kober / Cursed Verlag

»Du hast recht«, meint Marc schließlich an Alex gewandt. »Ich kann nicht in dich hineinschauen. Doch ich bin ein wahnsinnig oberflächlicher Mensch und von daher anfällig für die rein offensichtlichen Liebesbekundungen. Also, was kannst du mir anbieten?« Er sieht Alex herausfordernd an.

»Im Grunde nichts«, gibt Alex gelassen zu. »Bis auf die Tatsache, dass ich hier in der Wohnung seiner Freunde sitze, mich von wildfremden Leuten anschnauzen lasse – und glaub mir, das kommt nicht häufig vor – und die Brote esse, die er mir die ganze Zeit über schmiert.« Und mit diesen Worten dreht er sich zu mir um.

»Bambi, lass das bitte. Wie soll ich die denn alle schaffen?« Er deutet auf seine drei Brote und das vierte, das ich gerade mit Leberwurst bestreiche. Ich bin perplex, verwirrt und gerührt.

»Ich dachte nur… ich wollte«, stammle ich leise. »Du hast heute Morgen kaum was gegessen und gestern bist du den ganzen Abend weg gewesen und auch meine Spaghetti…«

Er lacht. »Deine Spaghetti habe ich leer gegessen«, verteidigt er sich grinsend.

»Aber geschmeckt haben sie dir nicht.«

»Stimmt.«

Wir sehen uns in die Augen. Mein Herz schlägt. Marc und Jens beobachten uns schweigend. Es dauert ein bisschen, bis ich mir ihrer Anwesenheit wieder so richtig bewusst werde. Mit roten Wangen und einem dümmlichen Grinsen auf den Lippen suche ich nach Marcs Blick. Ich weiß nicht, was ich hoffe, darin zu erkennen. Vielleicht Mitgefühl, Freude, Verständnis oder Einsehen. Keine Ahnung.

Als sich unsere Blicke treffen, ist nicht die eine oder andere der eben genannten Emotionen zu erkennen, sondern alles zusammen.

“Chaosprinz”, Band 2, S. 303 (c) Katja Kober / Cursed Verlag

»Du kapierst es nicht«, brüllt Pa zurück. »Du kapierst es genauso wenig wie deine Mutter. Ich wusste, dass du dir ein beschissenes Spielzeugauto wünschst, aber –«

»Warum hast du es mir dann nicht gekauft?«, schreie ich. »Wieso war es dir egal?«

»Es war mir nicht egal! Es war mir zu wenig!« Heftig atmend starrt er mich an. »Ich wollte dir ein Geschenk machen, das du für den Rest deines Lebens behalten würdest. Ich wollte dir etwas geben, das eine Bedeutung hat. Ich wollte, dass du mit diesem Füller deine ersten Worte schreibst, dass dieser Füller dich durch dein Leben begleitet. Dass du mit ihm deinen Arbeitsvertrag, den Mietvertrag für die erste Wohnung, deine Heiratsurkunde unterschreibst… Ich wollte, dass du ihn irgendwann deinen Enkelkindern zeigst und sagst: Den Füller habe ich zur Einschulung von meinem Vater bekommen, er hat mich durch mein gesamtes Leben begleitet! Ich dachte einfach, es wäre eine schöne Geste… Ein Geschenk, das dich immer irgendwie an mich erinnert… Ein Geschenk, das ein Vater seinem Sohn machen könnte… Aber scheinbar habe ich da falsch gedacht…«

“Chaosprinz”, Band 2, S. 339 (c) Katja Kober / Cursed Verlag

»Und deshalb hast du mich benutzt…?« Hässliche Assoziationen blitzen in meinem Hirn auf. Ich drehe mich mit ernster Miene zur Seite…

»Ich würde nicht benutzt sagen«, murmelt Alex.

»Nein? Und wie würdest du dein Verhalten vom Sonntag bezeichnen?«

Ich zittere nervös.

Er schweigt wieder. In meinem Bauch kribbelt die Ungeduld. Und in meinem Hals der reizende Husten. Ich räuspere mich und huste leise. Keine zwei Sekunden später wird die Wohnzimmertür aufgerissen und Marc steht im Raum.

»Was ist?«, fragt er schwer atmend. »Hast du gerade hysterisch gehustet?«

Ich weiß erst nicht, worauf er hinaus will, und starre ihn genauso verwirrt an wie Alex und Manu, der nun hinter Marc auftaucht.

»Ähm, nein, habe ich nicht«, krächze ich unsicher.

»Doch, hast du, ich habe es doch ganz deutlich gehört.« Marc ist sich sicher. »Alex, sag mal, hat er hysterisch gehustet, oder nicht?«

Alex sieht erst Marc, dann mich an. »Keine Ahnung. Mir fehlen die Vergleichsmöglichkeiten. Vielleicht könntest du mal vorhusten, Bambi? Einmal normal und einmal hysterisch, bitte.«

“Chaosprinz”, Band 2, S. 526 (c) Katja Kober / Cursed Verlag

Tom ist mittlerweile vom Sofa gefallen und liegt nun keuchend am Boden. Martin laufen die Lachtränen an beiden Wangen herunter und die Mädchen prusten immer noch hinter vorgehaltenen Händen. Ich darf nicht lachen. Ich beiße mir so sehr auf die Unterlippe, dass es schon richtig wehtut.

»Ich warte…«, zischt Alex.

»Das sehe ich«, murmle ich leise. Wenn ich nur wüsste, worauf.

»Gehst du in Deckung? Oder versteckst du dich? Oder…« Mir fällt beim besten Willen nicht ein, was er darstellen möchte. Alex schüttelt bei jedem Vorschlag den Kopf.

»Ich kann nicht mehr«, keucht Tom am Boden. »Hört auf, bitte, mein Bauch tut weh.«

»Zeit ist um«, ruft Luca lachend.

Sofort springt Alex auf. Wütend starrt er mich an.

»Ich war ein brütendes Huhn, du Vollidiot!«, faucht er und lässt sich schwer neben mir auf das Sofa fallen.

“Chaosprinz”, Band 2, S. 549 (c) Katja Kober / Cursed Verlag

Ich hoffe, euch gefällt meine Auswahl – dieses Mal sind es mehr Zitate, da es ja immerhin 2 Bücher sind (es ist gar nicht so einfach was passendes aus 1.200 Seiten rauszufiltern). Wer jetzt Lust bekommen hat, sollte sich die Bücher auf jeden Fall zu Gemüte führen 😀

Liebe Grüße,
Juliane

[ROMAN] Nennen wir sie Eugenie von Maria Braig


Autor: Maria Braig
Taschenbuch: 135 Seiten
ISBN: 978-3-95667-061-9
Preis: 4,99 EUR (eBook) | 11,80 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Eugenies Leben ist perfekt – sie hat liberale Eltern, liebevolle Brüder und in Seraba eine Partnerin, auf die sie bauen kann. Dass ihre Liebe in Senegal unter Strafe steht und mit Gefängnis geahndet wird, stört die beiden Frauen nicht, da sie ihre Beziehung im Geheimen ausleben. Das ändert sich, als ihre Familie einige SMS lesen und herausfinden, dass Eugenie mit einer Frau zusammen ist. Schneller als Eugenie denkt, wird sie fallengelassen – von ihrer Familie und ihren Freunden. Um der Polizei zu entkommen, die schon bald steckbrieflich nach ihr sucht, flieht sie mit Serabas Hilfe nach Deutschland, in der Hoffnung dort Asyl zu bekommen und ein neues Leben zu beginnen. Doch der Asylprozess ist langwierig und zermürbend, und die Aussichten auf Anerkennung ihres Antrags verschwindend gering …

Eigene Meinung:
Mit dem Kurzroman „Nennen wir sie Eugenie“ spricht Maria Braig einmal mehr die Themen Flüchtling und LGBT an. Dieses Mal widmet sie sich der lesbischen Eugenie, die es laut Nachwort wirklich gab. Natürlich sind nicht alle Ereignisse originalgetreu – vieles entspringt der Fantasie der Autorin oder wurde von anderen Schicksal beeinflusst – dennoch dürften Fälle wie Eugenies nicht so selten sein, wie man vielleicht glaubt. Weiterlesen …

[ROMAN] Spanische Dörfer von Maria Braig


Autor: Maria Braig
Taschenbuch: 188 Seiten
ISBN: 978-3-95667-239-2
Preis: 4,99 EUR (eBook) | 11,80 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Drei vollkommen unterschiedliche Menschen nehmen ihr Leben selbst in die Hand, um ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und in der Ferne neu zu beginnen: eine junge Frau, die sich auf der Flucht aus Afrika den Namen La Marche gibt und deren Ziel es ist in Europa ein neues, freies Leben zu beginnen, der junge Transmann Enrique, der Spanien verlässt um in Deutschland einen Job als Architekt zu finden und sein bester Freund Leon, der von Geburt an ein Chromosom zu viel und als Mensch mit Down-Syndrom mit etlichen Vorurteilen zu kämpfen hat.

Die Wege der drei kreuzen sich immer wieder – gerade Enrique und La Marche treffen mehrfach aufeinander, während sie zunächst allein, später zusammen einen Weg suchen, um in Deutschland einen Platz zu finden. Doch da sie sind genauso große Außenseiter sind wie Leo, fällt es ihnen nicht leicht, sich eine Zukunft aufzubauen.

Eigene Meinung:
„Spanische Dörfer“ ist der neueste Roman der Autorin Maria Braig, die sich vorwiegend auf die Themen Flüchtlinge, LGBT und die damit einhergehenden Probleme spezialisiert hat. So erschienen beim Verlag 3.0 bereits die Romane „Amra und Amir“ und „Nennen wir sie Euginie“, die beide von Flucht, Abschiebung und Homo- bzw. Transsexualität handeln. Weiterlesen …

[ZITATE-FREITAG] Zusammen finden

Hallo ihr Lieben,

den heutigen Zitate-Freitag möchte ich noch einmal dazu nutzen, auf unsere Benefiz-Anthologie aufmerksam zu machen, die im letzten Jahr erschienen ist. Da ich selbst eine Geschichte für „Zusammen finden“ geschrieben habe, habe ich nie eine Rezension verfasst, sondern lediglich eine Buchvorstellung geschrieben. Sämtliche Einnahmen kommen einer schwer kranken Autorenkollegin zugute, daher will ich den Zitate-Freitag nutzen, um euch einen kleinen Einblick in die Geschichten zu gewähren – aus diesem Grund findet ihr dieses Mal mehr Zitate, da ich mir aus jeder Kurzgeschichte eine kurze Passage herausgesucht habe. Ich hoffe sehr, dass der ein oder andere der Anthologie eine Chance gibt. „Zusammen finden“ ist ein lesenswertes Projekt, das von 15 Autor*innen ins Leben gerufen wurde.


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Buchvorstellung

Innerlich bin ich wie betäubt, gelähmt durch den Schmerz, der sich in mir ausbreitet und mir die Luft abschnürt. In meinem Hals ist es eng, in meinen Augen sammeln sich Tränen. Noch so ein Kerl, dem ich nicht gut genug bin! Aber ich will jetzt nicht heulen! Nein, nicht schon wieder!

Scheiße, Olli, du hast es verbockt. Da steht ein toller Typ vor mir und ich habe nichts Besseres zu tun, als mich ihm an den Hals zu werfen und damit alles zu verderben.

Nee, Momentchen mal. Stopp und zurück auf Anfang … schließlich hat er doch angefangen, mich zu küssen, oder? Was ist nur in seinem Kopf vorgegangen? Sämtliche Signale, die er aussendete, sagten mir, dass er mich mag, dass er mich begehrt …

“Der Werwolf von nebenan” / “Zusammen finden”, S. 40 (c) Bianca Nias / Susann Julieva

Der junge Mann hob die Achseln. »Ich bekomme zwar einen Zugang zu den Magielinien, kann sie aber nicht kontrollieren und meinem Willen unterwerfen. Die magischen Formeln wollen mir einfach nicht im Gedächtnis bleiben.«

Nazar stieß ein kurzes, bellendes Lachen aus. »Bei den Göttern, Marit hatte recht. Wir passen wirklich gut zusammen – du kannst die Macht des Landes anzapfen, ich merke mir die passenden Zaubersprüche.«

»Vielleich sollten wir uns zusammentun …« Kiama seufzte und ließ den Kopf in den Nacken fallen. »… wenn das nur möglich wäre.«

“Zwillingsmond” / “Zusammen finden”, S. 59-60 (c) Juliane Seidel

Schritt für Schritt nähere ich mich der blinkenden Holztribüne. Meine Hand greift in die Tasche, ertastet die Chips und …

Zwei!

Es sind nur zwei Chips in meiner Tasche.

Das kann nicht sein.

Genau in diesem Moment schaut er auf. Er sieht mich, lächelt und streckt mir seine Hand entgegen. Er will den Chip.

Der Traum, der fehlende Chip.

Ohne zu denken, drehe ich mich um.

Ich flüchte.

Nur zwei Chips? Wie kann das sein?

Magische Mandeln.

“Charlys Chip” / “Zusammen finden”, S. 91 (c) Jobst Mahrenholz

Ich habe noch nie ein dermaßen schwermütiges Lächeln gesehen.

»Etwas, das Flügel besitzt, darf man nicht einsperren.«

»Er käme draußen nicht mehr zurecht.« Vielleicht weiß er nicht einmal mehr, wie man sie richtig benutzt. »Er würde sterben, so alt, wie er ist.«

»Und vorher zum ersten und letzten Mal in seinem Leben fliegen.« Er entlässt den Rauch aus seinem Mund, drückt die Zigarette aus.

Seine Traurigkeit ist ebenso spürbar wie die Elektrizität in der Luft.

“Rabendieb” / “Zusammen finden”, S. 107 (c) S. B. Sasori

»Wegen heute Nachmittag? Bist du deswegen so komisch?«

»Ich bin einfach kaputt, Perk, mehr nicht.«

Thor drückte die Zigarette auf dem Boden aus. Für ihn schien die Diskussion beendet, doch in Dylan schürte sie nur erneutes Feuer. Er folgte Thor ins Wohnmobil, wo er zu zetern begann.

»Erzähl mir doch nichts … Seit meinem Besuch in diesem Bordell behandelst du mich wie Scheiße! Wenn es dir so gegen den Strich geht, dass ich dort war, wieso hast du mir dann Geld gegeben? Wieso hast du mich ermutigt, dorthin zu gehen?«

“Dylan und Thor – on the road – ein Zwischenspiel”/ “Zusammen finden”, S. 125 (c) Justin C. Skylark

Auf dem Flur vor ihrer Tür blieb er stehen. Etwas kribbelte in seinem Nacken. Das unangenehme Ziehen kannte er. Zumeist fühlte es sich so an, wenn ihn jemand anstarrte. Hinter ihm knackte der Schlüssel im Schloss. Das Fräulein hatte abgeschlossen. All seine Freunde, ausgenommen Konrad, der auf ihn wartete, gingen die Treppe hinunter. Ein kalter Hauch streifte Heinrichs Wange. Der Geruch nach ungewaschenem Mann umfing ihn. Hinter sich fühlte er einen warmen Körper, der ihn nicht berührte. Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen. Sein Herzschlag beschleunigte sich und pumpte Hitze durch seine Adern. Hinter ihm stand jemand! Er fuhr herum.

“Hunger” / “Zusammen finden”, S. 139 (c) Tanja Meurer

Als ich mich nicht rühre, runzelst du die Stirn und bedeutest mir, mich aufzusetzen. Verwundert tue ich dir den Gefallen. Meine Rechte berührt etwas Kühles, doch ich kümmere mich nicht darum. Überhaupt kümmert mich kaum noch etwas, nicht einmal dein bekleidetes Ich neben meinem nackten Selbst.

Ich sehe den Bildschirm des Laptops, vielmehr das Foto darauf. Ich starre es an, würde es am liebsten löschen, nein, besser den Computer in einem Wasserfass versenken. Mir wird ganz anders. Ich kann nicht fassen, dass du mir das angetan hast. Mein Blick irrt zu meiner rechten Hand, zu dem Stein, den sie gestreift hat.

Da liegt er, hemmungslos, nackt, lang ausgestreckt neben mir. Dein Steingott. Er, mit dem unser Streit begann.

“Das steinerne Bild” / “Zusammen finden”, S. 188 (c) Raik Thostadt

»Wir haben uns zuletzt vor sieben Wochen getroffen. Sieben, Jonas!«

Schnell stopfe ich ein weiteres Stück des Kuchens in meinen Mund.

»Eigentlich sieht dir das gar nicht ähnlich. Ich meine, für ein paar Minuten hast du sonst immer Zeit. Was ist los, Jonas?«

Ich kaue hektisch, zerteile das restliche Kuchenstück in passende Happen. Konzentriere mich ganz auf diesen Teller.

»Habe ich dich verärgert?« , fragst du weiter. Du bist wirklich hartnäckig.

»Nein, nein!« , beeile ich mich zu sagen.

»Warum gehst du mir dann aus dem Weg?«

“Sehnsucht ist ein subtiles Gefängnis” / “Zusammen finden”, S. 196 (c) Rosha Reads

Auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise befindet sich das von Jacob Epstein gestaltete und einem fliegenden Engel getragene Grab von Oscar Wilde, der sich zu einer Zeit, als Homosexualität noch als Sodomie bezeichnet wurde, schwanken sah zwischen der Liebe zu seiner Frau und seinen beiden Kindern und jener zu Männern, im Speziellen zu dem  wesentlich jüngeren Lord Alfred Douglas, den er Bosie nannte. Inmitten der Bigotterie des viktorianischen England stand Wilde zu seiner Neigung und musste dafür teuer bezahlen.

“Liebe ohne Namen – Oscar Wilde (1997)” / “Zusammen finden”, S. 200 (c) Paul Senftenberg

Nach dieser ungestümen Nacht folgte ein zärtlicher Morgen. Jan war nicht in den Sinn gekommen, Camille hinauszuwerfen. Und Camille machte keine Anstalten zu gehen. »Es ist mir, als müsste das hier mit uns so sein«, begann Camille, als er am späten Nachmittag sichtlich ungern ins Auto stieg, um nach Hause zu fahren. Jan fühlte dasselbe. Trotzdem war er vorsichtig, seine Gefühle zu äußern. Camille war deutlich offener. Er schien sein Seelenleben genauer zu kennen. Jan hatte den Eindruck, dass er wusste, was er wollte, und zeigte es Jan.

Nach ihrem ersten Zusammentreffen folgten weitere. Camille legte eine Hartnäckigkeit an den Tag, die ihm imponierte. Mehr und mehr verfiel Jan seinem fröhlichen Temperament, dessen Art, das Leben zu sehen.

“Von Liebe, Anhänglichkeiten und Fluchten” / “Zusammen finden”, S. 209 (c) Karolina Peli

Einen Augenblick lang geschah gar nichts, doch dann hob der andere zögerlich seine Hand, deutete auf seinen Mund und schüttelte den Kopf, gestikulierte fahrig mit den Händen vor der Brust herum. Und es dauerte einen Moment, ehe Finn begriff, dass es kein nervöses Gefummel, sondern … Gebärdensprache war, die der andere ausführte. Finn war verwirrt. Und überfordert. Und ein klein wenig erleichtert. Mit allem hatte er gerechnet, nur damit nicht und doch … Es machte den anderen seltsamerweise nur noch liebenswerter für ihn, der jetzt mit rosa Wangen und gesenktem Kopf vor ihm stand.

Wieder griff Finn nach ihm, nach seinem Oberarm, vorsichtig, und drückte ihn leicht, ehe er seine Hand löste und sich auf das, was er einst gelernt hatte, besann.

“Zwischen Sojafleisch und Pinot noir” / “Zusammen finden”, S. 222 (c) Schännieh Dunkelstrauch

»Warst du schon einmal hier?«, frage ich ihn auf Englisch.

»Vor langer Zeit«, antwortet er und seine Augen werden dunkel. Oh mein Gott. Egal, ob er es ist oder nicht, ich hoffe, er bleibt bis heute Nacht – ich kenne da eine Stelle im Olivenhain, die ich ihm gern zeigen würde. Aber ich wage nicht, noch weiter zu fragen, und er sagt auch nichts mehr, obwohl ich sehe, dass ihm etwas auf der Zunge liegt. Ich wende mich wieder meinen Aufgaben zu, nur unsere Blicke treffen sich ab zu. Die Ravioli meiner Mutter scheinen ihm nicht zu schmecken.

“Nie vergessen – Non dimenticato mai” / “Zusammen finden”, S. 238 (c) Moritz Berg / J. Walther

Du hast so oft Tonnen von Wut und Frust neben mir in den Wald gebrüllt, hast mit Stöcken gegen die Stämme geschlagen, bis diese zersplitterten, Steine in den Bach geworfen, dass das Wasser bis zu uns hoch spritzte. So oft bist du vor mir durch die endlosen Grasflächen der Brachen und in den Traktorspuren der Felder gerannt. Wiesen und Getreidefelder gehörten uns. Milliarden von spindeldürren Fingern, die unsere Beine und Handflächen streichelten, die hilflose Wut, die unerwünschten Gedanken kurzfristig vertrieben. Deine wie meine.

Wir hatten uns. Untrennbar und dennoch nicht gemeinsam.

Je mehr ich dich leiden sah, desto stärker verschloss ich meine Probleme in mir. Du warst immer der Stärkere von uns beiden. Was habe ich dich dafür bewundert und konnte dir genau deswegen nie etwas sagen.

“Die Anmut von Gras” / “Zusammen finden”, S. 256 (c) Chris P. Rolls

Solltet ihr Lust auf mehr haben, würden wir uns freuen. Sämtliche Einnahmen werden gespendet 🙂

Liebe Grüße,
Juliane

[ROMAN] Amra und Amir von Maria Braig


Autor: Maria Braig
Taschenbuch: 188 Seiten
ISBN: 978-3-95667-137-1
Preis: 4,99 EUR (eBook) | 11,80 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Kurz nach ihrem 18. Geburtstag entwickelt sich das Amras Leben in einen Albtraum. Obwohl sie in Deutschland geboren wurde, Freunde und einen Ausbildungsplatz besitzt, will man sie in den Kosovo abschieben, aus dem ihre Eltern vor ihrer Geburt geflohen sind. Alle Kämpfe, Klagen und öffentliche Kampagnen nützen nichts – Amra kommt in ein Land, wo sie weder die Sprache beherrscht, noch dem sie sich verbunden fühlt. Ihre Zuflucht ist der Bruder ihrer Mutter, bei dem sie unterkommt. Allerdings wird ihr schnell klar, dass Frauen im Kosovo keinerlei Rechte besitzen und als ihr Onkel sie verheiraten will, läuft sie weg, um auf eigenen Beinen zu stehen. Um zu überleben gibt sich das knabenhafte Mädchen als Junge aus und nennt sie sich fortan Amir …

Eigene Meinung:
Mit „Amra und Amir“ schneidet Maria Braig gleich zwei brisante Themen an: Transgender und Flüchtlinge. Gerade letzteres wird sehr ausführlich umschrieben und dargelegt, da sich die Autorin vorwiegend mit der Thematik Flucht, hiesige Asylverfahren und dem Leben von Flüchtlingen auseinandersetzt. Doch auch Amras/Amirs Schwanken zwischen Mann/Frau machen einen großen Teil der Geschichte aus. Weiterlesen …

[AUSWERTUNG] Gewinnspiel Tanja Meurer

Banner Special Week_Tanja

Hallo ihr Lieben,

es wird Zeit das Gewinnspiel aus der Special Week mit Tanja Meurer auszulosen. Einige von euch warten ja bereits auf das Leserinterview und die Gewinnerbekanntgabe. Bevor es soweit ist, will ich mich noch bei den Sponsoren der Preise bedanken: dem Incubus Verlag, Deadsoft Verlag und der Weltenschmiede, die die Buchpreis bereitsgestellt haben. Hier nun erstmal die Antworten auf eure Fragen:

Annabel: Kam jemand Fremdes schon einmal spontan auf dich zu und meinte „Hey, ich hab dein Buch gelesen und fand es echt super!“ oder so? Wie fühlt sich das an?

Wirklich selten, aber wenn es mal vorkommt, dann ist es wie … ich weiß nicht, es lässt sich sicher am ehesten damit erklären, dass danach der Tag rosarot (okay, für mich gold-grün durchleuchtet) ist und ich die ganze Zeit leise vor mich hin schwebe. Dann habe ich das Gefühl, nichts auf der Welt kann mir etwas anhaben und laufe ich zumeist mit einem nicht gerade intelligenten Grinsen durch die Gegend. Davon abgesehen will ich die Person drücken und knutschen, aber das ist so eine typische Woge, ein Gefühlsausbruch, der zwischen herum hibbeln und vor Freude heulen liegt.

Wie war das allererste Feedback zu deinem ersten Werk? Und von wem kam es?

Das kam 08. Januar 2013 von Beate (Gabriele) Tinney (ich nehme jetzt einfach mal “Glasseelen”, denn alles andere waren Kurzgeschichten und Kurzromane). Sie äußerte sich auf Amazon und ihrem Blog mehr als nur überschwänglich: ein neuer Stern am Mysteryhimmel.

Jenny: Ich hätte gerne gewusst: Ob sie bestimmte Lieblingsschauspieler und Lieblingsautoren hat??

Lieblingsschauspieler ist und bleibt Jack Palance 🙂 In seinen ersten Filmen war er der ewige Böse (Panic in the Streets – als Lungenpest infizierter Schwerverbrecher, Mörder ohne Maske – ein fanatischer Auftrags- und Mafiakiller, dem seine Gefühle zu einer Frau zum Verhängnis werden,  Eiskalte Rache – als charmanter, perfider Schauspieler, der sich für seine Ablehnung beim Film rächt, …). Er spielte aber genauso in Die Hölle von Okinawa einen sehr einfachen, naiven, gutherzigen Soldat, und in der Krimiserie Bronk war er Lieutenant Alex Bronkov, der mit Katze und gelähmter Tochter versucht, durchs Leben zu kommen. Genauso habe ich einen irren Faible für Sidney Poitier (Die Saat der Gewalt, Flucht in Ketten, In der Hitze der Nacht, Sneekers, Porgey and Bess, …). Für mich ist er einer der größten schwarzen Schauspieler, die es gibt.

Lieblingsautoren gibt es auch verdammt viele … Derzeit sind es allerdings in erster Linie Sachbuchautoren und Krimi-Autoren. Matthias Blazek ist mit Abstand der beste Sachbuchautor und auf Rangliste 1 bei mir. Er schreibt neutral, nicht meinungsbildend. Das ist für mich sehr wichtig. Joseph Hanson liebe ich (die Dave Brandstetter-Reihe ist genial). Hanson war selbst schwul und beschreibt das schwule Leben in den 60ern bis in die 90er sehr gut. In dieser Zeit lebt und arbeitet sein Protagonist, der alternde Versicherungsdetektiv Dave Brandstetter, der einen Hang zu jüngeren, schwarzen Männern hat und in einem auch seine große Liebe findet. John Ball ist Autor von „In der Hitze der Nacht“ (Inhalt: Es ist Mitte der 60er Jahre. Virgil Tibbs, ein schwarzer Polizist aus Boston, bleibt ausgerechnet in den Südstaaten hängen und wird des Mordes bezichtigt, kann sich aber von dem Verdacht befreien. Er sagt dem extrem rassistischen Chief Gillespie seine Hilfe zu, die dieser nur sehr ungern annimmt, denn für ihn stehen Ruf und Macht auf dem Spiel. Die beiden Männer vertreten grundverschiedene Ansichten. Als Mittler zwischen ihnen dient der Deputy, dessen Schwarzenhass nicht so stark ausgeprägt ist. Über die wenigen Tage lernen die drei Männer eines: Respekt vor seinem Gegenüber, weshalb es ihnen gelingt, den Fall zu lösen.)

Jenny: Und ob sie sich auch schon einmal vorgestellt hat oder denkt zu wissen, wer von den Figuren in Ihren Büchern die Rolle im Film spielen könnte, wenn ihre Bücher veröffentlicht werden würden als Film?? 🙂

Leider leben einige von den Schauspielern, die ich vage als Plot im Kopf hatte, nicht mehr. Bei Christoph Brehm (9mm) wurde ich das Bild von Raimund Harmsdorf (besonders in der Kommissar-Folge: Schwierigkeiten eines Außenseiters, von 1974) nicht los. Hier ein Bild daraus: http://www.eja-online.info/Videoarchiv/Archiv_5/Der_Kommissar/Bilder/78_Schwierigkeiten.jpg
http://image.tmdb.org/t/p/w185/tHzwnRtyZIaYVcuZnRO8zHcfkHQ.jpg
Harmsdorf entspricht (sogar mit Bart) meinem Christoph sehr gut; nicht nett, aber auch nicht böse, einfach ein gruffiger Zeitgenosse mit Verstand und Scharfzüngigkeit.

Für Desirée (Die Seelenlosen) hatte ich vom ersten Moment an Leslie Caron im Kopf: http://mylittleboudoir.com/wp-content/uploads/2011/01/Leslie-Caron.jpg
http://images.fineartamerica.com/images-medium-large/leslie-caron-ca-1955-everett.jpg
Sie passt (allein auch durch all ihre Rollen) perfekt zu Desirée.

Für die meisten anderen Charaktere habe ich lebende Vorlagen, so beispielsweise für Bernd Weißhaupt (Glasseelen / Der Rebell). Der Hauptkommissar ist stark angelehnt an einem meiner ehemaligen Gruppenleiter bei AREVA. Wesen, Aussehen, etc., selbst der Vorname stimmt. Auch Oliver und Camilla haben lebende Originale 🙂

Katharina: Ich bin großer Fan Ihrer Werke! Ich frage mich, wie Sie diese außergewöhnlichen Namen wie “Jaleel” für Charaktere finden.

Merci 🙂

Auf Jaleel kam Juliane. Grundvoraussetzung von meiner Seite war – es sollte grob arabisch sein und klingen. Bei den anderen Namen aus den Seelenlosen habe ich starke Anleihe bei diversen meiner französischen Kollegen genommen. Élodie Rollier setzt sich aus Élodie Delbos und Gabrielle Rollier zusammen, Gwenael Chabod aus zwei anderen Kollegen, etc. 🙂 Für Charaktere mit grob französischem Hintergrund / Wurzeln, ist es immer praktisch, in einem französischen Großkonzern zu arbeiten.

Monja: Erstens: wie bringst du deine Figuren dazu lebendig zu werden, woher holst du dir die Inspiration, dass sie so werden, wie du sie dann schreibst?

Danke Dir 🙂 Ich beobachte Menschen und habe nie Probleme, mich in ihr Gefühlsleben und die Gedankenwelt einzufühlen. Über die Jahre habe ich eine recht gute Menschenkenntnis entwickelt und wirklich viele unterschiedliche Wesensarten erlebt. Von dem vordergründig leichtfüßigen, oberflächlichen Zeitgenossen bis hin zur wandelnden Schwermut, gepaart mit starken, psychischen Erkrankungen. Jede Person hat einen oder viele Gründe sich in der Form darzustellen, wie wir sie aufnehmen; hinter dieser Maske steckt immer eine Vielzahl an Erlebnissen und Erfahrungen, Ängsten Hoffnungen und Freuden. Kein Mensch ist zweidimensional. Durch Umfeld, Entwicklung und Lebensumstände wird die Einzelperson geprägt. All das lasse ich mit einfließen und denke weiter – wie sich welcher Charakter unter welchen Umständen entwickelt, etc. Anhand dieser Überlegungen bin ich während des Schreibens diese Person und fühle, was sie fühlt, denke wie sie und habe die gleichen Ideen und Bedürfnisse.

Monja: Zweitens: (das frage ich Autoren gerne 😉 ): was für ein Tier wärest du gerne, wenn du einen Tag lang eines sein dürftest?

Oh, das ist eine verdammt gute Frage – ich wüsste es nicht. Die meisten Tiere haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie wir, soll heißen, sie sind eingeschränkter und nicht selbstbestimmt, insofern sie nicht wild leben. Den Wunsch wie die Vögel zu fliegen hatte ich nie, weil ich irre Höhenangst habe, zu schwimmen wie ein Fisch – nein, ich liebe Wasser, aber am meisten dann, wenn ich Boden unter den Füßen habe. Faul sein wie unsere Katzenmonster will ich auch nicht. Dafür bin ich zu hibbelig und den Auslauf von Geparden, Gazellen, etc. ersehne ich mir auch nicht. Irgendwie liebe ich Tiere unheimlich, aber ich komme nicht damit hin, eines sein zu wollen 😉 Blöde Antwort, oder?

Monja: Drittens: Was ist dein Lieblingsessen? (ich koche gerne, deswegen frag ich sowas)

Pizza, Eis, Hühnchen (was ich nicht vertrage), Joghurt, … Ich esse wie ein Kind, albern, oder?

Davon abgesehen koche ich auch irre gerne, aber selten Umständliches, Kompliziertes, einfach weil ich faul bin.

Monja: Viertens: brauchst du einen bestimmten Ort zum Schreiben oder reicht dir dein zu Hause oder geht es einfach überall?

Wenn ich die Möglichkeit habe, geht das Überall, aber es darf kein anderer tippen, sonst fliege ich aus dem Gedankengang. Lautes Tasten-Geklimpere irritiert mich vollkommen. Um mich kann es laut sein, Musik oder Film laufen, vollkommen egal, aber es darf keiner schreiben. Ich bin vollkommen Banane, oder?

Monja: Fünftens: was für ein Genre würde dich noch reizen, wenn es denn noch eines gibt?

Science Fiction, Kriegsromane, History (allerdings mit Krimi zusammen und in bestimmten Epochen). An letztem spinne ich schon eine Weile. Ich knorze an einer Krimireihe, die 1914 oder1919 beginnt und 1945 enden soll.

NadjaMit welchem Autor oder welcher Autorin hättest Du gerne mal zum Kaffee oder Wein zusammen gesessen?

Gar nicht so einfach … aber bei meinen besonderen Interessen …? Zuerst fallen mir Matthias Blazek, Bernd Udo Schwenzfeier (mit letzterem haben Jule und ich schon zusammengesessen und geklönt :)). Blazek ist der – für mich – beste Sachbuchautor in Sachen Kriminalhistorik. Bernd war Kriminalhauptkommissar und hat als Autor und Kriminologe einen unfassbaren Wissensschatz 🙂

Nadja: Kannst Du Dich nach dem Beenden eines Buches von Deinen Figuren verabschieden oder besuchen sie Dich weiter ab und an?

Oh, loslassen kriege ich nie hin – warum glaubst Du, schreibe ich Reihen? 😉 Meine Charaktere treten sich teils gegenseitig auf die Füße. Ich kann nicht anders und muss immer mehr über sie (nein, eher mit ihnen) schreiben.

Susanne:  Tanja, wenn du deine Romane schreibst, wie handhabst du es mit deinen Charas?

Meinst Du, wie baue ich sie in die Handlung ein (1.), oder möchtest Du wissen, wie ich sie aufbaue (2.)?

  1. Meistens bestehen die Charaktere schon und ich baue sie nur in das gewünschte Setting ein. Sie sind gezwungen, sich mit ihren ganzen Ecken, Kanten und Ängsten in die Handlung einzufügen. Das ist, als würde ich einen vollkommen normalen Menschen in die Situation eines Kriminalfalls, einer mysteriösen Begebenheit oder einer Serie von unheimlichen Vorfällen stecken. Einige kommen nach anfänglichen Schwierigkeiten damit klar (Oliver aus „Der Rebell“, Camilla aus „Glasseelen“ und „Der Rebell“, Marianne, Rim, Jaleel und Gwenael aus „Die Seelenlosen“, Madame Zaida, Hailey und Masters aus „Rauhnacht“, etc.), andere verwehren sich dagegen (Bernd Weißhaupt aus „Glasseelen“ und „Der Rebell“, Anabelle Talleyrand und Vaucason aus „Rauhnacht“, Jens aus „9mm“). Genauso können sie sich darauf einlassen und daran kaputt gehen wie Christoph Kowalski aus „Glasseelen“ und „Der Rebell“, Kerstin und Jamal Aboutreika, Christian und Michael aus „Der Rebell“, und Antoine Laribe aus „Die Seelenlosen“. Andere sind der Auslöser, so beispielsweise Daniel und Aman aus „Der Rebell“ und Christoph Brehm aus „9mm“.
  2. Ich baue sie wie normale Menschen auf. Bei allen orientiere ich mich an meinem Umfeld, meiner Menschenkenntnis und meiner Lebenserfahrung. Stereotype Charaktere mag ich nicht und nutze sie auch nie. Sie müssen stark, schwach, real und lebendig sein, nachvollziehbar und griffig.

Susanne: Wie merkst du dir wer welche Fähigkeit hat (wenn kein Mensch) und wer was kann?

Viele Jahre Menschenkenntnis und ein brauchbares Einschätzungsvermögen. Da ich keine Stereotypen nutze, komme ich nie durcheinander. Die Charaktere sind ohnehin immer um mich und mit all ihren Vor- und Nachteilen, Ecken und Kanten präsent.

Gabriele: Sehr gerne möchte ich an ihrem Gewinnspiel teilnehmen, jedoch kenne ich die Bücher nicht, interessiere mich aber dafür. daher wäre in dieser Sache meine Frage, um was handeln diese Bücher genau?

Hehehe, lässt sich schwer zusammenfassen. Basis der Bücher, die in der realen Welt spielen, sind oft historische Begebenheiten, die oft schon einige Spannung liefern, oder ich packe die Romane und Kurzgeschichten in einen historischen, meist sehr kritischen Hintergrund und lasse das als stilles Umfeld mit einfließen. Grundhandlung ist fast immer ein Krimi, der eigentlich fast immer in den unheimlichen Bereich abdriftet und sich verschiedener Genre bedient: Mystery, Fantasy, History, Steampunk; alle mehr oder weniger mit schwulen und lesbischen Aspekten.

Bei „Glasseelen“ war die Basis E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und die Berliner Unterwelten, bei „Der Rebell“ ist es eine klassische Geisterhausgeschichte, aber in einem Buchladen und einem sehr alten Mehrfamilienhaus und mit dem Hintergrund eines Krimis, bei „Rauhnacht“ ist die Basis die politische Situation in Groß Britannien.  Victoria hatte in der Zeit Schwierigkeiten überhaupt von ihrem Volk ernst genommen zu werden, zugleich ernannte sie sich aber auch selbst zur Kaiserin Indiens … „9mm“ fällt etwas aus der Reihe und befasst sich unter anderem mit einem meiner Spezialgebiete, dem Kraftfahrer-Gewerbe. „Die Seelenlosen“, das ist ein Fantasy-Krimi … aber mein Tipp, ließ in die Leseproben und schau Dir die Klappentexte an 😉

Mana: Tanja hat mal erwähnt, dass sie früher auch Kinderbücher in altdeutscher Schrift gelesen hat. Was für “moderne” Kinderbücher haben zu ihren Favoriten gezählt? Irgendwie kann ich mir bei ihr sowas Profanes, wie zb “Hanni und Nanni” oder die “Jungs von Burg Schreckenstein” gar nicht so wirklich vorstellen. Aber auch so spezielle Autoren wie sie fangen ja irgendwann mal klein an und waren wohl vorher ganz normale Lesekids :).

Hehehehe, bei „Hanni und Nanni“ hatte ich und habe recht schnell aufgesteckt, weil zu brav und langeilig. „Schreckenstein 1“ kam damals raus, als ich ein Kind war und klar – habe ich auch gelesen, aber ebenso alle „Fünf Freunde“-Bände, alles, was es in den 70ern und Anfang der 80er von den „Drei ???“ gab, bin aber ganz schnell auf Edgar Wallace-Gruselkrimis vom Goldmann-Verlag umgestiegen. Als Kind habe ich auch SciFi angefangen zu lesen. In meinen ersten Teeny-Jahren kamen dann die Stephen King-Romane hinzu (mein erster war die Bertelsmann-Ausgabe von „Es“, dem folgten „Carry“, „Cujo“ (oh, ich liebe das Buch! Was für ein Kammerspiel in der Enge eines Wagens!), „Christine“, „Friedhof der Kuscheltiere“, etc. Aber ich habe als Kind viel vorgelesen bekommen, beispielsweise „Don Quichote“, die Sammlung der „Yellow-Books“ von Oscar Wilde („Das Gespenst von Canterville“ war mein Liebling, weshalb ich auch jede Verfilmung davon konsumiert habe), Bücher von Carlos Castaneda (https://de.wikipedia.org/wiki/Carlos_Castaneda) – eigentlich nix für Kids. Was der Junge mit Drogen experimentiert hat … meine Fresse … Und natürlich E.T.A. Hoffmanns Gruselerzählungen (Favorit: „Der Sandmann“). In der Schule habe ich auch zum ersten Mal „Das Fräulein von Scuderie“ von Hoffmann in die Hände bekommen. Dieses Buch gilt als erster deutscher Kriminalroman der Literaturgeschichte. Es ist Wahnsinn insbesondere, da das Fräulein keine junge Frau ist, sondern eine 73-jährige Dame, die großen Einfluss auf den französischen Königshof hat, eine einflussreiche und (auch in der realen Historie) berühmte Dichterin, deren Protegé Louis XIV. war. https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fr%C3%A4ulein_von_Scuderi

Ja, ich bin immer aus dem Rahmen gefallen 😉 Buchvorstellung 10. Klasse: „Der längste Tag“, ein Kriegsroman von Cornelius Ryan (Kriegsberichterstatter im 2. Weltkrieg): https://de.wikipedia.org/wiki/Cornelius_Ryan
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_l%C3%A4ngste_Tag

Mana: Mit welchem Alter hat Tanja angefangen zu schreiben und welche Art von Geschichten waren das dann? Bzw wie war da so der Werdegang?

Mit acht Jahren, weil mir die Kinderkrimis zu Harmlos waren und ich viel mehr auf Gruselzeug und vor allem Morde abfuhr. Also kamen alle möglichen (vollkommen dusseligen) Sachen zustande, die massiv daneben waren. Aber in den 80ern entwickelte sich alles langsam. Ich hatte einen Fantasy angefangen, der um Zwillingsschwestern ging, die im 19. Jhd. durch eine Art Feentor in eine andere Welt kamen (war aber noch sehr Einhorn- und Kitschlastig). Dann waren zwei Western dabei, die in der Zeit des Sezessionskrieges spielten (und natürlich nicht ohne Mord und Totschlag auskamen). Ich weiß noch genau, dass die Protagonistin Norma ziemlich viel aushalten konnte, bevor sie zum ersten Mal nach männlicher Hilfe brüllte. Der (verdammt blutige) Krimi „Die Schlange“ war mein großes Herzensprojekt, an dem ich geschrieben und gezeichnet habe wie eine Besessene. Das ganze Ding spielte in den 30er in Amerika. Dann kamen die ersten Trucker-Krimis (hey, ich war immer ein Hardcore-Fan von Trucks, der Serie „Auf Achse“, dem Wüstenrennen „Rallye Paris – Dakar“, …). Natürlich musste ich in dem Bereich was schreiben – und natürlich (was mein Vater nicht so toll fand) waren viele meiner Protagonisten schwarz. Dann kamen mehrere Krimis, die in den 50ern und 60ern spielten und natürlich die ersten Horror-Romane und SciFis. Meine erste Geschichte habe ich 1989 als Ausdrucke in der Schule verkauft (war ein Vamiprroman). Der Erlös ging in unsere Abschlussfahrt-Kasse für Südfrankreich 1990.
Danach kamen sehr viele Fantasy- und Horror-Romane, alle um Luca, Ayco, Justin und Co. 1997 erschienen die ersten im „Legendensänger“, einem Fantasy-Autoren-Heftchen von Chris Scheja. Nach und nach erschienen diverse meiner Kurzgeschichten und schließlich 2013 mein allererster Roman „Glasseelen“ 🙂 War ein langer Weg von 1981 / 82 bis heute.

Mana: Meine dritte Frage ist vermutlich typisch für mich :D: Hat Tanja eine bevorzugte Schreibmusik oder – und da würde ich fast drauf tippen – schreibt sie vorwiegend ohne Musik?

Bei „Glasseelen“ habe ich „Chaostar“ und „Mortem Vlad Art“ rauf und wieder runter gehört, alles von den beiden Bands, was Youtube zu bieten hatte. Bei „Night’s End – Der Wiedergänger“ waren es „Rhapsody“, „Infinity“ (Bandzusammenschluss von Nepal, Blackmore’s Night, Edenbridge, Rhapsody und Nightwisch für das Album Infinty https://www.youtube.com/watch?v=oD52uQcueU0), Blind Guardian und Avantasia. Die Mucke beflügelt 🙂 Bei „Der Rebell“ waren es „Die Ärzte“. Der Song „Der Rebell“ war Auslöser zu dem Buch https://www.youtube.com/watch?v=Rm4-dMca3GA und ich liebe ihn einfach 😀 Bei den Kurzgeschichten die Du kennst, habe ich keine Musik gehört, sondern mich teilweise auf das reduziert, was ich noch an Empfindungen und Bildern aus meiner Lehre in mir hatte. Wie in der Leserunde zu „Zusammen finden“ gesagt, habe ich damals in Mainz gelernt, direkt oben auf der Kupferbergterrasse, unterhalb des Kästrichs, wo „Hunger“ spielt. Das, was ich von der Zeit und den alten Bildern in unserem Archiv noch im Kopf hatte, die Aufnahmen, die wir in unserem Archiv hatten, waren ausnahmslos aus der Jahrhundertwende und der Zeit vor und während des 1. Weltkrieges, bzw. mit den Zerstörungen des 2. Weltkrieges. Du weißt ja, dass ich einen Hang zur Historik habe und mich gerne und oft damit beschäftige. Bei solch ersten Themen wie den Kriegen und dem was ich in „Herbst“ geschrieben habe, passt keine Musik, außer es sitzt ein einsamer Klavierspieler an meinem Piano, der alte Melodien, getragen und langsam spielt.

Vielen Dank an alle Teilnehmer – hier kommen nun endlich die Gewinner des Leserinterviews:

Platz03
3. Platz: Jenny

Platz02
2. Platz: Monja

Platz01
1. Platz: Mana

Außerdem hat Tanja aus ihrem Fundus noch 3 Trostpreise gespendet: je ein signiertes Exemplar von ihrem Debüt “Glasseelen”:

gewonnen haben: Annabel, Katharina und Nadja

Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner!
Bitte meldet euch bei mir unter Angabe eurer Adresse, damit ich euch eure Gewinne zuschicken kann.

Alle anderen bekommen im September 2016 eine neue Chance – dann haben wir Jutta Ahrens zu Gast. Ihr könnt euch schon jetzt auf tolle Rezensionen und Interviews freuen 🙂

Vielen Dank an alle Teilnehmer, Tanja Meurer für die tolle Unterstützung und Geduld, und natürlich an die Verlage für die Bereitstellung der Gewinne 🙂

Bis zum nächsten Mal,
Juliane