[SACHBUCH] Gay Movie Moments von Paul Senftenberg


Autor: Paul Senftenberg
Taschenbuch: 294 Seiten
ISBN: 978-3903238022
Preis: 7,99 EUR (eBook) | 15,49 EUR (Taschenbuch)
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Inhalt:
Filme mit schwulen Charakteren werden zunehmend präsenter, haben in Nischenproduktionen bereits einen festen Platz und finden immer häufiger Einzug in aktuelle Filme und Serien. Dabei gab es schon immer schwule Gänsehautmomente – teils in Filmen, die über 50 Jahre alt sind. Der Österreicher Paul Senftenberg hat in seinem ersten Sachbuch über 80 Filme quer durch die Jahrzehnte unter die Lupe genommen und präsentiert teils mit Bildern, teils mit Zitaten die schönsten, tragischsten, romantischsten und emotionalsten schwulen Szenen in Essay-Form.

Eigene Meinung:
Mit „Gay Movie Moments“ erschien das erste Sachbuch von Paul Senftenberg im Homo Literra Verlag. Der Autor hat bereits mehrere belletristische Veröffentlichungen vorzuweisen, teils erschienen im Himmelsstürmer Verlag, teils bei Homo Literra. Die Berichte zu den Filmen, die in „Gay Movie Moments“ besprochen werden, waren zunächst auf der Homepage des Autors zu finden, inzwischen kann man dort weitere Essays zu weiteren / neueren Filmen finden. weiterlesen…

[ANTHOLOGIE] Sein schönster Sommer von Jana Walther (Hrsg)

Autor*innen: Elisa Schwarz, Paul Senftenberg, Justin C. Skylark, Carmilla DeWinter, Levi Frost, Lena M. Brand, Dima von Seelenburg, Björn Petrov, Kai Brodersen und J. Walther
Taschenbuch:  348 Seiten
ISBN: 978-1974325238
Preis: 4,49 EUR (eBook) / 10,90 EUR (Taschenbuch)
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Inhalt:
Sommer – was gibt es schöneres, als die heiße Jahreszeit mit einer queeren Anthologie zu würdigen und die Atmosphäre von Hitze, Sonne, Strand und Meer mir verschiedenen Kurzgeschichten einzufangen. Sei es nun die erste Liebe oder lockere Urlaubsflirts, leicht fantastisch angehauchte Geschichten oder solche, die zum Nachdenken anregen – der Herausgeberin ist eine tolle Sammlung gelungen. Folgende Geschichten und Autoren sind vertreten:

Elisa Schwarz – Sommer am See
Levi Frost – Zwei in einem Boot
Justin C. Skylark – Zwei Zelte
Kai Brodersen – Sein schönster Sommer
Lena M. Brand – Wenn er tanzen will
J. Walther – Der Garten
Björn Petrov – Bloody summer
Dima von Seelenburg – Sommer 96
Carmilla DeWinter – Treffpunkt Siegessäule
Paul Senftenberg – Lakeview Summer

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[ZITATE-FREITAG] Zusammen finden

Hallo ihr Lieben,

den heutigen Zitate-Freitag möchte ich noch einmal dazu nutzen, auf unsere Benefiz-Anthologie aufmerksam zu machen, die im letzten Jahr erschienen ist. Da ich selbst eine Geschichte für „Zusammen finden“ geschrieben habe, habe ich nie eine Rezension verfasst, sondern lediglich eine Buchvorstellung geschrieben. Sämtliche Einnahmen kommen einer schwer kranken Autorenkollegin zugute, daher will ich den Zitate-Freitag nutzen, um euch einen kleinen Einblick in die Geschichten zu gewähren – aus diesem Grund findet ihr dieses Mal mehr Zitate, da ich mir aus jeder Kurzgeschichte eine kurze Passage herausgesucht habe. Ich hoffe sehr, dass der ein oder andere der Anthologie eine Chance gibt. „Zusammen finden“ ist ein lesenswertes Projekt, das von 15 Autor*innen ins Leben gerufen wurde.


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Buchvorstellung

Innerlich bin ich wie betäubt, gelähmt durch den Schmerz, der sich in mir ausbreitet und mir die Luft abschnürt. In meinem Hals ist es eng, in meinen Augen sammeln sich Tränen. Noch so ein Kerl, dem ich nicht gut genug bin! Aber ich will jetzt nicht heulen! Nein, nicht schon wieder!

Scheiße, Olli, du hast es verbockt. Da steht ein toller Typ vor mir und ich habe nichts Besseres zu tun, als mich ihm an den Hals zu werfen und damit alles zu verderben.

Nee, Momentchen mal. Stopp und zurück auf Anfang … schließlich hat er doch angefangen, mich zu küssen, oder? Was ist nur in seinem Kopf vorgegangen? Sämtliche Signale, die er aussendete, sagten mir, dass er mich mag, dass er mich begehrt …

“Der Werwolf von nebenan” / “Zusammen finden”, S. 40 (c) Bianca Nias / Susann Julieva

Der junge Mann hob die Achseln. »Ich bekomme zwar einen Zugang zu den Magielinien, kann sie aber nicht kontrollieren und meinem Willen unterwerfen. Die magischen Formeln wollen mir einfach nicht im Gedächtnis bleiben.«

Nazar stieß ein kurzes, bellendes Lachen aus. »Bei den Göttern, Marit hatte recht. Wir passen wirklich gut zusammen – du kannst die Macht des Landes anzapfen, ich merke mir die passenden Zaubersprüche.«

»Vielleich sollten wir uns zusammentun …« Kiama seufzte und ließ den Kopf in den Nacken fallen. »… wenn das nur möglich wäre.«

“Zwillingsmond” / “Zusammen finden”, S. 59-60 (c) Juliane Seidel

Schritt für Schritt nähere ich mich der blinkenden Holztribüne. Meine Hand greift in die Tasche, ertastet die Chips und …

Zwei!

Es sind nur zwei Chips in meiner Tasche.

Das kann nicht sein.

Genau in diesem Moment schaut er auf. Er sieht mich, lächelt und streckt mir seine Hand entgegen. Er will den Chip.

Der Traum, der fehlende Chip.

Ohne zu denken, drehe ich mich um.

Ich flüchte.

Nur zwei Chips? Wie kann das sein?

Magische Mandeln.

“Charlys Chip” / “Zusammen finden”, S. 91 (c) Jobst Mahrenholz

Ich habe noch nie ein dermaßen schwermütiges Lächeln gesehen.

»Etwas, das Flügel besitzt, darf man nicht einsperren.«

»Er käme draußen nicht mehr zurecht.« Vielleicht weiß er nicht einmal mehr, wie man sie richtig benutzt. »Er würde sterben, so alt, wie er ist.«

»Und vorher zum ersten und letzten Mal in seinem Leben fliegen.« Er entlässt den Rauch aus seinem Mund, drückt die Zigarette aus.

Seine Traurigkeit ist ebenso spürbar wie die Elektrizität in der Luft.

“Rabendieb” / “Zusammen finden”, S. 107 (c) S. B. Sasori

»Wegen heute Nachmittag? Bist du deswegen so komisch?«

»Ich bin einfach kaputt, Perk, mehr nicht.«

Thor drückte die Zigarette auf dem Boden aus. Für ihn schien die Diskussion beendet, doch in Dylan schürte sie nur erneutes Feuer. Er folgte Thor ins Wohnmobil, wo er zu zetern begann.

»Erzähl mir doch nichts … Seit meinem Besuch in diesem Bordell behandelst du mich wie Scheiße! Wenn es dir so gegen den Strich geht, dass ich dort war, wieso hast du mir dann Geld gegeben? Wieso hast du mich ermutigt, dorthin zu gehen?«

“Dylan und Thor – on the road – ein Zwischenspiel”/ “Zusammen finden”, S. 125 (c) Justin C. Skylark

Auf dem Flur vor ihrer Tür blieb er stehen. Etwas kribbelte in seinem Nacken. Das unangenehme Ziehen kannte er. Zumeist fühlte es sich so an, wenn ihn jemand anstarrte. Hinter ihm knackte der Schlüssel im Schloss. Das Fräulein hatte abgeschlossen. All seine Freunde, ausgenommen Konrad, der auf ihn wartete, gingen die Treppe hinunter. Ein kalter Hauch streifte Heinrichs Wange. Der Geruch nach ungewaschenem Mann umfing ihn. Hinter sich fühlte er einen warmen Körper, der ihn nicht berührte. Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen. Sein Herzschlag beschleunigte sich und pumpte Hitze durch seine Adern. Hinter ihm stand jemand! Er fuhr herum.

“Hunger” / “Zusammen finden”, S. 139 (c) Tanja Meurer

Als ich mich nicht rühre, runzelst du die Stirn und bedeutest mir, mich aufzusetzen. Verwundert tue ich dir den Gefallen. Meine Rechte berührt etwas Kühles, doch ich kümmere mich nicht darum. Überhaupt kümmert mich kaum noch etwas, nicht einmal dein bekleidetes Ich neben meinem nackten Selbst.

Ich sehe den Bildschirm des Laptops, vielmehr das Foto darauf. Ich starre es an, würde es am liebsten löschen, nein, besser den Computer in einem Wasserfass versenken. Mir wird ganz anders. Ich kann nicht fassen, dass du mir das angetan hast. Mein Blick irrt zu meiner rechten Hand, zu dem Stein, den sie gestreift hat.

Da liegt er, hemmungslos, nackt, lang ausgestreckt neben mir. Dein Steingott. Er, mit dem unser Streit begann.

“Das steinerne Bild” / “Zusammen finden”, S. 188 (c) Raik Thostadt

»Wir haben uns zuletzt vor sieben Wochen getroffen. Sieben, Jonas!«

Schnell stopfe ich ein weiteres Stück des Kuchens in meinen Mund.

»Eigentlich sieht dir das gar nicht ähnlich. Ich meine, für ein paar Minuten hast du sonst immer Zeit. Was ist los, Jonas?«

Ich kaue hektisch, zerteile das restliche Kuchenstück in passende Happen. Konzentriere mich ganz auf diesen Teller.

»Habe ich dich verärgert?« , fragst du weiter. Du bist wirklich hartnäckig.

»Nein, nein!« , beeile ich mich zu sagen.

»Warum gehst du mir dann aus dem Weg?«

“Sehnsucht ist ein subtiles Gefängnis” / “Zusammen finden”, S. 196 (c) Rosha Reads

Auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise befindet sich das von Jacob Epstein gestaltete und einem fliegenden Engel getragene Grab von Oscar Wilde, der sich zu einer Zeit, als Homosexualität noch als Sodomie bezeichnet wurde, schwanken sah zwischen der Liebe zu seiner Frau und seinen beiden Kindern und jener zu Männern, im Speziellen zu dem  wesentlich jüngeren Lord Alfred Douglas, den er Bosie nannte. Inmitten der Bigotterie des viktorianischen England stand Wilde zu seiner Neigung und musste dafür teuer bezahlen.

“Liebe ohne Namen – Oscar Wilde (1997)” / “Zusammen finden”, S. 200 (c) Paul Senftenberg

Nach dieser ungestümen Nacht folgte ein zärtlicher Morgen. Jan war nicht in den Sinn gekommen, Camille hinauszuwerfen. Und Camille machte keine Anstalten zu gehen. »Es ist mir, als müsste das hier mit uns so sein«, begann Camille, als er am späten Nachmittag sichtlich ungern ins Auto stieg, um nach Hause zu fahren. Jan fühlte dasselbe. Trotzdem war er vorsichtig, seine Gefühle zu äußern. Camille war deutlich offener. Er schien sein Seelenleben genauer zu kennen. Jan hatte den Eindruck, dass er wusste, was er wollte, und zeigte es Jan.

Nach ihrem ersten Zusammentreffen folgten weitere. Camille legte eine Hartnäckigkeit an den Tag, die ihm imponierte. Mehr und mehr verfiel Jan seinem fröhlichen Temperament, dessen Art, das Leben zu sehen.

“Von Liebe, Anhänglichkeiten und Fluchten” / “Zusammen finden”, S. 209 (c) Karolina Peli

Einen Augenblick lang geschah gar nichts, doch dann hob der andere zögerlich seine Hand, deutete auf seinen Mund und schüttelte den Kopf, gestikulierte fahrig mit den Händen vor der Brust herum. Und es dauerte einen Moment, ehe Finn begriff, dass es kein nervöses Gefummel, sondern … Gebärdensprache war, die der andere ausführte. Finn war verwirrt. Und überfordert. Und ein klein wenig erleichtert. Mit allem hatte er gerechnet, nur damit nicht und doch … Es machte den anderen seltsamerweise nur noch liebenswerter für ihn, der jetzt mit rosa Wangen und gesenktem Kopf vor ihm stand.

Wieder griff Finn nach ihm, nach seinem Oberarm, vorsichtig, und drückte ihn leicht, ehe er seine Hand löste und sich auf das, was er einst gelernt hatte, besann.

“Zwischen Sojafleisch und Pinot noir” / “Zusammen finden”, S. 222 (c) Schännieh Dunkelstrauch

»Warst du schon einmal hier?«, frage ich ihn auf Englisch.

»Vor langer Zeit«, antwortet er und seine Augen werden dunkel. Oh mein Gott. Egal, ob er es ist oder nicht, ich hoffe, er bleibt bis heute Nacht – ich kenne da eine Stelle im Olivenhain, die ich ihm gern zeigen würde. Aber ich wage nicht, noch weiter zu fragen, und er sagt auch nichts mehr, obwohl ich sehe, dass ihm etwas auf der Zunge liegt. Ich wende mich wieder meinen Aufgaben zu, nur unsere Blicke treffen sich ab zu. Die Ravioli meiner Mutter scheinen ihm nicht zu schmecken.

“Nie vergessen – Non dimenticato mai” / “Zusammen finden”, S. 238 (c) Moritz Berg / J. Walther

Du hast so oft Tonnen von Wut und Frust neben mir in den Wald gebrüllt, hast mit Stöcken gegen die Stämme geschlagen, bis diese zersplitterten, Steine in den Bach geworfen, dass das Wasser bis zu uns hoch spritzte. So oft bist du vor mir durch die endlosen Grasflächen der Brachen und in den Traktorspuren der Felder gerannt. Wiesen und Getreidefelder gehörten uns. Milliarden von spindeldürren Fingern, die unsere Beine und Handflächen streichelten, die hilflose Wut, die unerwünschten Gedanken kurzfristig vertrieben. Deine wie meine.

Wir hatten uns. Untrennbar und dennoch nicht gemeinsam.

Je mehr ich dich leiden sah, desto stärker verschloss ich meine Probleme in mir. Du warst immer der Stärkere von uns beiden. Was habe ich dich dafür bewundert und konnte dir genau deswegen nie etwas sagen.

“Die Anmut von Gras” / “Zusammen finden”, S. 256 (c) Chris P. Rolls

Solltet ihr Lust auf mehr haben, würden wir uns freuen. Sämtliche Einnahmen werden gespendet 🙂

Liebe Grüße,
Juliane

[AUSWERTUNG] Gewinnspiel Paul Senftenberg

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Hallo ihr Lieben,

die Special Week mit Paul Senftenberg hat eine Menge Spaß gemacht und hoffentlich ist der ein oder anderen neugierig auf die Bücher geworden. Zeit das Gewinnspiel auszulosen – insgesamt haben uns Fragen von sieben Teilnehmern erreicht, die natürlich von Paul benatwortet wurden. Bevor ich die Gewinner bekanntgeben, könnt ihr hier nachlesen, was Paul zu den jeweiligen Fragen gesagt hat:

Ines: Wo schreibst du am liebsten und wann schreibst du?
Mit welchem Schriftsteller würdest du dich gerne mal plaudern und warum?
Hallo Ines – danke für deine Fragen!

Zur ersten: Ich schreibe eigentlich immer am Laptop am Tisch in meinem Arbeitszimmer. Dort habe ich völlige Ruhe und leise Musik im Hintergrund. Neue Kapitel schreibe ich immer vormittags; am Nachmittag lese ich den Ausdruck durch, korrigiere ihn, tippe die Änderungen ins Manuskript, drucke das erneut aus, korrigiere nochmals, tippe nochmals ein – und so weiter, bis ich endlich damit zufrieden bin. Und am nächsten Tag beginne ich mit dem nächsten Kapitel.

Mit wem ich mal gern plaudern würde? Mit meiner Autorenkollegin Jana Walther. Wir haben uns übers Internet kennen gelernt und schon sehr viele Mails ausgetauscht. Also haben wir ja eigentlich schon es öfteren miteinander geplaudert. Aber persönlich, from face to face, haben wir uns noch nie getroffen. Wir wohnen einfach viel zu weit von einander entfernt. Also mit Jana würde ich mich mal sehr gern auf einen Kaffee treffen. Wir sind ja, was unsere Literatur betrifft, Verwandte im Geiste.

Sabine:Wie kommst du auf deine Geschichten?
Wie entwickelst du deine Charaktere?
Wie entscheidest du, wie deine Protas heißen? Suchst du die Namen aus Namenssamnlungen aus, oder entscheidest du ganz spontan?

Dana: Ich würde gern wissen wollen, ob es für die Charaktere in den Büchern lebende Vorbilder gibt. Leute, die Paul Senftenberg beim Schreiben inspirieren, an denen man sich orientiert oder von denen man Eigenarten/Macken abschaut.
Hallo Sabine und Dana – auch euch herzlichen Dank für eure Fragen, die ich, weil sie einander ähneln, gleich auf einmal beantworten möchte.

Ich gehe einfach wach durchs Leben, würde ich sagen, und so „springen“ mich Geschichten geradezu an. Eine Beobachtung, ein Mensch, der mir interessant erscheint, eine Geschichte, die mir ein Schüler erzählt, aber auch mal eine Notiz in einer Zeitung oder die Aura eines ganz bestimmten Ortes, ganz allgemein auch das alltägliche Leben in dem Umfeld, in dem ich wohne, natürlich auch persönliche besonders freudige oder auch schmerzliche Erfahrungen – all dies kann den Prozess in Gang setzen, der schließlich zu einer Romanhandlung führt. Und genauso ist es mit meinen Charakteren, die meist eine Mischung aus Menschen sind, die ich persönlich kennen lernen durfte, und meinen Gedankenspekulationen. In einer Namenssammlung habe ich für sie noch nie blättern müssen, denn die Namen kommen mir ganz spontan, meistens ganz am Anfang, noch bevor ich wirklich viel über die Charaktere weiß.

Steffen: Bislang keines Deiner Bücher kennend, liebte ich sogleich die schönen Cover von “Eine ganz andere Liebe” und “Narben”, und mich interessiert, wer der Maler ist. Meine Frage bezieht sich auf Deine Zuwendung zur Novelle, denn ich mag diese, in der Literatur leider etwas unterrepräsentierte, Gattung: die verdichtete Konzentration auf ein Hauptthema innerhalb einer geschlossenen Form. Welchen speziellen Reiz bietet Dir die Novelle; bevorzugst Du sie eventuell gegenüber dem Roman?
Hallo Steffen – an Julianes Stelle möchte ich dir gleich selbst auf deine Fragen antworten. „Paul Senftenberg“ ist zwar ein Pseudonym, das ich mir erwählt habe, ich bin aber tatsächlich ein Mann 😉

Der Maler der Coverbilder von „Eine ganz andere Liebe“, „Narben“ und auch „Damals ist vorbei“ heißt Martin-Jan van Santen, er ist Holländer. Du findest Infos zu seinem Leben und seinen Bildern auf seiner Homepage www.martinjanvansanten.com. Ich selbst bin im Internet über seine Bilder gestolpert, die mir vorkamen wie direkt aus manchen meiner Bücher entsprungen. MJs Sicht der Welt und besonders der jugendlich-männlichen Schönheit – hier gibt es, obwohl wir beide in unterschiedlichen künstlerischen Bereichen arbeiten, große Parallelen. Ich habe mir damals ein Herz genommen und ihn angeschrieben und hatte großes Glück: MJ war begeistert von der Idee, seine Bilder auf dem Cover meiner Bücher zu finden. Erfreulicherweise war auch der Verlag von dieser Idee zu gewinnen, was gar nicht so selbstverständlich war, denn die meisten schwulen Bücher ähneln, was das Cover betrifft, einander doch wie ein Ei dem anderen. So denke ich, dass sich meine Cover in positiver Weise von anderen unterscheiden. Bei den Covern für die Bücher aus dem Homo Littera Verlag haben wir uns dann für sehr aussagekräftige S/W-Fotos entschieden, die ich selbst im Internet erstöbert habe; auch hier war mit die Unterscheidbarkeit wichtig.

Zu deiner Frage bezüglich der Gattung der Novelle: Ich bin grundsätzlich ein wenig skeptisch gegenüber allen Büchern über 300 Seiten. Hat die Autorin/hat der Autor tatsächlich so viel Interessantes zu erzählen, dass mich das über so viele Seiten und so lange Lesezeit hinweg mitzureißen weiß? Nun ist klar, dass es sehr viele Romane gibt, die auch für mich gar nicht dick genug sein können, denken wir nur an Marquez oder auch die frühen Bücher von John Irving. Dennoch denke ich mir nicht selten bei der Lektüre von Büchern, dass die eine oder andere Kürzung nicht schlecht gewesen wäre. Was ich hingegen liebe, sind Kurzgeschichten oder eben auch Novellen, deren Narrativ geradezu aus dem Leben gerissen zu sein scheint. Wir begegnen den Protagonisten an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens und verlassen sie einige Zeit darauf meistens in einer anderen solchen umwälzenden Situation, so wie es im Leben halt einfach ist. Der brillante erste Satz einer meiner liebsten Kurzgeschichten, Katherine Mansfields „The Garden Party“, lautet: „And after all the weather was perfect.“ Da können wir schon gleich mal drüber nachdenken, was dieses „And after all“ impliziert – herrlich! Und fall du sie noch nicht kennst ein Tipp: Lies Truman Capotes Short Stories „Der Baum der Nacht“. As good as it gets, würde ich sagen.

Mana: Mich würde interessieren:
1. Bevorzugst du eine spezielle Schreibmusik, um dich in die richtige Stimmung zu versetzen?
2. Gibt es einen Gay-Movie, den du als besonders gelungen und empfehlenswert empfindest?
3. Wie kommst du auf die doch recht speziellen Themen deiner Bücher?
Hallo Mana – danke auch dir für deine interessanten Fragen, wobei ich, denke ich, die dritte bereits oben bei anderen Teilnehmern beantwortet habe.

Aber zu den anderen beiden: Ich habe beim Schreiben tatsächlich gern Musik laufen, aber ganz leise im Hintergrund. Und da bevorzuge ich ruhige Musik, das kann Klassisches sein oder leicht Jazziges, Jamie Cullum zum Beispiel. Nicht zu laut, nicht zu aufwühlend – aber auch nicht zu einschläfernd. Werbung im Radio würde mich total aus der Stimmung werfen, in der ich mich beim Schreiben befinde. Wenn ich Musik in den Text integriere, spiele ich sie, während ich die Szene schreibe, und lasse sie dann beim Durchlesen auch dazu laufen, um abzuchecken, ob sie auch wirklich passt. Du kannst dir denken, dass ich bei Narben oft Wouter Hamel gespielt habe 😉

Puh, nur einen schwulen Film zu empfehlen, fällt mir wirklich sehr schwer. Ich finde praktisch alle über achtzig Filme, über die ich in Gay Movie Moments schreibe, toll, sie sind voller Szenen zum Niederknien. Doch ich will mich nicht um die Antwort drücken und entscheide mich jetzt mal für “Contracorriente”. Das ist ein Film aus Peru, der wie kaum ein zweiter von jenem magischen Realismus getragen ist, den Autoren wie Marquez oder Allende auch bei uns bekannt gemacht haben. Am Schluss der Abschied der zwei Männer voneinander, auf dem kleinen Boot im Meer – Gott, was habe ich da geheult! Aber jetzt dauert es ja nicht mehr allzu lang, ein halbes Jahr vielleicht, bis Gay Movie Moments herauskommt. Dann kannst du dich von einer langen Liste an Gänsehautmomenten des schwulen Films inspirieren lassen.

Sarah: Welches Fach/Welche Fächer unterrichtest du, Paul? Aus dem Interview habe ich entnommen das es Deutsch sein könnte.
Was ich sehr interessant finde, ist, dass dir der erste Satz deiner Geschichten sehr wichtig ist. Wenn der nicht sitzt dann geht nichts. Ich schreibe selber Geschichten und mir geht es da genauso, egal wie weit meine Idee im Kopf ist, solange ich den Anfang nicht habe, kommt die Geschichte auch nicht zu Papier.
Hallo Sarah – da geht es mir ganz ähnlich wie dir, auch ich lese am liebsten im Bett, und wenn mich eine Geschichte wirklich fesselt (wie zuletzt der Roman Herrlichkeit – soviel Herzklopfen hatte ich schon lang nicht mehr – und am Schluss die Augen voller Tränen!), kann es sehr spät werden.

Ja, der erste Satz scheint wirklich für viele Autoren von immenser Wichtigkeit zu sein. Ich habe mal drei Jahre an einem gefeilt und bin nicht weitergekommen, weil meine Sätze allesamt einfach zu kompliziert waren. Als dann plötzlich, von einem Moment auf den anderen, der richtige erste, ganz einfache Satz da war, ging alles weitere ziemlich rasch. Deshalb kann ich auch nicht verstehen, dass ich immer wieder Bücher aufschlage, bei denen man sich mit dem Beginn offenbar nicht allzu viel Mühe gemacht hat. Nur gaaanz selten kann ich mit einem Roman etwas anfangen, der mit einer direkten Rede beginnt – wie stehst du da dazu? John Irving, so kann man lesen, beginnt übrigens immer mit dem letzten Satz und rollt dann beim Entwerfen seiner Geschichte diese von hinten nach vorn auf; auf diese Weise ist ihm dann beim Niederschreiben vom Anfang bis zum Schluss stets sein Ziel vor Augen. Mir ist es bei Eine ganz andere Liebe ähnlich gegangen, da hatte ich auch als allererstes den letzten Satz.

Sarah, bitte verstehe, dass ich dir nichts Genaueres aus meinem persönlichen Umfeld erzählen kann. Ich habe ja ganz bewusst und nicht ohne Grund ein Pseudonym gewählt. Aber eines kann ich dir verraten: Ich unterrichte nicht Deutsch – obwohl das die meisten Leserinnen und Leser von einem Autor, der auch unterrichtet, wohl erwarten würden.

Biggy: Ich wüsste gern ob und wenn ja, welches Buch Paul gern verfilmen würde, und wen er sich als Hauptdarsteller aussuchen würde, wenn er die Wahl hätte?
Hallo Biggy – eine sehr coole Frage! Natürlich träume ich als Filmfan auch davon, dass mal eines meines Bücher verfilmt wird – ich glaube nur nicht wirklich daran, dass das auch mal passieren könnte. Und wenn doch, dann wäre das natürlich auch ein Wagnis; nicht selten hört und liest man von Autoren, die angesichts dessen, was Drehbuchautoren und Regisseure aus ihren Geschichten gemacht haben, entsetzt sind. Das gilt ebenso fürs Theater, denke ich. Aber man muss sich als Autor klar sein, dass es sich beim Buch und dem Film um zwei Medien handelt, die eben nicht nach den selben Gesetzmäßigkeiten funktionieren; und auch, dass wenn zehn Menschen ein und dasselbe Buch lesen, sie in Wahrheit zehn verschiedene Bücher lesen, so unterschiedlich „verstehen“ sie den Text und sehen ihn vor ihrem inneren Auge Gestalt annehmen.

Aber wie auch immer, ich kann mir grundsätzlich alle meine Texte als Filme vorstellen, schließlich habe ich ja, wie bereits in anderen Fragen und Antworten diskutiert wurde, einen sehr „filmischen“ Schreibstil; hier ist etwa die Abfolge von relativ kurzen Szenen genannt. Für die Besetzung würde ich mir junge, unverbrauchte Gesichter vorstellen. Ein Robert Stadlober vor zehn Jahren vielleicht, ähnlich wie in „Sommersturm“, ein Kodi Smit-McPhee zu Beginn seiner Karriere – Gesichter, in denen die Verletzlichkeit und der Selbstzweifel erkennbar sind, die viele meiner jungen Charaktere geradezu heimsuchen. Kennst du den brillanten (nicht schwulen) österreichischen Psychothriller „Ich seh Ich seh“ – die Zwillinge, die die zwei Protagonisten spielen – so spontan, so echt, so unvermittelt. Ein Regisseur, der das Herzblut meiner Geschichten teilt und Darsteller wie diese beiden entdeckt, das wäre was!

Vielen Dank an alle Teilnehmer – hier kommen nun endlich die Gewinner des Leserinterviews:

Platz033. Platz: Ines Schmidt

Platz02
2. Platz: Biggy

Platz011. Platz: Steffen Marciniak

Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner!
Bitte meldet euch bei mir unter Angabe eurer Adresse, dmait ich euch eure Gewinne zuschicken kann.

Alle anderen bekommen im Mai 2016 eine neue Chance – aufgrund des großen Bloggeburtstags im März verschiebt sich die nächste Special Week ein wenig, doch ihr könnt euch schon jetzt auf eine spannende Woche mit Tanja Meurer freuen..

Vielen Dank an alle Teilnehmer, Paul Senftenberg für die tolle Unterstützung, die Geduld und natürlich die Bereitstellung der Gewinne 🙂

Bis zum nächsten Mal,
Juliane

[GEWINNSPIEL] Paul Senftenberg

Mit dem obligatorischen Gewinnspiel endet die Special Week rund um Paul Senftenberg und seine Bücher. Ich hoffe sehr, dass ich euch ein wenig neugierig machen konnte und der ein oder anderen den tollen Werken eine Chance gibt. Um euch die Entscheidung eventuell zu erleichtern, habt ihr nun die Chance eines von 3 Buchpaketen zu gewinnen.

Dafür müsst ihr lediglich eine Mail an Koriko@gmx.de schicken und mindestens eine Frage an Paul oder an einen seiner Charaktere stellen. Ihr dürft euch jede Figur rauspicken, die ihr schon immer mal löchern wolltet (sprich ihr könnt auch gerne jemanden aus ihren anderen Romanen wählen).

Allerdings bittet der Autor darum, dass ihr auf allzu persönliche Fragen verzichtet, sprich es kann dieses Mal sein, dass er einige Fragen nicht beantwortet. BItte respektiert Paul Senftenbergs Wunsch – vielen Dank!

Alle Fragen, die im Laufe in den kommenden 15 Tagen gestellt werden, werden bei der Gewinnerbekanntgabe beantwortet und als Leserinterview auf diesem Blog präsentiert.

Eure Fragen könnt ihr bis zum 31.01.2016 an die oben genannte Mailadresse schicken (bitte im Betreff “Gewinnspiel Paul Senftenberg” angeben) – sie werden gesammelt und an den Autoren weitergeleitet. Unter allen Teilnehmern verlose ich nach Zufallsprinzip folgende Buchpakete:

1. Platz: “Hände”, “Damals ist vorbei” und “Der Stammbaum”
2. Platz: “Hände” und “Damals ist vorbei”
3. Platz: “Damals ist vorbei”

Alle Bücher sind signiert!

Ich bedanke mich bei Paul Senftenberg und den Verlagen für die Bereitstellung der Gewinne.

Hinweise:
1. Paul freut sich über Kommentare, Anmerkungen und Feedback zu seinen Werken (oder auf eine Antwort zu ihrer Frage im Interview), sprich ihr könnt gerne einige Worte an ihn richten 🙂
2. Solltet ihr das ein oder andere Buch bereits besitzen, sagt mir in der Mail Bescheid – ich versuche beim Auslosen Rücksicht darauf zu nehmen, damit niemand Bücher doppelt bekommt.

Paul und ich sind gespannt auf eure Fragen, Ideen und Antworten – die Gewinner und das Leserinterview werden am 08.02.2016 auf diesem Blog präsentiert. Wir freuen uns auf eure Fragen.

Viel Glück!

[INTERVIEW] Paul Senftenberg

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Die Special Week ist fast vorrüber und bevor wir uns dem Leserinterview nebst Gewinnspiel näher, kommt nun das obligatorische Interview mit dem Autoren. Euch erwarten einige tolle Informationen über ihn und seine Werke, ebenso über seine Romane und Novellen.

http://www.paulsenftenberg.at/

Bitte erzähl uns ein wenig mehr von dir. Was machst du in deiner Freizeit?
Ich glaube, meine größte Leidenschaft spiegelt sich in einigen meiner Bücher wider: der Film. In „Eine ganz andere Liebe“ ist ein Freiluftkino, umgeben von alten Gemäuern, ein wesentlicher Schauplatz, und bei einer Vorstellung von „Frankenstein“ kommt es zum ersten Kuss der beiden Protagonisten. Auch der Höhepunkt der Geschichte findet in einem alten Kino, Lichtspieltheater genannt, statt. In „Damals ist vorbei“ ist ein ebensolches ehemaliges Lichtspieltheater der Ort, an dem Martin und seine Frau Margit eine Buchhandlung mit angeschlossener kleiner Galerie betreiben. Wahrscheinlich ist sogar mein Schreibstil, sind die kurzen Kapitel und das Springen zwischen verschiedenen Zeit- und Erzählebenen vom Aufbau von Filmen und besonders auch Fernsehserien à la „Lost“ beeinflusst . Kurz und gut, ich bin ein wahrer Filmfreak, würde ich sagen, wobei ich total auf Horror und Thriller stehe (es aber kaum ein Genre gibt, das ich gar nicht mag), sowohl wirklich gut gemachte Blockbuster (ich liebe James Bond und „Star Wars“), als auch intellektuelles Arthouse mag. Worum es mir geht, ist, überrascht zu werden, sowohl von der Geschichte und den Charakteren her, als auch von der Machart. „Slow West“ war da in jüngster Zeit ein gutes Beispiel – sehr cool der Moment, als der Protagonist mit der bloßen Hand einen Pfeil abfängt.

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Weitere Hobbies von mir sind natürlich Lesen und das Schreiben, ich reise auch sehr gern, wobei das bei mir nicht bedeutet, zwei Wochen am Strand zu liegen, sondern die Kultur und die Menschen eines Landes kennenzulernen. Die Welt ist zu groß und es gibt noch so viele Ziele, die mich interessieren würden, da wäre es mir zu schade, die Zeit mit Nichtstun zu vergeuden. Fotografieren, besonders auf den Reisen, interessiert mich auch, ich bin da aber ein absoluter Amateur. Ich gärtnere auch ein wenig. Und last but not least gehört auch regelmäßiges Fitnesstraining zu meinen Freizeitbeschäftigungen. Du sieht, langweilig wird mir nie!

Wann hast du mit dem Schreiben begonnen? Gab es einen Auslöser, der dich zum Schreiben brachte?
Ich schreibe, seit ich denken kann, wobei es ganz gut ist, dass die ersten Versuche nicht veröffentlicht wurden. An einen konkreten Auslöser kann ich mich nicht erinnern, da waren einfach immer Geschichten in meinem Kopf, die hinaus mussten, sonst wäre er zerplatzt 😉 Als Moment der Erkenntnis möchte ich bezeichnen, als ich als Jugendlicher zu Weihnachten Bodo Kirchhoffs „Mexikanische Novelle“ geschenkt bekam. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, was man mit Sprache, mit schnörkellosen und dennoch extrem kunstvollen Sätzen, mit glasklarem Ausdruck, mit einfach den immer absolut perfekten Wörtern bewirken kann: Whow! Bevor ich mich ins schwule Genre gewagt habe, habe ich Bücher unter einem anderen Pseudonym herausgebracht. Irgendwie sehe ich es aber heute so, dass immer alles darauf hinausgelaufen ist, (auch) über schwule Charaktere zu schreiben.

Du hast einen sehr belletristischen Stil. Hast du dir das Schreiben selbst beigebracht oder auf anderem Wege gelernt?
Wenn du mit „belletristisch“ den eigentlichen Sinn des Wortes meinst, nämlich „schöngeistig, literarisch, unterhaltend“, dann kann ich sagen, dass ich natürlich hoffe, dass mein Stil in dem Sinne unterhaltend ist, dass er die Geschichte auf die mir bestmögliche Weise in Richtung der Leser transportiert. Mir ist extrem wichtig, dass sich keine oder möglichst wenige sprachlichen Klischees einschleichen. Besonders grauenhaft sind ja viele Vergleiche oder Metaphern, die man allenthalben lesen kann. Hemingway soll ja aus den ersten Fassungen seiner Texte die unnötigen Adjektive (und das waren für ihn sehr viele) herausgestrichen haben. Ich mag in meinen Büchern keine Passagen finden, die man als sprachlich banal bezeichnen könnte. Deshalb arbeite ich an jedem Kapitel so lange, bis aus meiner Sicht wirklich alles sitzt, ich arbeite es wieder und wieder durch, streiche heraus, formuliere um, und erst, wenn es für mich passt, beginne ich mit dem nächsten. Und wenn der ganze Text steht, fange ich nochmals mit dem Korrigieren an – ich kann mich ewig mit der richtigen Wahl eines Satzzeichens beschäftigen. Du wirst jetzt verstehen können, dass mir schlechter, klischeehafter, banaler Stil ein Gräuel ist … Beigebracht habe ich mir das selbst, gutes Schreiben kann man nur durch Schreiben (und natürlich auch Lesen guter Literatur) lernen. Ich denke, es gibt nur wenige Ausnahmeerscheinungen in der Literatur, die das gleich von Anfang an fast perfekt konnten. Ich habe gerade erst die Kurzgeschichten gelesen, die Truman Capote als Dreizehn- und Vierzehnjähriger geschrieben hat – phänomenal! Aber mit einem wie ihm kommt ohnehin kaum jemand mit.

Wie viel Zeit brauchst du, um ein Buch zu schreiben?
Wie du dir nach meinen obigen Erklärungen denken kannst, recht lang. Ich gehe mit einer Idee oft jahrelang im Kopf herum, dann kommt die Phase der unzähligen Notizen und deren Ordnung auf Karteikärtchen. Bei meinem Stil des oftmaligen Wechsels der Zeitebenen wäre es ohne die Kärtchen, die ich dann wie bei einem Puzzle ordnen kann, nicht möglich, Übersicht zu bewahren. Und dann muss der erste Satz hundertprozentig passen, damit die Geschichte daraus herausfließt. Ein schlechter erster Satz kann mich total blockieren. Auf die ersten Sätze aus „Damals ist vorbei“ und „Hände“ bin ich stolz. Wenn aus einem solchen gelungenen, zur Thematik und der Atmosphäre des Textes passenden ersten Satz ein gutes erstes Kapitel geflossen ist, geht’s mit dem Schreiben (trotz des vielen Korrigierens) relativ flott voran. Mehr als zwei Monate brauche ich dann nicht mehr. Aber meine Bücher sind ja auch nicht sehr dick.

Viele deiner Charaktere heißen Paul. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?
Da kann ich leider mit keiner geheimnisvollen oder spannenden Erklärung dienen. Ich finde schlicht und einfach den Vornamen Paul wunderschön, das ist für mich der schönste männliche Name überhaupt, kurz und kraftvoll, aber gleichzeitig doch auch sehr weich und anschmiegsam. Deshalb habe ich ihn mir als Künstlernamen gewählt. Und weil er mir so gefällt, heißen auch einige meiner Protagonisten so.

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Friedhof der Namenlosen – Damals ist vorbei

Einige deiner Bücher behandeln das Thema “Homosexualität und Ehe”, sprich deine Charaktere sind verheiratet und entdecken dann ihre Gefühle für einen Mann. Gibt es hierfür besondere Gründe oder reizt dich einfach nur das Thema? In diesem Zusammenhang: “Damals ist vorbei” ist dein Debüt – was hat dich bewogen eine solche Geschichte zu schreiben?
Mark Twain soll einmal gesagt haben, seine Bücher seien im Grunde genommen allesamt Autobiografien, da ein Autor immer nur davon gut schreiben könne, was er selbst erlebt habe. Deshalb bezweifelte er auch (wie manch andere) die Urheberschaft Shakespeares: Dass ein einzelner Mensch all diese Geschichten rein aus seiner Imagination verfassen könne, war ihm undenkbar. Im Kern gebe ich Twain recht – man sollte über das schreiben, wovon man auch etwas versteht. Doch ich denke, dass manauch nicht wirklich alles selbst erlebt haben muss, ich glaube schon auch an die Vorstellungskraft des menschlichen Geistes. Ohne jetzt weiter Details meiner eigenen Biografie geben zu wollen, kann ich dir sagen, dass meine Bücher zwar keine Autobiografien sind, sondern Fiktion, diese jedoch schon um einen realen Kern gesponnen wird; wenn ich nicht genau wüsste, wovon ich schreibe, wäre ich besonders bei „Damals ist vorbei“ zweifellos im Oberflächlichen, im Klischee stecken geblieben. Dass die Geschichte reale Wurzeln hat, dass sie mich persönlich berührt hat, war aber auch ganz klar der Anstoß, sie niederzuschreiben.

Mit “Der Stammbaum” wagst du den Schritt zur klassischen Novelle – war das Absicht oder hat sich die Geschichte von selbst in diese Richtung bewegt?
Ich arbeite meist ganz intuitiv. Ich weiß eigentlich meist schon bevor ich anfange zu schreiben, wie lang ein Text ungefähr werden wird, das sagt mir einfach mein Gespür für die Geschichte und ihre Stimmung. Ich hatte bei „Der Stammbaum“ das Gefühl, dass der Text zu lang für eine Kurzgeschichte werden würde, aber auch zu kurz für einen Roman. Als ich mich daraufhin mit der Gattung der Novelle beschäftigte, um Schulwissen aufzufrischen, stieß ich auf den Ausdruck „Ding-Symbol“. Da wurde mir schlagartig klar, dass es sich bei dem Stammbaum aus Messing, der dem Text den Titel geben sollte, um genau ein solches Ding-Symbol handelte und ich tatsächlich eine Novelle schreiben würde. Später freute ich mich sehr, dass der Homo Littera Verlag das kaufmännische Wagnis einging, sie zu veröffentlichen.

War es schwierig sich stilistisch dieser alten Literaturgattung anzupassen?
Wie gesagt arbeite ich sehr intuitiv. Als die Sache mit dem Titel und dem Symbol und damit die Frage der Gattung geklärt war, habe ich einfach meinen Text geschrieben. Eine kurze Geschichte, quasi abrupt und durchaus schmerzvoll herausgerissen aus der Realität der Charaktere, Ereignisse zwischen zweiMomenten, die ihr Leben geradezu umstülpen, sie zu einem Neuanfang zwingen. Ich habe nicht versucht, den Text mit Gewalt in irgendeine Richtung zu trimmen; nur was natürlich fließt, wirkt als Erzählung auch elegant.

“Hände” schneidet ein weiteres, eher ungewöhnliches Thema an. Wie bist du auf die Idee gekommen?
StammbaumZweierlei gab den Anstoß für meine Entwicklung der Geschichte. Da gab es vor einigen Jahren mal einen jungen Mann im Fitnesscenter, der nur einen Arm hatte, damit aber extrem geschickt umging. Er war auch ziemlich fesch, muss ich sagen. Und dann besichtigte ich eines Tages durch Zufall die romanische Kirche im Weinviertler Ort Schöngrabern. Die gotischen Fresken im Innenraum und die Steinerne Bibel an der Außenseite der Apsis faszinierten mich. Ich saß in dieser Kirche, und plötzlich begannen sich in meinem Kopf die Gedanken zu drehen – und ich hatte diese Geschichte.

Viele deiner Bücher haben offene Enden oder laden zum Interpretieren ein. Gibt es ein Buch, das du gerne fortführen würdest oder planst du irgendwann einen zweiten Teil zu deinen Werken?
Ich hasse bis ins letzte Detail vorgefertigte Enden, die den Lesern keinen Spielraum für eigene Interpretationen lassen, keine Möglichkeit, selbst verschiedene Varianten weiterzudenken. Die Zeiten des klassischen Romans des 19. Jahrhunderts sind vorbei, bei Dickens, der seine Charakterporträts sozusagen von der Geburt bis zum Totenbett erzählte, war das natürlich wunderbar, und auch wenn John Irving in einigen seiner Romane auf diese Tradition Bezug nimmt, ist das perfekt (er thematisiert das ja auch). Ein moderner realistischer Roman aber funktioniert nach meinem Empfinden anders. Nimm zum Beispiel „Damals ist vorbei“. Da gibt es am Ende die Variante, dass Martin zu seiner Frau zurückgeht und Thomas verlässt, oder jene, dass er mit Thomas beisammen bleibt und Margit verlässt, oder … Das Leben hat so viele Varianten parat, keine ist die allein gültige. Hätte ich mich für eine entschieden und diese niedergeschrieben, wären die anderen gestorben. Ist es aber nicht so, dass vielleicht gerade die Variante, für die sich zwei Menschen entscheiden, für die Umwelt undenkbar erscheint, für sie aber die beste ist? Und deshalb möchte ich auch keines meiner Bücher fortführen: Sie enden genau an dem Punkt, der für mich der richtige ist. Wenn sich Leser aber darüber hinaus mit der Geschichte und den Charakteren beschäftigen, freut mich das sehr. Und da dies bei der Figur des Manuel in „Hände“ bei so vielen der Fall war, haben wir ihn ja auch für unser Charakterinterview ausgewählt. Und eines möchte ich noch sagen: Ich sehe alle meine Bücher in einem engen thematischen Zusammenhang, und deshalb könnte der Protagonist des einen Buches auch durchaus in einem anderen auftauchen und hätte dort eine nachvollziehbare Rolle. Die Charaktere und Themen meines literarischen Kosmos, wenn man das so großspurig nennen will, sind miteinander sehr eng verwoben. Insofern sind auch keine dezitierten Fortsetzungen notwendig; man könnte sagen, dass jedes Buch in diesem Sinne eine Art Weiterschreibung der anderen ist.

Du arbeitest gerne sprunghaft, anstatt chronologisch. Warum diese Art zu schreiben? Was reizt dich daran zwischen Gegenwart, Vergangenheit und unterschiedlichen Perspektiven hin und her zu springen?
Ich kann mir kaum vorstellen, meine Geschichten einfach chronologisch zu erzählen. Ich finde, dass mein puzzleartiges Erzählen Spannung erzeugt. Wie schon gesagt bin ich hier sehr von Filmen oder besser gesagt Fernsehserien beeinflusst. „Lost“ mit all seinen Sprüngen in die Vergangenheit und dann auch die Zukunft hat hier Standards gesetzt, jüngst auch die Serie „The Missing“ um einen Vater auf der Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Ich mag es nicht, wenn Romane Szenen aus verschiedenen Zeitebenen chronologisch erzählen, also die ersten hundert Seiten spielen im Jahr 2000 und die Händenächsten hundert zehn Jahre später oder so. Das empfinde ich als langweilig (wobei Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen). Auch der Perspektivenwechsel erzeugt Spannung, zumindest hoffe ich das. Ist es nicht interessant, ein und das selbe Ereignis aus den Augen verschiedener Charaktere zu sehen? Das alles habe ich aber nicht erfunden, das sind gängige Mittel der Erzähltechnik.

Welche Figur ist deine Lieblingsfigur und warum?
Diese Frage kann ich dir beim besten Willen nicht beantworten, Juliane. Ich „liebe“ alle meine Figuren, wenn ich über sie schreibe, ich leide dann mit ihnen, ich empfinde ihre Gefühle so stark, dass ich oft von ihnen träume, als wäre ich sie. Sie sind alle in einem gewissen Sinne meine Kinder, und wenn ich auch keine meiner Figuren mit mir gleichsetzen kann, so ist doch ein Teil von mir (oder das Gegenteil eines Teils von mir) auch Teil ihrer Persönlichkeit.

Was sind Deine aktuellen Projekte? Auf was können sich die Leser als Nächstes freuen?
2016 wird bei Homo Littera ein Buch erscheinen, das mich schon seit langem beschäftigt hat und an dem mein ganzes Herzblut hängt: „Gay Movie Moments“ ist eine Sammlung von Essays zu den stärksten Momenten aus schwulen Filmen. Also die bewegendsten, spannendsten, dramatischsten, lustigsten, einfach intensivsten Szenen, meistens Augenblicke, in denen sich die Handlung zuspitzt oder entlädt, Gänsehautmomente des schwulen Films. Klassiker wie „Brokeback Mountain“ und „A Single Man“ finden sich darunter, auch Fernsehserien wie „Brothers and Sisters“ und „Spartacus“, und ich habe auch relativ unbekannte Juwele wie „Contracorriente“ und „Animals“ entdeckt, darunter ist einiges aus Spanien und Lateinamerika. Schreiben bedeutet für mich immer, so etwas wie Ordnung in das Chaos zu bringen, das mich umgibt oder in mir tobt. So habe ich schon vor Jahren begonnen, über Filmszenen, die mich bewegen, kleine Texte zu schreiben: um für mich persönlich eine gewisse Ordnung in die Vielzahl von Filmen zu bringen. Als Vorbild dafür möchte ich Wolf Wondrascheks „Menschen, Orte, Fäuste“ nennen. Darin finden sich einige ganz kurze Texte zu Plantagenhäusern am Mississippi, jeder für sich sprachlich und in der Struktur perfekt. Etwas in der Art schwebte mir vor: in meinen Möglichkeiten perfekt gestaltete Momentaufnahmen von Filmszenen. Ja, und mit der Zeit, je mehr solcher Texte ich gesammelt hatte, kam auch die Idee, sie einmal gesammelt in Buchform zu veröffentlichen. Ich bin froh, dass Homo Littera darauf eingestiegen ist. Es war ziemlich schwierig, die Rechte für die Fotos zu bekommen, aber ein Buch über Filme ohne Bilder kann man sich nicht wirklich gut vorstellen. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass die Verleihfirmen kaum Interesse an dem Werbeeffekt zu haben scheinen, die ein solches Buch für sie ja auch darstellt. Die Unterstützung, zumindest in Form von Fotos, war gering. Umso toller von Homo Littera, am Ball zu bleiben! Ich habe noch keine Ahnung, wie das Buch gestaltet sein wird, aber die redaktionelle Arbeit daran wird sicherlich keine geringe sein. Dafür glaube ich, dass wir mit dem Projekt Neuland betreten. Ein Buch über schwule Filmszenen gibt es, soviel wir wissen, weltweit noch keines. Ich bin schon sehr gespannt darauf.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Verlagen? Wie produktiv war die Zusammenarbeit mit deinen Lektoren und Verlegern?
Wie du vielleicht schon herausgehört hast, sehe ich meine Zusammenarbeit mit Homo Littera und dabei speziell mit der Verlegerin Romy Leyendecker sehr positiv. Sie ist extrem bemüht um ihre „Schäfchen“ – obwohl meine Texte, wenn du sie im gesamten Verlagsprogramm ansiehst, auf den ersten Blick ja nicht unbedingt dorthin zu gehören scheinen. Aber wenn Romy sich für ein Buch entschieden hat, dann steht sie auch dazu. Außerdem schätze ich es sehr, dass es mit Homo Littera nun auch einen österreichischen Verlag gibt, der sich auf schwule Literatur spezialisiert hat. Da habe ich besonders auch was meine Damals ist vorbeiSprache betrifft eine verlegerische Heimat gefunden. Und nicht zuletzt schätze ich die extrem genaue Lektorierung, also die konkrete Arbeit am Text. Als Autor habe ich ja zuweilen das Gefühl gehabt, meinen Text dem Lektor zusagen auszuliefern. Gibt es da kein echtes Einverständnis, kann das sogar zu einer Art „Kampf“ ausarten, das habe ich alles schon früher erlebt. Bei Homo Littera ist das alles anders, sehr konstruktiv und dennoch entspannter. Bei „Der Stammbaum“ gab es mit der Lektorin noch die eine oder andere Unklarheit auszuräumen, doch bei „Hände“ hatte ich das Gefühl, dass sie meine Art zu schreiben voll und ganz verstanden hat und ihre total notwendige kritische und wertvolle Lektorierungsarbeit eben genau darauf aufbaut. Man ist als Autor ja oft sooo betriebsblind! Die Lektorin und auch der Testleser, der bei Homo Littera das Buch ganz kurz vor dem Druck nochmals kritisch durchstudiert, haben zum Beispiel Fehler bei der zeitlichen Abfolge der Geschichte gefunden, die mir gar nicht aufgefallen sind. In diesem Sinne glaube ich, dass auch das anspruchsvolle Projekt meines Filmbuches bei ihnen sehr gut aufgehoben ist.

 

Mit anderen Verlagen hatte ich ganz andere Erfahrungen. Ursprünglich hatte ich mir meine Art von Literatur bei Verlagen wie Diogenes sehr gut aufgehoben vorgestellt – nur waren die leider nicht ganz meiner Meinung. Ich will damit sagen, dass ich meine Kartons voller Absagebriefe sehr wohl kassiert habe. Aber nicht-schwule Verlage trauen sich ja im Moment gar nichts. Falls sie mal einen schwulen Roman herausbringen, dann ist das zu 95% eine Übersetzung, die im Mutterland schon erfolgreich war, und in der Werbung, selbst auf dem Klappentext, wird der schwule Aspekt der Geschichte meist total verschwiegen. Ach, wie wird da um den heißen Brei herumgeredet, wie wird das Wort „Freundschaft“ strapaziert, wo es eigentlich fehl am Platz ist. Schau dir an, auf welch beschämende Weise der Diogenes-Verlag selbst bei John Irvings „In einer Person“ herumgedruckst hat! Ich habe ein ganzes Regal voller schwuler Romane, denen du ihren schwulen Inhalt nicht ansehen würdest. Und keiner von ihnen ist von einem deutschsprachigen Autor. Nimm zum Beispiel „Barracuda“ (Klett-Cotta) von Christos Tsiolkas, die, laut Klappentext, „berührende Geschichte eines Außenseiters“; oder – das liegt gerade auf meinem Nachtkästchen – „Die Summe unseres Glücks“ von Francois Roux (Piper) – kein Wort von einem homosexuellen Inhalt, bloß die Freundschaft wird wieder strapaziert.

Was mir also blieb, war die Handvoll deutschsprachiger schwuler Verlage. Männerschwarm und Querverlag haben mich an der Nase herumgeführt, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Mich hat das damals echt getroffen, ich bin da extrem dünnhäutig und glaube wirklich gleich, meine Texte sind so übel, wie sie von denen gesehen wurden. Mittlerweile weiß ich von anderen Autoren, dass es ihnen genauso gegangen ist. Eine simple freundliche Absage schien hier mit dem Ego der Beteiligten nicht vereinbar zu sein. Und dann Bruno Gmünder! Dort ist ja „Damals ist vorbei“ in der ersten Fassung 2009 herausgekommen. Der Lektor, mit dem ich damals zusammenarbeitete, war ja sehr nett und konnte sich auch gut in den Text hineindenken. Doch dann verpasst der Verlag dem Buch ein Cover, das so ganz und gar nicht zum Inhalt und den Charakteren passte. Schlimm! Und obwohl sich das Buch gut verkaufte, hörte ich dann gar nichts mehr von ihnen. Der Verlag schlitterte dann auch in den Konkurs, neue Leute kamen ans Ruder – und als ein neuer Lektor sich eines Tages erdreistete, mir vorzuschlagen, doch einen Kurs für gutes Schreiben zu belegen, war mir klar, dass dieses Trauerspiel ein Ende haben müsste. Als die Auflage ausverkauft war, bekam ich auf meine Bitte rasch die Rechte an dem Text zurück, Achim Albers von Himmelstürmer stürzte sich darauf, und nach wenigen Wochen war eine Neufassung (ich habe den Schluss ein wenig verändert) mit endlich einem passenden Cover auf dem Markt.

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Die Au – Damals ist vorbei

Würdest du auch den Schritt zum Selfpublishing wagen oder bleibst du lieber bei der Zusammenarbeit mit Verlagen?
Der Hauptgrund, weshalb ich eher zu Verlagen tendiere, ist der Rückhalt, den mir eine gute Lektorierung gibt. Ich habe das oben schon erklärt, weshalb ich das für sehr wichtig empfinde. Vielen Texten, die im Selfpublishing herauskommen, merkt man leider an, dass sie nicht oder schlecht lektoriert wurden. Außerdem – ich bin ehrlich – krault es mein Ego, wenn ich weiß, dass sich ein Verlag für einen Text von mir entschieden hat und dafür nicht zuletzt ein finanzielles Risiko auf sich nimmt. Als ich nach den schlechten Erfahrungen mit den oben genannten Verlagen aber damals ziemlich down war und nicht mehr an die Möglichkeit geglaubt habe, in einem Verlag herauszukommen, habe ich schon an der Idee gebastelt, die Bücher selbst als Books on Demand herauszubringen. Ich wäre mein eigener Herr gewesen, was das Layout, die Schriftgröße, auch das Cover betrifft. Ich war kurz davor, das durchzuziehen, als sich Himmelstürmer für meine Bücher entschied und ich dabei auch ein gewisses Mitspracherecht bekam. Alles in allem ist alles sehr gut gelaufen und ich bin sehr glücklich darüber. Besonders „Hände“ schaut wirklich so aus, wie ich es mir vorgestellt habe.

Welches Genre bevorzugst Du?
Beim Lesen? Eher sehr realistische Gegenwartsgeschichten. Und dabei kommt es mir extrem auf die Sprache und auf die innere Logik der Charakterentwicklung an.

Nicht nur – auch beim Schreiben. Würdest du dich auch einmal an (für dich) ungewöhnliche Genres heranwagen, wie z.B. Krimi, Thriller oder Fantasy?
Das kann ich mir jetzt eigentlich nicht so recht vorstellen. Da müsste ich auch wohl sehr viel recherchieren, was ich nicht gern tue. Ich erzähle einfach Geschichten aus dem realen Leben, wie ich es kenne, that’s my cup of tea.

Was empfiehlst du Jungautoren?
Sich einerseits nicht entmutigen zu lassen von einem verlegerischen Umfeld, das unter Umständen nicht das geringste Interesse für sie aufzubringen vermag. Und zweitens: Sich immer genug Selbstkritik zu bewahren, nicht allzu hingerissen von etwas zu sein, nur weil man es selbst geschrieben hat. Ich möchte nicht brutal klingen, aber man sollte versuchen, nicht allzu schnell mit dem Geschriebenen zufrieden zu sein. An sich selbst zu wachsen, erfordert ein großes Maß an Selbstdisziplin und die Bereitschaft, immer weiter an sich zu arbeiten, also zu schreiben und zu schreiben und dabei als Ansporn auch immer die Literatur anderer im Hinterkopf zu haben, die zu lesen und zu verstehen man sich auch zuweilen anstrengen muss.

Wie wichtig ist das Thema Liebe?
Natürlich sehr wichtig, keine Frage. Könnten wir ohne Liebe leben? In allen meinen Büchern geht es letztlich nur um Beziehungen, um Liebe in ihren verschiedensten Spielarten. Meine Bücher sind Liebesgeschichten, auch wenn man ihnen das nicht immer auf den ersten Blick ansieht. Ich bin ja auch ein sehr romantischer Mensch, viel zu dünnhäutig, denke ich mir manchmal.

Liest du Gay Romance oder realistische Gay-Romane?
Jeder soll mit den Büchern oder Filmen glücklich werden, die ihr oder ihm gefallen. Ich selbst aber will überrascht werden. Gay Romance, soweit ich das in der Form von Leseproben festgestellt habe, spult immer nur das Standardrepertoire ab, in sprachlicher und auch inhaltlicher Hinsicht, und besonders auch, was die Entwicklung der Charaktere betrifft. Das funktioniert im Grunde genommen genauso wie Pornos. Die „Handlung“ ist nur Vorwand für das Standardprogramm. Das ist mir persönlich bei einem Roman zu langweilig. Romantik ja, aber dann im Umfeld eines Bruches mit Klischees. „Brokeback Mountain“ (übrigens besonders auch die tolle Kurzgeschichte von Annie Proulx) setzt die sehr romantische Liebesgeschichte in den Bruch des Klischees vom Macho-Cowboy; erst das macht sie so interessant. Aber „suum cuique“, wie der Lateiner sagt: Jedem das seine.

Welche Autoren schätzt du besonders? Welche Vorbilder hast du?
Ich habe Lieblinge von der Kinder- und Jugendliteratur bis hin zu Büchern für Erwachsene. Christine Nöstlinger, Josef Holub, Gabi Kreslehner, die frühen Romane von John Irving, fast alles von Patricia Highsmith, Ray Bradbury, Gabriel Gacia Marquez – den tollsten ersten Satz der Literatur findest du in „Hundert Jahre Einsamkeit“ –, Truman Capote, Ian McEwan, Hemingway und Bodo Kirchhoff, um zu sehen, wie klar Sprache sein kann. Die Liste ist auf jeden Fall unvollständig, ich lese wahnsinnig viel, aber wenn mich die erste Seite nicht überzeugt, packt und in den Text hineinzieht, bin ich schon beim nächsten Buch. Um dir zu zeigen, dass ich die Vielfalt liebe: Ich habe auch „Harry Potter“ verschlungen, die Bücher sind ja extrem gut geschrieben.

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Friedhof der Namenlosen – Damals ist vorbei

Was die schwule Schiene betrifft: David Leavitts „Die verlorene Sprache der Kräne“ hat mir vor vielen Jahren gezeigt, wo ich thematisch einmal hin will; Alain Claude Sulzer, da freue ich mich auf jedes neue Buch; Philippe Besson – „Eine italienische Liebe“ und „Sein Bruder“ sind wahnsinnig schön; André Acimans „Ruf mich bei deinem Namen“ – grandios; „Missouri“ von Christine Wunnicke ist eines meiner Lieblingsbücher. Und dann natürlich Jana Walther: „Benjamins Gärten“ ist für mich die vielleicht schönste schwule Liebesgeschichte der deutschsprachigen Literatur überhaupt – Jana erschafft mit ihrer ganz eigenen Sprache ihre ganz eigene Welt, die man von jener aus anderen Büchern blind unterscheiden könnte; ich schätze die Ruhe, die Gelassenheit ihrer Sätze. Jüngst habe ich, um nur ein Beispiel zu geben, “Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis gelesen – sehr berührend und bei S. Fischer auch sehr schön in der Ausstattung.

Wie findest du den deutschen Markt im Gay Bereich? Wo siehst du ihn (und dich als Autor) in ein paar Jahren?
Seit der Veröffentlichung von „Damals ist vorbei“ 2009 hat sich der Markt sehr gewandelt: Stichwörter E-Books und Selfpublishing. Wir werden von neuen Büchern geradezu überschwemmt, viele davon werden zu Dumpingpreisen angeboten. Wenn du dir überlegst, wie viel Arbeit vom Autor über den Lektor und Verleger in der Herausgabe eines Buches stecken, wie viele Stunden um Stunden, die ohnehin niemand wirklich abgelten kann, dann ist es eigentlich eine totale Frechheit, wenn Leser heute ein E-Book um fünf Euro kaufen, es lesen und dann wieder zurückgeben und sich das Geld zurückholen. Das darf doch nicht wahr sein! Vielleicht setzt hier wieder mal ein Wandel ein, ich habe von einer Neugründung gelesen, der Albino-Verlag als Imprint von Gmünder, der literarisch anspruchsvolle und sehr schön ausgestattete Bücher herausgibt, die dann natürlich auch ein wenig mehr, aber keinesfalls zuviel, kosten. Mal sehen, ob die finanziell überleben können, ich wünsche es ihnen … Und ich selbst? Ich würde gern mit dem Schreiben meines neuen Romans in diesem Sommer beginnen. Ich habe eine Idee, ich habe drei Charaktere, ich habe sogar schon einen ersten Satz und einen Titel – „Ein Lächeln mit Zukunft“. Mal sehen, ob ich ins Schreiben hineinkomme, ob der Moment der richtige ist. Das kann ich im Vorhinein nie sagen.

Kannst du dazu schon mehr verraten – vielleicht sogar den ersten Satz, der ja für dich immer etwas Besonderes ist?
Naja, es wird einen Vater geben und seinen Sohn und eine ziemliche Konfliktsituation zwischen den beiden und dann auch eine Leiche, die aber keiner der beiden ist. Und dann ein Zusammenhalten. Gemäß deiner Frage oben würde ich das aber trotzdem nicht oder höchstens ansatzweise als Krimi bezeichnen. Und der erste Satz – natürlich nur, sofern sich das nicht noch ändert – lautet: „Als er aufwacht, regnet es noch immer.“ Ich finde, der setzt uns direkt in die Geschichte hinein.

Was würdest du deine Leser fragen?
Wo, wie und wann lest ihr meine Bücher? Ich würde mir das gern vor meinem inneren Auge ausmalen können – die Umstände, wenn jemand eine gewisse Zeitspanne ihres oder seines Lebens mit dem meiner Figuren verbringt. Das zu wissen, wäre für mich wahnsinnig interessant, vielleicht bin ich da ein bisschen der Voyeur, der etwa in Hitchcock-Filmen durch Fenster späht.

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Deine Worte an die Leser?
Danke, dass ihr einen Teil eurer Lebenszeit einem Text von mir widmet. Das ist wunderbar und für mich der Ansporn, mich immer wieder dem lustvollen, aber auch ziemlich anstrengenden Prozess des Schreibens zu stellen.

Vielen lieben Dank für das tolle, informative Interview.

Danke auch dir, Juliane, dass du dir Zeit für die Fragen genommen hast, und ganz allgemein für dein Engagement bei dieser Special Week.

[ROMAN] Damals ist vorbei von Paul Senftenberg

Autor: Paul Senftenberg
Taschenbuch:  186 Seiten
ISBN: 978-3863614034
Preis: 12,99 EUR (eBook) | 15,50 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Nur einen einzigen Sommer dauert die heftige Liebesgeschichte zwischen den Jugendlichen Thomas und Martin an, die sich unweit der Donau kennenlernen und fortan auf dem „Friedhof der Namenlosen“ treffen. Die Beziehung scheitert an Martin, der sich seine Homosexualität nicht eingestehen will, während Thomas sich nach und nach outet.

Erst 22 Jahre später begegnen sich die beiden wieder – Thomas lebt offen schwul und arbeitet als freischaffender Künstler, Martin hat eine Studienkollegin Margit geheiratet, mit ihr zwei Kinder und sich eine Existenz als Buchhändler aufgebaut. Das Wiedertreffen ruft bei beiden die alten Gefühle wach, doch noch immer fällt es Martin schwer dazu zu stehen. Dennoch beginnt er eine Affäre mit Thomas. Schnell muss er erkennen, wie sehr er sich im Grunde nach männlicher Gesellschaft gesehnt hat und dass sein Herz noch immer an seiner ersten Liebe hängt. Als er schließlich seine Frau Margit einweiht, kommt es zu einer Katastrophe …

Eigene Meinung:
Der Roman „Damals ist vorbei“ ist das Debüt des österreichischen Schriftstellers Paul Senftenberg. Die Erstauflage erschien 2009 im Bruno Gmünder Verlag und wurde 2014 in einer überarbeiteten Neuauflage bei Himmelsstürmer herausgebracht. Wie bei einigen seiner späteren Bücher hat „Damals ist vorbei“ ein offenes Ende, das zum Spekulieren und Nachdenken anregt. weiterlesen…

[ROMAN] Hände von Paul Senftenberg

Autor: Paul Senftenberg
Taschenbuch:  248 Seiten
ISBN: 978-3902885784
Preis: 5,49 EUR (eBook) | 12,90 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Von klein auf assoziiert Paul Killian mit männlichen Händen etwas schlechtes, da sein Vater ihm gegenüber zumeist sehr aggressiv und verletzend war und seinen Sohn geschlagen hat. Liebe und Zuneigung erhielt er nicht, erst als Pauls Vater seine Hände verliert und Prothesen tragen muss, wandelt sich ihr Verhältnis ein wenig, da die gewohnte Gewalt ausbleibt. Dies prägt Paul so sehr, dass er fortan glaubt, nur noch Erfüllung bei Männern zu finden, die eine Prothese tragen, was natürlich zu etlichen Problemen führt. Als er den alleinerziehenden Alexander kennenlernt, dessen Sohn er unterrichtet, stürzt Paul in einen Strudel der Gefühle. Alexander besitzt nicht nur zwei gesunde Hände, Paul fürchtet sich auch vor den Reaktionen des Mannes, sollte seine geheime, fetischartige Obsession jemals entdeckt werden …

Eigene Meinung:
Mit dem ungewöhnlichen Roman „Hände“ legt Paul Senftenberg sein fünftes Werk vor. Erschienen ist das Buch beim Homo Literra Verlag, die bereits die Novelle „Der Stammbaum“ herausbrachten. Seine übrigen Werke wurden bei Himmelsstürmer verlegt. weiterlesen…

[NOVELLE] Der Stammbaum von Paul Senftenberg

Autor: Paul Senftenberg
Taschenbuch:  124 Seiten
ISBN: 978-3902885586
Preis: 4,49 EUR (eBook) | 8,90 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Alle zwei Wochen treffen sich Paul und Stefan in Wien, um ihre Sehnsucht nach schwuler Zweisamkeit auszuleben. Beide sind verheiratet, doch während Stefans Gattin von den heimlichen Neigungen ihres Mannes weiß und diese auf ganz pragmatische Weise toleriert, ahnt Pauls Frau Edith nichts. Das Arrangement der beiden funktioniert – sie haben sogar etwas Ähnliches wie eine feste Beziehung. Das sensible Gleichgewicht zwischen den beiden Männern wird gestört, als Edith eines Tages tödlich verunglückt und Paul urplötzlich mit seinen beiden Kindern allein dasteht. Unter Schock stehend klammert er sich mehr und mehr an Stefan, der sich schon bald von Pauls Nähe erschlagen fühlt. Dennoch liegt es ihm fern seinen Freund in der schweren Zeit allein zu lassen, was bei Paul jedoch vollkommen falsch ankommt …

Eigene Meinung:
Mit „Der Stammbaum“ wagt sich Paul Senftenberg an die klassische Gattung Novelle, was sich nicht nur anhand des geringen Umfangs erkennen lässt, sondern auch an den zentralen Elementen, wie zum Beispiel das Leitmotives und das (Ding)-Symbol, das im Laufe der Geschichte immer wieder zum Tragen kommt. Damit wagt sich der Autor an eine schwierige, literarische Gattung, die heutzutage fast schon in Vergessenheit geraten ist. weiterlesen…

[ANKÜNDIGUNG] Special Week: Paul Senftenberg

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Neues Jahr – neue Special Week. Dieses Mal widmet Like a Dream seine Aufmerksamkeit dem österreichischen Autoren Paul Senftenberg, der mich bereits mit seinen Büchern “Eine ganz andere Liebe” und “Narben” begeistert hat, die bei Himmelstürmer erschienen sind. Im Rahmen der Special Week erwarten euch drei Rezensionen, ein sehr interessantes Interview und ein ganz besonderes Charakterinterview mit Manuel, der in “Hände” eine kleinere Rolle am Anfang spielt.

Hier die einzelnen Stationen der Special Week:

11.01. Rezension: “Der Stammbaum”
12.01. Rezension: “Hände”
13.01. Charakterinterview Manuel
14.01. Rezension: “Damals ist vorbei”
15.01. Interview Paul Senftenberg
16.01. Gewinnspiel – Leserinterview

Paul und ich freuen uns auf die Special Week mit euch und wünschen schon jetzt viel Vergnügen 🙂