[NOVELLE] Rauhnacht von Tanja Meurer


Autor: Tanja Meurer
Taschenbuch: 162 Seiten
ASIN: B01A167CLW
Preis: 4,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Story:
Eine eisige Kältewelle hat das viktorianische London fest im Griff: die Themse ist komplett begehbar und unzählige Menschen erfrieren in der winterlichen Kälte. Als im Hyde Park die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, fordert Scotland Yard die ungewöhnlichen Ermittlerinnen der englischen Krone Annabelle Talleyrand und Madame Zaida als Unterstützung an. Schon bald zeigt sich, dass die Hilfe der beiden Frauen dringend erforderlich ist, denn ein seltsames Geschöpf aus Schnee und Eis attackiert die beiden, kann jedoch von der Magierin Madame Zaida vertrieben werden.

Mit diesem Angriff endet die Serie an seltsamen Ereignissen nicht, denn die totgeglaubte Frau erwacht in der Leichenhalle und richtet unter den Ärzten ein Blutbad an. Sie stellt sich später als russische Gräfin Jewa Petrowna vor. Schnell wird klar, dass sie der Wirt des winterlichen Geschöpfes war, das nun körperlos durch London streift und für die eisigen Temperaturen verantwortlich ist. Für Annabelle und Zaida steht fest, dass sie die Kreatur schnellstmöglich aufhalten müssen, bevor diese einen neuen Körper findet …

Eigene Meinung:
Mit dem Kurzroman „Rauhnacht“ begibt sich Tanja Meurer erstmals in lesbische Gefilde, denn Madame Zaida und Annabelle Talleyrand sind im Geheimen ein Liebespaar. Die Geschichte bildet den Auftakt einer längeren Reihe, in der die beiden Detektivinnen verschiedene, teils übernatürliche Phänomene für die englische Königin untersuchen. Die Bücher erscheinen im Weltenschmiede Verlag und liegen bisher nur als eBook vor. weiterlesen…

[CHARAKTERINTERVIEW] Gwenael und Jaleel aus “Die Seelenlosen”

Banner Special Week_Tanja

Dieses Interview ist mitten im Roman “Die Seelenlosen” angesiedelt, daher ist es am Besten, man kennt die Geschichte schon – allerdings wird auf große Spoiler verzichtet, sprich man kann das Gespräch zwischen Gwenael, Jaleel und mir auch genießen, wenn man die Steamfantasy-Romane noch nicht kennt. Vielleicht bekommt ihr ja Lust, auf die Bücher – ein kurzes Zitat versteckt sich ebenfalls im Dialog. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen – und ja, man kann das von Gwenael und Jaleel signierte Buch am Ende der Special Week gewinnen 😉

Foto

Mit Buch und Kuli im Gepäck in fremden Welten 🙂

In dem kleinen Raum staut sich die Hitze. Sonne flutet durch die geben Rautenscheiben und verwandelt die ausgetretenen Dielen des Holzbodens in ein weißgraues Flimmern, über dem der Staub tanzt. Der grobe Hocker vor dem Schreibtisch ist unbequem, genauso wie die beinah aufdringliche Nähe des fetten Mannes in Pluderhose und Wams. Er unterschreitet jede gebotene Grenze. Seine Körperwärme, der Geruch nach Schweiß und kaltem Rauch, überfluten Juliane. Sie hustet trocken und rutscht auf die Kante des Hockers, nur um etwas Abstand zu dem ungepflegten Kerl zu gewinnen.

Er ruckt nach – wenigstens sein Wanst, über dem sich der ungepflegte, filzige Bart wie ein Teppich ausbreitet. Er leckt sich über die Lippen, als die Tür aufschwingt und eine kleinwüchsige, massige Frau in der gleichen, wenn auch wesentlich saubereren Kleidung eintritt, dicht gefolgt von einem sonnengebräunten, jungen Mann, auf dessen Stirn zwei kleine, aber auffällige Hörner hervorragen.

Der Soldat schreckt zurück und sucht Abstand. Ein infantiles, zugleich lüsternes Grinsen huscht über seine Lippen, während sein Blick an der Frau hängenbleibt.

Juliane dreht sich auf ihrem Hocker um. Das muss Jaleel sein. Im Gegensatz zu den Zeichnungen ist er kleiner, aber muskulöser und sieht herb und entschlossen aus. Seine eigenartigen rotschwarzen Augen aber irritieren. Damit ist schon eine der beiden relevanten Personen anwesend.

Jaleel (c) Tanja Meurer

Der dicke Soldat deutet auf einen Schreibblock und den Stift, aber auch auf das schmale, silberne Aufnahmegerät.

“Vielleicht ist sie eine von den Wanzen, die für die Zeitungen arbeiten.”

“Eine Zeitungsschmiererin?”, fragt der gehörnte Mann stirnrunzelnd und zieht drohend die Lippen zurück. Eine Vielzahl feiner, scharfer Zähne kommt zum Vorschein.

Beeindruckend, fast wie das Gebiss einer Katze. Aber Zeitungsschmiererin? Nein, das nun wirklich nicht. Bevor sie sich verteidigen kann, fährt Jaleel fort: “Wo hast du das Weib gefunden, Rim?” Er verengt die Augen zu Schlitzen.

“Vor der Garnison.” Der Fettwanst befeuchtet seine Lippen. “Sie ist da herumgeschlichen und hat irgendetwas mit diesem Silberding gemacht.” Mit einer Kopfbewegung deutet er auf einen schwarzen Samtbeutel, auf dem eine Kamera liegt.

Juliane stöhnt auf und rollt die Augen. “Darf ich vielleicht auch mal was sagen?”

“Schweig!”, pflaumt Rim, wobei seine Hand wie zufällig über ihren Rücken tastet.

“Hey, lass das!” Juliane weicht nach vorne aus und springt auf. Sie fährt herum, sodass ihr langer Rock gegen Tisch und Stuhlbeine schlägt.

Die Soldatin rammt die Fäuste in die ausladenden Hüften und macht eine scharfe Kopfbewegung über die Schulter. “Rim, raus mit dir!”

“Aber Marianne …”

“Verschwinde!”

Mit einem ärgerlichen Blick zu Juliane, trollt er sich, nur um sich in der Tür an einem großen, muskulösen Mann vorbeizudrängen, der ihm mit kritischem Blick hinterher sieht.

“Ist das das Mädchen?”, fragt er ruhig.

Marianne löst sich von der Tür und tritt zu Juliane. In ihre kleinen, hellen Schweinsäuglein tritt ein Lächeln. “Mach dir keine Sorgen, Kind”, sagt sie leise. “Der Commandant ist ein netter Mann. Er wird dich nicht bedrängen.”

“Na da bin ich ja beruhigt.” Juliane sieht zu Gwenael Chabod, niemand sonst ist der Commandant … Ein dunkler Mann, angespannt und bis zu einem gewissen Grad verlebt.

“Also gut.” Er schließt die Tür hinter sich und sperrt die grelle Morgensonne aus. “Seid Ihr von Mademoiselle Rollier oder einem anderen Zeitungsschreiber geschickt worden?”

Juliane starrt verdutzt zu ihm hoch. Für einen Moment zögert sie, dann murmelt sie: “Eigentlich bin ich hier, um Fragen zu stellen, nicht um welche zu beantworten. Aber nein, ich wurde nicht von Mademoiselle Rollier geschickt, sondern … wurde von … jemandem hierher geholt, um eine Reihe von Fragen an Euch …”, sie deutet auf Jaleel und Gwenael und zückt Block und Stift, “… zu stellen.”

Gwenael tritt hinter seinen Schreibtisch und stützt sich mit beiden Händen auf der Platte ab. “Ach, und von wem, Mademoiselle …?” Seine Brauen zucken hoch. Er schaut auffordernd zu Juliane. “Marianne, holst du vielleicht mal rasch Radur?” In Jaleels Stimme schwingt Anspannung mit. Sie zögert, löst sich von Juliane und nickt dann. “Mache ich.”

Juliane zögert, nickt dann jedoch. “Ich wüsste nicht, was dagegen spricht Großmeister Lysanders Namen zu nennen – ich kenne ihn schon eine Weile, allerdings wird es zu kompliziert, das alles zu erklären. Zusammenfassend sei gesagt – ich komme nicht von hier, habe aber großes Interesse an einem Gespräch mit Jaleel und Euch.” Mit einem Grinsen fügt sie hinzu: “Es wird auch nicht in den hiesigen Zeitungen erscheinen.”

Überrumpelt lässt Gwenael sich in seinen Stuhl Fallen. “Bitte?” Er sucht den Blick seines Gefährten. Nach einem Moment murmelt er: “Könnt Ihr das Beweisen, Mademoiselle Indiscret (französisches Adjektiv für Naseweis)?”

“Verzeiht, dass ich mich nicht vorgestellt habe – mein Name ist Juliane. Ich kenne Meister Lysander und Aycolén schon seit langer Zeit. Ich weiß um ihre besonderen Verdienste zur Zeit des Großen Krieges vor 250 Jahren und bin auch darüber in Kenntnis, warum Lysanders Familie bei Prinz Mesalla in Ungnade gefallen ist. Allerdings kann ich das hier schwerlich zur Sprache bringen.” Sie überlegt kurz. “Was würde Euch denn überzeugen? Ihr könnt gerne etwas vorschlagen.”

Der Commandant zögert, richtet sich wieder auf und verschränkt die Arme vor der Brust. “Dann kennt Ihr sicher auch Maître Shion!” In seiner Stimme schwingt Unsicherheit.

“Soll ich ihn wecken lassen, Gwenael?”, fragt Jaleel.

“Ja, mach …”

Die Stufen und die umlaufende Galerie der Wachstube beben unter raschen, schweren Schritten. Jaleel tritt zur Seite und lehnt sich neben der Tür gegen die Wand. Ein großer, grober Mann mit Bart und Unterkieferhauern stürmt in den Raum. Er trägt nur Hosen, Sandalen und Schmiedeschürze. Sein Gesicht ist schweißnass und dünne Rinnsale laufen über seine muskulösen Arme und die breite Brust.

Gwenael (c) Tanja Meurer

Außer Atem keucht er: “Ihr wolltet mich sehen, mon Commandant?”

“Ich hatte nach dir geschickt, Radur.” Jaleel löst sich und sieht zu dem riesigen Halborc hoch.

“Ist wieder was mit Magie?”, fragt der Schmied.

Jaleel wiegt den Kopf. “Diese junge Frau behauptet, eine Vertraute der Grand-Maîtres Lysander und Aycolén Amaro zu sein.” Ein Funkeln tritt in seinen Blick. “Was meinst du, wird Shion sie erkennen?”

Radur grinst breit. “Schauen wir einfach. Ich hole ihn.”

Juliane seufzt und verkneift sich einen Gruß Richtung Radur, um die Situation nicht noch komplizierter zu machen. “Könnten wir wenigstens schon mal mit den Fragen anfangen? Es dauert sicherlich, bis Shion wirklich wach ist.”

Radur verlässt das Kartenzimmer. Langsam kommt Jaleel zum Schreibtisch und setzt sich auf die Kante. Seine Aufmerksamkeit gilt den beiden mattsilbernen Geräten, während Gwenael betont ruhig nach dem Notizblock greift und sich die Zeilen ansieht. Keiner von beiden reagiert. Aber der Commandant hält eine Hand erkennbar über der Pistole.

“Ich weiß, Ihr mögt Journalisten nicht, aber nicht alle sind so unangenehm und herausfordernd wie Mademoiselle Rollier. Ob Ihr es nun glaubt oder nicht, ich komme von einer anderen Welt – das Prinzip der Portalmagie kann Euch Shion erklären – und dort gibt es Teile Eurer Abenteuer in Buchform. Die Leser dieser Bücher interessieren sich nun brennend für Euch zwei …” Sie macht eine Pause und fügt leise hinzu. “Gerade jetzt, wo Ihr Euch näher gekommen seid …”

Jaleel fällt der Fotoapparat aus der Hand. “Was?!” Er kneift die Augen zusammen. “Habt Ihr etwa gelauscht?!”

Juliane ist entsetzt, dass der Parhur das Gerät aus den Fingern verliert. Rasch hechtet sie vor und fängt es auf. “Idiot!”

Gwenael hat sich besser unter Kontrolle. Er wirft den Block auf den Tisch zurück und legt deutlich sichtbar die Waffe auf den Tisch, nur um beide Hände darüber zu verschränken. “Wenn Euch diese Hirngespinste legitimieren sollen, müsst Ihr Euch …”

Die aufgestoßene Tür unterbricht ihn rüde. Shion steht im Nachthemd, mit nackten Füßen und wirren Haaren in der Tür. “Julie? Was machst du denn hier?” Er klingt verzweifelt. “Wo hast du deine Zeichnerin gelassen?”

“Shion, wie schön dich zu sehen.” Juliane geht lächelnd auf den großen Magier zu und umarmt ihn. “Hat Luca dir nichts davon gesagt, dass ich vorbeikomme, um die beiden zu interviewen?” Sie tritt einen Schritt zurück. “Tanja hatte keine Zeit mitzukommen – in gewisser Weise hat sie genug damit zu tun, die Geschichte der beiden fortzuführen.” Sie wirft Jaleel und Gwenael einen verärgerten Blick zu. “Nicht, dass sie es verdient hätten …”, nuschelt sie.

“Sei nicht zu hart mit ihnen, sie müssen noch viel lernen”, entgegnet er, während er sie kurz drückt.

“Ihr legitimiert dieses Mädchen?”, fragt Chabod steif.

Shion löst sich von ihr und nickt. “Die beiden Frauen begleiten uns bereits ein Leben lang.”

“Euer mystisches Gefasel hilft hier wenig.” Der Commandant räuspert sich. “Also gut.” Langsam und tief atmet er ein. “Ich verstehe zwar gar nichts und wüsste auch nicht, je einen Chronisten beauftragt zu haben, aber ich vertraue Euch, Maître.” Er zögert kurz. “Was ist eigentlich ein Inter…wiu?”

Jaleel nickt. Er hat sich wieder des Fotoapparates bemächtigt und drückt auf den Knöpfen herum, bis das Objektiv ausfährt und die Linse freigibt.

Juliane nimmt ihm das Gerät aus der Hand. “Nicht kaputtmachen! Ich hab nur den einen mit.” Sie schaltet ihn aus und steckt ihn weg. Dann wendet sie sich an Gwenael. “Ein Interview ist etwas Ähnliches wie ein Gespräch, das mitnotiert und später veröffentlicht wird – nicht unbedingt nur in Zeitungen, aber das würde zu weit führen. Wer den Chronisten beauftragt hat, kann ich nicht sagen, aber Eure Abenteuer sind in unserer Welt erschienen und werden gelesen.” Sie zuckt die Schultern. “Vielleicht ein Raum-Zeit-Paradoxon. Das kann am ehesten Shion erklären.” Sie wehrt ihn jedoch ab und fügt hinzu: “Aber nicht unbedingt jetzt: Lysander hat mir nur eine begrenzte Zeit gegeben – irgendwann muss ich ja wieder nach Hause.”

“Wenn davon was hier in den Zeitungen erscheint”, Jaleel unterbricht sich und schüttelt den Kopf.

“Das mit den anderen Welten macht mich nervös”, fügt Chabod hinzu. Er wirkt unentschlossen. “Derzeit haben wir schon so viele Probleme, und was, wenn wir damit nichts Gutes für uns alle herbeiführen?”

Shion tritt an dem Commandanten vorüber und nimmt Becher vom Bord.

Langsam hebt Gwenael den Kopf. “Ahh”, er erhebt sich und nimmt eine Karaffe Wasser. “Verzeiht, ich bin unhöflich.”

Erneut sieht er zu Jaleel, der seine Hand nach der Tasche ausgestreckt hat. In der Bewegung hält er inne. “Ich weiß auch nicht …”

“Macht Euch keine Gedanken”, wiegelt Shion ab. “Das, was Julie und Tanja in ihrer Welt tun, hat auf uns gar keinen Einfluss.”

Gwenael schiebt Juliane einen Becher Wasser zu. “Wirklich?” Er sieht ihr in die Augen.

Cover “Die Seelenlosen”

“Wirklich”, bestätigt Juliane Shions Worte. Sie hält seinem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. “Es ist nun einmal so, dass viele Leute Eure Abenteuer verfolgen und natürlich Fragen haben.” Sie schielt zu Jaleel und ergreift die Tasche, bevor er es tun kann. “Bei mir gibt es nicht zu holen, Jaleel.” Sie zieht ein dickes, braunes Buch hervor und hält es Gwenael unter die Nase. “Das ist das erste Buch Eurer Chroniken. Ihr werdet es leider nicht lesen können, aber ich kann Euch versichern, dass darin nur Positives steht.”

“Und WAS steht darin?” Der Commandant nimmt ihr das Buch ab und dreht es in der Hand. Er tippt auf das Bild mit der Dampfratte. Seine Augen werden groß. “Ist das nicht das Metalltier von Laroche?”

“Richtig. Sie kommt ja schließlich im Buch ebenfalls vor. Fing nicht mit Laroches Vorführung alles an?” Sie nippt an ihrem Wasser. “Kurz darauf ist ja der Sariner auf Euch draufgefallen.” Sie zwinkert Jaleel zu. “Und Ihr habt das alles mit einem Grinsen beobachtet.”

Gwenaels Kopf fliegt zu Jaleel herum. “Du hast …” Seine Lippen zucken. Nach einem Moment fügt er rau hinzu: “Der peinlichste Moment meines Lebens und das hier drin!” Er lässt seine große Hand darauf niederfahren.

Jaleel seufzt. “Aber es hat dich sehr menschlich gemacht. Das Bild des Kriegshelden hat ziemliche Risse bekommen und verdeutlicht, dass du ein ganz normaler Mann bist.” Sacht tastet er nach Gwenaels Fingern.

Shion wiegt den Kopf. “Die Rollier hat sich auch nicht darum gekümmert. Das war ihr egal. Seltsames Weib …” Er schüttelt den Kopf. “Gestattet, dass ich mir etwas anziehe.”

Gwenael nickt resigniert. “Geht ruhig.”

“Jaleel hat recht – es hat den Bewohnern der Stadt zumindest gezeigt, dass Ihr Humor habt.” Sie sieht nachdenklich zwischen den beiden hin und her. “Ihr wusstet nicht, dass er anwesend war, Gwenael?”
“Der Humor hat mir nicht gerade gut getan.” Mit einer Hand streicht der Commandant über seine Schulter. “Ich weiß, dass er anwesend war. Davon hatte er mir erzählt. Und es ist schließlich egal, wer lacht.” Er grinste halbherzig. “Ich glaube, trotzdem, dass ich mich noch nie so dumm verhalten habe.” “Was wollt Ihr eigentlich noch alles wissen?” Jaleel schien die Situation unangenehm zu werden. Er schlug das Buch auf und legte die Stirn in Falten. “Offenbar habt Ihr doch schon alle Antworten, was auch immer hier steht.”

“Der Chronist hat nicht alles erwähnt”, beginnt Juliane. Sie greift nach einem Stift und schlägt ihren Block auf. “Die Sache mit Orin hat Euch doch sicher ziemlich mitgenommen, Gwenael. Immerhin habt Ihr ihm sehr lange vertraut. Denkt Ihr, dass Ihr ihm irgendwann verzeihen könnt?”

Jaleel presst die Lippen aufeinander. Sein Blick hängt an Gwenael, der plötzlich älter und eingefallen wirkt. “Falsche Frage!”

“Nein, nein, schon gut, Jaleel.” Gwenael strafft sich. “Ich weiß es nicht. Das hängt von den Ergebnissen unserer Ermittlungen ab … und der Zeit, die ich dafür brauche, um mir zu vergegenwärtigen, wie wir zueinander stehen. Als Lebensgefährten sicher nicht mehr.” Er lächelt Jaleel beruhigend zu, zwischen dessen Hörnern eine steile Falte entstanden ist.

“Tut mir Leid, da bin ich wohl mit der Tür ins Haus gefallen.” Juliane streicht etwas von ihrem Block. “Vielleicht sollten wir uns eher auf die Vergangenheit konzentrieren – nicht auf Eure mit Orin, sondern allgemein.” Sie wirkt ein wenig verunsichert, während sie die Notizen auf ihrem Zettel überfliegt. “Hm, irgendwie sind viele Fragen eher unpassend, da sie sich um Orin und Eure Familie drehen.” Sie wendet sich an Jaleel. “Aber zu Euch ist noch nicht so viel bekannt. Daher sollte es kein Problem sein, wenn Ihr mir mehr über Eure Vergangenheit und Kindheit erzählt.” Sie setzt ein Lächeln auf.

“Meine Vergangenheit?” Verlegen kratzt er sich am Kopf. “Äh, ja. Steht das nicht da drin?”

“Nein, leider nicht.” Juliane zückt ihren Stift. “Ich glaube, Gwenael weiß auch nicht sonderlich viel über Euch, oder?”

“Er ist ein Parhur aus dem Grenzgebiet im Süden und seit sieben Jahren hier.”

Jaleel grinst. “Das ist weniger als ich dir gesagt habe.”

“Aber vielleicht ist es dir nicht recht?”

Mit einem Kopfschütteln stützt sich Jaleel auf seinen Oberschenkel. “Nein, da gibt es nichts, wofür ich mich schämen muss.” Er senkt die Lider. “Ich bin ein einfacher Bauernsohn. Meine Eltern sind unfrei, und ich habe ein ganzes Rudel Schwestern.” Wesentlich leiser und ernster fügt er hinzu: “Und eine ganz wunderbare Großmutter hatte ich. Sie war klug, sprach allein fünf Sprachen und schrieb sie, malte, tanzte, sang und dichtete. Sie war ganz anders als andere Bäuerinnen. Sie konnte anpacken, zugleich war sie eine Dame …” Er wandte sich an Gwenael. “Du hättest sie sicher gemocht. Sie war das unangefochtene Oberhaupt der Familie, und wir wurden erst nach ihrem Tod unfrei.”
“Sie klingt nach einem wunderbaren Menschen. Sie hat Euch auch das Schreiben beigebracht, oder?” Juliane notiert fleißig auf ihrem Block mit. “Was geschah nach ihrem Tod? Wie muss ich mir das unfrei vorstellen?”

Sein Lächeln verliert seinen Glanz. “Sie trug einen Namen, das heißt, einen Nachnamen. Der vererbt sich bei uns aber nicht. Es ist die Bezeichnung dessen, was sie für unser Volk und Land war.” Langsam nickt Gwenael. “Wenn dieser Name wegfällt, geht das Gut oder Gehöft in den Besitz des Landesherrn über.” Er drückt kurz und kräftig Jaleels Schulter. “Vielleicht bist du derjenige, der deiner Familie irgendwann auch einen Namen gibt.”

DSCI0052

Juliane in geheimer Mission 😉

“Dazu müsste ich zurück wollen.” Jaleel schüttelt den Kopf. “Nein, besser nicht.”

“Also habt Ihr nie den Wunsch verspürt, nach Hause zurückzukehren? Um herauszufinden, was mit Euren Schwestern und Eltern geschehen ist?” Juliane runzelt die Stirn. “Steht ihr denn miteinander in Kontakt?”

“So lang sie sich wie Wasser verhalten, überleben sie den Krieg unbeschadet. Das heißt, sie passen sich an, fließen mit der Strömung und nehmen an, was ihnen geboten wird. So war das auch in meinem letzten Jahr auf dem Hof.”

“Parhur sind in den meisten Ländern dazu verurteilt, das zu schlucken, was ihnen die Menschen aufbürden”, fügt Gwenael hinzu. “Es ist egal, ob es der Landesherr, der Großbauer oder ein Heer ist. Sie werden nicht als Gefahr wahrgenommen, aber auch nicht als Freund. Deswegen hat sich dieses Volk angewöhnt, mit dem Strom zu fließen, obwohl es in ihrer Natur liegt, zu brennen, sich zu wehren und ihren vollen Stolz zu beweisen.” Er lächelt knapp. “Ich will, dass Jaleel den Kopf hoch erhoben tragen kann und seine Natur leben soll.” Jaleel lacht auf. “Das ist, was mir an dir gefällt!”

“Das habt Ihr wirklich schön gesagt, Gwenael. Ich glaube, Ihr habt Euch beide gefunden und verdient einander.” Juliane trinkt etwas Wasser und stellt den Becher auf dem Tisch ab.

“Ist das eigentlich etwas ganz Neues für dich Jaleel, oder ward Ihr schon einmal in einer richtigen … kann ich es schon Beziehung nennen?”

“Beziehung?” Er zieht demonstrativ die Brauen hoch. “Gwenael und ich sind in erster Linie Freunde.” Er sieht sich um und grinst. “Freunde mit starkem Vertrauen ineinander.” Gwenael blinzelt, sagt aber nichts. “Alain war kein Partner, er hat sich mit mir nur vergnügt.” Das letzte Wort spuckt er förmlich aus. Nach einem Moment fährt er fort: “Ich hatte immer Partner, deren Namen ich nicht kannte.”

“Ich wollte nicht in Abrede stellen, dass ihr Freunde seid. Dennoch verbindet euch doch inzwischen mehr als z.B. mit Rim oder Marianne.” Sie zwinkert ihm zu. “Außerdem war euer Chronist sehr detailliert, was das anbelangt hat … was die Frage vorhin beantwortet: Ich habe nicht gelauscht, sondern gelesen!” Sie deutet grinsend auf das Buch.

“Um eine Beziehung zu führen, muss man sich richtig kennen. Wir lernen uns gerade erst kennen.” Gwenaels Stimme klingt belegt. “Aber es stimmt, was Ihr in Beziehung auf Jaleel, Rim und Marianne sagt.”

Jaleel erhebt und streckt sich. “Gwenael hat recht. Wer von mehr redet, weiß nicht, wie schwer es ist zu lieben und geliebt zu werden. Diesen romantischen Unsinn, der immer auf den Wanderbühnen aufgeführt wird, und in dem sich ein Mädchen beim ersten Blick unsterblich in einem Mann verliebt … Nein, daran glaube ich nicht, schon gar nicht, dass der Mann ihr gegenüber sofort Feuer fängt, außer hiermit.” Er nickt zu seinem Gemächt. “Um zu lieben, und darin bin ich mir sicher, muss man sich kennen.”

Gwenael seufzt und steckt endlich seine Waffe weg. “Wie wahr.”

“Dann hat euer Chronist zumindest diesen Punkt sehr realistisch und genau wiedergegeben. Und ihr habt auch noch eine Menge zu tun. Der Fall hält euch ziemlich in Atem, vor allem, da es eine solch komplexe Angelegenheit ist. Da ihr jedoch mitten in den Ermittlungen steckt, will ich gar nicht nach zu viele Details fragen. Es sei denn, Ihr wollt mir davon berichten.”

Gwenael schüttelt sofort den Kopf. “Nein, allein schon über unser Privatleben und unsere Gefühle freimütig zu reden, ist nicht einfach, aber das würde doch ein wenig zu weit führen, zumal Ihr vielleicht ein Inter … ein Gespräch mit der Chronistin führen solltet, scheinbar weiß sie sehr viel mehr.” Er nimmt einen großen Schluck Wasser und greift nach seinem Tabakbeutel. “Verdammt, kein Krümel mehr drin.” Er lässt ihn sinken.

Jaleel hat sich zu ihm umgedreht und lächelt. “Wir sollten vielleicht etwas Essen kommen lassen. Das beruhigt dich.”

“Mademoiselle, wollt Ihr etwas?”, fragt Chabod.

“Also wenn Ihr mich so fragt …” Juliane erinnert sich an die Art, wie in der Garnison Essen zubereitet wird – ekelhaft. “… nein danke. Bei dem Essen hier sind mir zu viele Dinge enthalten, die ich lieber nicht essen möchte.” Sie grinst. “Aber lasst Euch von mir nicht aufhalten. Ich warte so lange hier.”

“Nein, bevor mir hier sensible Informationen fehlen – nein.” Langsam neigt Gwenael sich vor und blättert im Buch. “Was steht alles in diesem …“ Er zuckt mit den Schultern und dreht es in den Händen. Dann huscht ein böses Grinsen über seine Lippen. „Wir können diese Worte alle nicht lesen, also wäre es doch nur recht und billig, wenn Ihr uns vorlest. Dann entscheiden wir, ob Ihr, Mademoiselle, Euren Bericht über uns veröffentlichen dürft.”

Juliane sieht ihn verdutzt an. “Ihr wollt, dass ich 700 Seiten vorlese? Das kann ich gerne machen, insofern ihr eine gute Woche Zeit mitbringt und mir freie Kost und Logis besorgt. Ich werde das kaum an einem Stück vorlesen.” Sie schlägt das Buch auf und grinst. “Oder interessiert euch nur die Stelle von letzter Nacht?”

Gwenael wird blasser, doch Jaleel verschränkt die Arme vor der Brust. “Sicher, lest!”

“Also gut.” Juliane schlägt das Buch auf und beginnt in der Mitte des Kapitels “Berührt”:

Tanja

Der Chronist

Der unausgesprochenen Einladung zu folgen war so einfach.

Gwenael streckte die Hand nach ihm aus, legte sie auf seine Brust, fand ein paar wenige Haare auf

glatter, schweißfeuchter Haut. Er streifte über Jaleels Brustwarze. Immer wieder. Bei jeder Berührung verhärtete sie sich weiter. Mit dem Daumen rieb er über die weiche Haut, spürte das leichte Springen unter seiner Fingerkuppe.

Stockend atmete Jaleel ein. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er brummte zufrieden und legte den Kopf in den Nacken. Seine Bauchdecke straffte sich, fiel ein. Jede Rippe trat hervor. Die Muskulatur zuckte.

Gwenael fühlte es mehr, als dass er es sah.

Jaleel war ein einziges sehnsüchtiges Angebot.

Der erahnte Anblick entlud sich in purer Hitze, die in Gwenaels Lenden explodierte.

Bei “Der erahnte Anblick entlud sich in purer Hitze, die in Gwenael Lenden explodierte” unterbricht Gwenael, ziemlich rot, fächelt sich Luft zu und sagt: „Ich hoffe darin steht nicht mehr!”

Juliane grinst ihn breit an. “Viel mehr.” Sie sieht zu Jaleel. “Soll ich weiterlesen, oder lassen wir das lieber?”

“Was steht denn sonst noch da?”, fragt Jaleel verunsichert. “Irgendwas über unsere Zukunft?”

“Das auch, aber das sollte man ja nicht weitergeben. So etwas kann dann wirklich Unglück bringen.” Sie lehnt sich zurück und tippt mit dem Stift auf das Papier. “Was für ein Gefühl ist das, dass jemand eure Abenteuer aufgeschrieben hat (in dieser detaillierten Form) und sie von Männern und Frauen gelesen werden?”

“Von Frauen?” Jaleel schaut sie zweifelnd an.

“Mich beunruhigt eher, dass jemand all das schreibt, vor ALLEM unsere Zukunft. Das macht den Eindruck, als seien wir alle nicht Herr unserer Selbst. Findest du das nicht auch unangenehm?”, murmelt Gwenael.

Jaleel schluckt trocken. “Ja.” Er mustert Juliane. “Ist das so? Sind wir nicht unsere eigenen Herren?”

“Da müsst ihr euch keine Sorgen machen – Ihr seid ganz Ihr selbst und bestimmt über Euer Handeln. Es ist schwer zu erklären – da es sich um Magie handelt, müsste das Shion erklären.” Juliane sieht zur Tür. “Wo steckt der eigentlich?”

“Shion, unser Allwissender.” Jaleel klang nicht besonders begeistert.

Jaleel und Gwen

Gwenael und Jaleel – heimlich aufgenommen! (c) Tanja Meurer

Schwerfällig stemmte sich Gwenael auf die Füße und ging zur Tür, während er seine Halb-Savonette aufklappte. “Shion ist schon eine Weile abgängig. Das wundert mich.” Er legt die Stirn in Falten.

Als er die Tür öffnet, dringt eine Wolke trockenen Staubs in das Büro. Die Ausrufe der Wachsoldaten dringen vom Südtor her, untermalt von dem Rumpeln eisenbeschlagener Räder auf dem Pflaster. De grellen Geräusche des Schmiedehammers bringen die Luft zum Vibrieren. Gwenael wendet sich Juliane zu. “Was sind das eigentlich für seltsame Apparate, die Ihr mit Euch führt? Sie scheinen von Wert zu sein.”

Juliane zieht das Aufnahmegerät aus der Tasche, ebenso den Fotoapparat. “Damit kann man Geräusche und Stimmen aufnehmen.” Sie schaltet ihn ein und fordert Gwenael auf etwas zu sagen. “Und was soll ich sagen?”

“Der Klassiker!”, entgegnet Juliane grinsend, spult ein Stück zurück und drückt auf Play.

“Und was soll ich sagen?”, klingt es verzerrt und sehr leise aus dem Gerät.

Gwenael sieht sie skeptisch an. “Das kann unsere Mechanik bereits?”

Jaleel strahlt. “Das brauchen wir dringend! Dann muss Marianne wesentlich weniger schreiben!”

“Das stammt aus meiner Welt – und ich werde es wieder mitnehmen, tut mir leid.” Sie greift nach dem Fotoapparat und schaltet ihn ein. “Dieses Gerät macht … Momentaufnahmen, man kann sagen Bilder einer bestimmten Situation.” Wegen der Düsternis im Raum klappt sie den Blitz heraus. “Nicht erschrecken.” Sie richtet die Kamera auf die beiden und schießt ein Foto.

Jaleel reißt die Augen auf. “Sie ist doch eine Magierin!” Er springt auf sie zu, während Gwenael nach seiner Waffe greift, aber die Hand wieder sinken lässt. “Nein, der Blitz hat uns nichts getan.”

“Ups – entschuldigt, bitte.” Sie betrachtet das Bild auf dem Display und schüttelt den Kopf. “Doch zu hell”, murmelt sie. Sie klappt den Blitz zu, lässt die Kamera aber sinken. “Das ist die Technik unserer Welt. Und um das noch zu betonen: Bei uns gibt es gar keine Magie – nicht einmal einen Hauch davon.”

Irritiert bleibt Jaleel stehen, fängt sich aber schnell, nur um Juliane die Kamera zu entreißen. Sein Kiefer klappt herunter. Stumm reicht er das Gerät an Gwenael.

“Das bräuchten wir”, murmelt der Commandant düster. Es würde mir das mühsame Zeichnen ersparen.” Er räuspert sich und reicht Juliane die Kamera. “Also gibt es bei Euch keine Magie, dafür aber Hilfsmittel, mit denen man Stimmen aufzeichnen und Bilder aus der Bewegung einfangen kann, interessant.”

 

“Zusammen mit ihrem Wissen und dem des Chronisten, könnten wir den Fall sehr schnell lösen”, fasst Jaleel zusammen. “Wenn Ihr auf unserer Seite wäret, Mademoiselle, könnten wir weitaus schneller und leichter mit der Arbeit voranschreiten.”

Gwenael weist auf Jaleel. “Ihr habt ja gelesen, wie ich meinen Stab zusammengesetzt habe. Warum dann nicht auch jemand wie Euch?

Juliane ist so verdutzt, dass sie im ersten Moment nicht

Karte Äos (c) Tanja Meurer

weiß, was sie sagen soll, dann nickt sie. “Wenn ich helfen kann, dann liebend gern. Allerdings müssten wir auch Tanja, den Chronisten, nach Äos holen. Sie kann viele Dinge noch viel besser als ich.”

“Tanja? Wer ist das, Ihr habt den Namen zwar schon erwähnt, aber …” Gwenael zuckte die Schultern. Interessiert tritt auch Jaleel wieder näher, als sich schnelle Schritte nähern.

“So haben wir nicht gewettet, Madamchen!”, fährt ihr Shion dazwischen. “Du hast deinen Platz andernorts!”

“Ach Mist!”, entfährt es Juliane, und sie sieht zu Shion. “Ausgerechnet jetzt musst du zurückkommen. Dabei war das ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.”

“Du …” Er droht kurz, grinst dann aber. “Wenn ich es mir recht überlege, wäre es gar nicht so dumm. Nur will ich dich mal auf Verbrecherjagd sehen. Du kannst ja leider nicht kämpfen, und darauf sollten wir uns fraglos einstellen.”

“Ach und Jaleel kann kämpfen? Ich will mal sehen, wie er sich im Schwertkampf mit Gwen schlägt. Gut, er kann einbrechen und ist ein geschickter Taschendieb, aber im Kampf ist er jetzt auch nicht besser als ich.” Sie stemmt die Hände in die Hüften. “Außerdem könnte ich dann noch viel mehr recherchieren – über Äos, den großen Krieg, die ganzen Geheimnisse, die diese Welt umgeben.”

Shion, der ohnehin wenig Farbe hat, verliert noch ein bisschen mehr davon. “Sei still!” Prüfend schaut er sich um, als ob er erwarte, dass etwas Außergewöhnliches geschieht. Selbst Gwenael und Jaleel halten die Luft an, entspannen sich aber nach einer Weile.

Der Commandant hat sich als erster wieder im Griff. “Was wollt Ihr über Äos wissen? Eure Chronistin hat sicher auch dazu alles aufgeschrieben, oder?”

“Nun ja, das Land hat sie nicht bereist.” Sie sieht zu der Landkarte die an der Wand hängt. “Wie sind die verschiedenen Länder? Wie sieht es in Paresh aus? Immerhin ward ihr bis vor kurzem dort.”

Gwenael will gerade zu einer Antwort ansetzen, als Shion die Hand hebt. “Geht das nicht langsam etwas zu weit, Julie?” Er schüttelt sacht den Kopf. “Ich glaube, wenn du mehr hören willst, solltest du vielleicht meinen Vätern diese Fragen stellen.”

“Waren die beiden in Paresh?”, fragt Jaleel scharf.

Shion sieht über die Schulter und schüttelt den Kopf. “Nicht so lang wie Ihr, das gebe ich zu.” Gwenael winkt den Magier zu sich und flüstert ihm etwas zu, was in Jaleels Worten untergeht. “Paresh ist ein heißes Land, mal sehr feucht, mal von Dürre heimgesucht”, sagt der Parhur. “Es ist auch ein gläubiges Reich, im Gegensatz zum Rest der Welt, aber zugleich ist es ungerecht. Es gibt mehr Leibeigene als Bürger, und der Herrscher ist zugleich der Herr über eine Stadt, in der nur der Adel frei ist. Alle anderen leben wie in einem Gefängnis, nur dass es mehr als vier Wände hat und sich auf das Areal von Dahla ausdehnt. Es ist ein stolzes, aber auch verrottendes Reich.” Er sucht Gwenaels Blick, der still nickt. Auch Shion senkt die Lider.

“Deshalb kämpfen so viele unserer Soldaten dort unten. Ihnen sind die Grenzen egal, ebenso das alte Reich Kalesh. Ihnen geht es um die Freiheit”, führt der Magier an.

“Unsinn!”, fährt Gwenael dazwischen. “Viele Soldaten gehen mit falschen Vorstellungen in die Schlacht. Vertut Euch nicht darin. Ich war rund zwanzig Jahre dort unten. Das hat nichts mit Revolution und Heldentum zu tun, nur mit verbissenem Starrsinn, Fassungslosigkeit und dem Wunsch, irgendwann davon befreit zu werden.” Er sieht zu Juliane. “Aber das war nicht Eure Frage, Mademoiselle.”

“Nicht ganz, aber diese Richtung ist auch nicht verkehrt. Ich höre gerne zu, wenn ihr mehr dazu sagen wollt.” Sie sieht zu Shion. “Allerdings habe ich das Gefühl, dass meine Zeit fast vorüber ist, oder?

Langsam nickt der Magier. “Ja. Du gehörst nicht hierher, meine Liebe.” Er tritt zu ihr und legt ihr beide Arme auf die Schultern. Sie reicht dem hageren Mann gerade bis zur Brust. “Wenn du einen Aufschub willst, gerne, aber den können dir nur meine Väter gewähren, nicht ich.”

“Gibst du mir wenigstens die Möglichkeit, ein Bild von uns dreien zu machen?” Sie deutet auf Jaleel und Gwenael. “Das wäre wirklich toll.”

Er stöhnt und hebt beide Hände. “Wenn es denn sein muss … Aber dafür schuldest du mir etwas!” Er nimmt die Kamera. “Platziert euch wenigstens so, dass ich nicht gegen die Sonne ankämpfen muss.” Gwenael wirkt verunsichert und stellt sich in den schattigen Zugang zum Nebenraum.

“Ob er das gemeint hat, wage ich zu bezweifeln”, sagt Jaleel mit einem Augenzwinkern. Er positioniert sich dekorativ auf der Tischkante. “Sehe ich gut so aus?”

Scan3

Exklusives Foto mit Gwenael und Jaleel (c) Shion (Tanja Meurer)

“Ja, sehr ansprechend und dekorativ”, kommentiert Juliane und stellt sich neben ihn. Sie winkt Gwenael herüber. “Ihr werdet zwar sowieso aussehen, als hättet Ihr einen Zaunpfahl verschluckt, aber versucht trotzdem, ganz locker zu bleiben und nicht zu verkrampfen … klingt fast ein wenig anzüglich.”

Gwenael scheint es vorzuziehen, nicht darauf zu antworten. Er setzt sich links von ihr auf die Tischkante und verschränkt die Arme vor der Brust.

“Würde es Euch umbringen zu lächeln?”, fragt Shion spöttisch. “Im Übrigen hat sie vollkommen recht, mon Commandant, Ihr macht den Eindruck einen Zaunpfahl verschluckt zu haben.”

“Ach, ich fühle mich einfach in dieser Situation nicht wohl”, entgegnet Chabod leise. “Nach meinem Gefühl bin ich nicht mehr Herr meiner Selbst, wir haben es hier mit magielosen Automaten zu tun, gegen die unsere Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt, außerdem macht mich diese Chronistin nervös. Mir wäre es lieber solche Menschen auf unserer Seite zu wissen. Fehlt Euch dafür etwa auch das Verständnis, Maître?”

Shion schüttelt den Kopf. “Natürlich nicht, aber vielleicht tut es uns allen gut, dass wir einmal mehr lernen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind und es noch viel gibt, was außerhalb unserer Vorstellung liegt. Das schärft unsere Sinne.”

Jaleel legt Juliane eine Hand auf die Schulter. Er neigt sich zu ihr und senkt die Stimme: “Wenn Ihr Aufschub gewährt bekommt, würdet Ihr uns in dem Fall helfen?”

Juliane lächelte leicht. “Natürlich – da müsst Ihr aber Shion überzeugen. Oder mit Meister Lysander sprechen. Er ist ein wenig offener, was das betrifft. Allerdings ist das hier Euer erster großer Fall – vielleicht solltet Ihr ihn gemeinsam mit Gwenael bestreiten, zumal Euch das einander näherbringen würde. Ihr wollt ihn doch besser kennenlernen, oder?”

Jaleel stockt. “Ähm, na ja, also … ich wäre nicht böse darum. Aber das ergibt sich, oder?”

“Natürlich doch – aber wenn wir hier alles aufklären, bliebe dafür wenig Zeit oder? Ich könnte alles offenbaren, was hinter den Automaten steht, was das alles mit den Mordfällen von vor dreißig Jahren zu tun hat und wie das mit Gwenaels Familie zusammenhängt, aber das wäre nicht das Abenteuer, was Euch zusammenschweißen würde.” Sie lächelt Shion an, der mehrere Bilder macht. “Aber vielleicht darf ich wiederkommen – zusammen mit dem Chronisten, der Eure Abenteuer verfasst. Sie würde gewiss gerne mal ein Gespräch mit Euch führen.”

Unterdessen ist Jaleel bis zu den Ohrspitzen rot und achtet nicht mehr auf Shion. “Das ist wahr.” Er lächelt. “Vielleicht ist es nicht zu klug, allzu viel über die Zukunft zu wissen. Alles wird seinen Weg finden, wie das Wasser.”

Gwenael erhebt sich. Seine Knochen knacken in den Gelenken. “Jetzt ist es aber mit den Bildern genug. Wir haben noch einiges zu tun.” Mit einem Blick zu Juliane fügt er hinzu: “Auch ich will lieber meine Zukunft und mein Schicksal selbst heraus finden. Wenn Ihr in der Lage seid, alles was Ihr wisst, für Euch zu behalten, seid Ihr hier bei uns willkommen. Wie ich schon sagte: ich würde Euch einen Platz hier anbieten, aber so lang Ihr dazu nicht in der Lage seid, würde ich Euch bitten zu gehen.”

“In der Lage wäre ich schon …” Ihr Blick huscht zu Shion, und sie hebt die Hand. “Aber ich denke, ich würde es nicht dauerhaft in dieser Welt aushalten. Es ist anders als meine Welt – da liegen Jahrhunderte an Entwicklung und Zeit dazwischen und mir würden doch einige Annehmlichkeiten meiner Zeit fehlen.” Sie nimmt ihre Sachen und packt sie in die Tasche. “Aber vielleicht darf ich irgendwann mal wiederkommen. Später, wenn ihr mehr Zeit habt und dieser Fall hinter euch liegt.” Sie greift zum Buch.”Hm … eine Sache wäre aber toll – könntet Ihr dieses Buch nicht mit Euren Namen schmücken – eine Signatur quasi? Der Chronist oder einer der Leser würden sich freuen.”

Der bereits vertraute, irritierte Gesichtsausdruck auf Gwenaels Zügen verschwindet nach einem Augenblick. Er legt die Stirn in Falten. “Mit welcher Feder kann man auf diesem seltsam rauen und weichen Papier schreiben, ohne dass sie verläuft?”

“Ihr habt ihn gut an der Angel”, wispert Jaleel und grinst Juliane zahnig an.

“Von mir könnt Ihr lernen”, wispert sie ihm zwinkernd zu. “Versucht es damit.” Sie zieht einen Kugelschreiber aus der Tasche. “Sieht seltsam aus, funktioniert aber wie eine Feder, ohne dass die Schrift verläuft.”

“Das ist kein Metall, auch wenn es danach aussieht.” Gwenael betrachtet die kleine Öffnung am vorderen Ende und dreht ihn neugierig in der Hand. Die roten Ecken auf schwarzem Grund scheinen ihn zu faszinieren. Er drückt auf das hintere Ende, sodass die Miene herausschießt und zurückspringt. Mit gefurchter Stirn mustert er Juliane: “Schreibt man mit der Spitze?”

“Ja, genau so.” Sie nickt ihm zu und schiebt ihm das Buch hinüber. “Einfach Euren Namen hineinsetzen. “Jaleel, Ihr könnt Euch gleich anstellen – ich weiß, dass Ihr schreiben könnt.”

Gwenael neigt sich vor und malt seine akkuraten, stark rechts gewendeten Buchstaben hinein. “Richtig so?”

“Wird wohl”, entgegnet Jaleel und zeichnet sein eigenes, fast ornamentiertes Namenssymbol hinein. Er nimmt das Buch und hält es hoch. “Sagt, Julie, wie bin ich in dem Buch? Auch so steif wie mein lieber Freund hier?” Er blinzelt Gwenael zu.

Signatur

einmalige, von den Charakteren signierte Ausgabe – gibt es am Ende der Special Week zu gewinnen!

“Ihr seid frech und sehr liebenswert. Also ich mag Euch sehr – Parhur hin oder her. Ihr habt sogar einige Fans.” Sie zwinkert ihm zu und nimmt das Buch an sich. Behutsam steckt sie es in ihre Tasche.

“Fans? Was ist das?” Jaleel kratzt sich am Kopf.

“Ähm, Leute die dich gerne haben und mögen – zumindest anhand der Geschichte und der Beschreibungen des Chronisten.” Sie sieht zu Shion. “Ich könnte in den nächsten Tagen ein Exemplar bei Luca abgeben, dann kann er es entsprechend lesen bzw. übersetzen.”

 

“Wenn er Zeit hat, macht er das sicher auch.” Shion nickt mit dem Kopf zu Chabod. “Er wird es nur nicht befürworten.”

“Nicht vor der Zeit”, stimmt der Commandant zu. “Aber generell würde es mich schon interessieren.” “Liebenswert”, murmelte Jaleel. Er streckte sich. “Und Gwenael …?”

“Das führt doch langsam zu weit!” Gwenael schüttelt tadelnd den Kopf. “Mademoiselle Julie hat noch einen weiten Weg bis zum Orden. Wir sollten Ihr einen Wagen kommen lassen, damit sie unbeschadet zu Grand-Maître Lysander kommt.” Er nickt Juliane zu. “Nichts für ungut, Ihr seid mir auch willkommen, aber ich will lieber meine Zukunft nicht wissen, auch nicht lesen. Versteht ihr das?” In seine Stimme schleicht sich Milde.

“Natürlich verstehe ich das. Vielleicht kommen Tanja und ich einmal vorbei, wenn alles vorüber ist – dann können wir wirklich über alles sprechen, die Chroniken, Eure Abenteuer und alles weitere.” Sie schultert ihre Tasche und sieht zu Gwenael. “Vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit für mich genommen habt – ich weiß, wie viel Ihr noch zu tun habt.” Sie schenkte ihm ein Lächeln. “Und die Leser mögen Euch auch sehr, da könnt Ihr Euch sicher sein.”

“Vielen Dank. Habt in jedem Fall einen guten Weg und übersendet den Magiern des Ordens meine besten Wünsche.” Gwenael deutet eine leichte Verneigung an.

“Wenn wir uns wiedersehen, würde ich Euch gern die Stadt zeigen, Mademoiselle Julie, die, fern ab der großen, lauten Märkte. Ich glaube, das wäre auch in Gwenaels Sinn, oder?” Jaleel wirft ihm einen fragenden Blick zu.

Der Commandant nickt. “Wenn alles wieder unter besseren Vorzeichen steht, Mademoiselle.”

“Das nennt sich einen glatten Rausschmiss”, sagt Shion mit einem Augenzwinkern. “Aber einen mit Hintertüre zu uns zurück.”

“Ist schon in Ordnung, Shion.” Sie wendet sich an Jaleel und reicht ihm die Hand “Und ich komme gerne auf das Angebot einer Stadtführung zurück, Jaleel. Es hat mich wirklich sehr gefreut dich kennenzulernen.” Sie grinst den Parhur an. „Euch ebenso, Gwenael. Es war mir eine Ehre.“

Als sie sich umdreht und neben Shion über den weiten Exerzierplatz in Richtung des Tores geht, murmelt der Magier: “Du warst sehr offenherzig mit den Errungenschaften deiner Welt. Das kann ich so einfach nicht durchgehen lassen, und das weißt du auch.”

Juliane seufzt und zieht den Kopf ein Stück zwischen die Schultern. “Ich weiß, aber das Interview ist vollkommen aus dem Ruder gelaufen.” Sie hebt den Blick und fixiert den Magier. “Ich wusste, dass es schwer wird mit den beiden zu reden, aber dieser fette Sergeant hat es ja nur noch verschlimmert. Rim ist so ein …!” Sie presst die Lippen aufeinander und kickt – sehr wenig damenhaft – einen Stein davon, der an dem Stiefel eines Soldaten abprallt. Der Mann dreht sich kurz um, reagiert aber nicht. Wahrscheinlich liegt es an Shions Gegenwart.

Juliane schluckt trocken, bevor sie sich ein Lächeln auf die Lippen zwingt. “Was wirst du nun machen, Shion?” Ihre Stimme schwankt leicht. Die Antwort wird ihr sicher nicht zusagen.

“Am einfachsten ist es, ihre Erinnerungen zu löschen.” Er überblickt den Kasernenhof. “Wie viele haben dich denn gesehen?”

“Gwen, Jaleel, Marianne, Rim, Radur und gute vierzig Soldaten.”

Shion rollte mit den Augen. “Wunderbar – du weißt aber, dass Rim deine Anwesenheit sicher schon in der Kantine und überall sonst herumgetragen hat?” Ohne auf eine Antwort zu warten, fährt er fort: “Das kostet mich verdammt viel Kraft. So viel Beherrschung über so viele Menschen auszuüben, das ist nicht einfach.” Er reibt sich das Kinn.

shion

Shion (c) Tanja Meurer

“Soll heißen?”, fragt Juliane herausfordernd. “Was willst du als Gegenleistung?”

 

Er zuckt mit den Schultern. “Vielleicht mal wieder ein ruhiges Film-Wochenende bei dir und Tanja?”

“Sicher das … mit den “Men in Black”!”

Er hebt die Schultern und verschränkt beide Hände hinter dem Rücken. “Wenn du nicht willst, auch gut …”

“Ach verdammt, ich weiß nicht, was ich will!” Juliane reißt die Arme hoch und ballt die Fäuste. “Einerseits weiß ich, dass ich viel zu viel verraten habe, anderseits will ich mit Tanja das alles hier auch mal direkt erleben können. Verstehst du das nicht?”

“Doch.” Er klingt nachdenklich. “Egal wie, du fährst jetzt erst mal zu Ayco und Luca, redest mit den beiden und konzentrierst dich auf andere Dinge, einverstanden?”

“Muss ich wohl sein.” Sie folgt ihm vor das Tor, wo er die nächste Kutsche anhält.

“Fahr zum Orden, rede mit meinen Vätern und warte, bis ich mich melde.” Seine Stimme hat etwas Beschwörendes.

Mit einem Gefühl von Ärger, Verlust und Erschöpfung besteigt Juliane die Kutsche. Als das Gefährt durch das Tor hinaus auf die Handelsstraße rumpelt, dreht sie sich um. Sie kann sich nicht von der großen Stadt lösen. Es ist, als bliebe etwas von ihr dort. Die sandfarbenen Türme, Mauern und Zinnen, dieses wundervolle Gefühl in einer Welt fern der Realität zu sein …

Sie dreht sich mit brennenden Augen um und greift in ihre Tasche. Immerhin hat sie die Fotos, die Bandaufnahme und ihre Notizen. Beinah wehmütig betrachtet sie die kleine Version der Bilder auf dem Monitor. Als sie die Kamera zurücksteckt und die Notizen heraus zieht, um noch ein paar Anmerkungen, ihre eigenen Gefühle in diesem Moment hinzuzufügen, bemerkt sie, dass der rot-schwarze Incubus-Kuli fehlt. Ihr wird kalt. Sie weiß sofort wo er liegt: auf Gwenael Chabods Schreibtisch …

[ROMAN] Die Seelenlosen von Tanja Meurer

Autorin: Tanja Meurer
Taschenbuch: 704 Seiten
ISBN: 978-3945569023
Preis: 6,99 EUR (eBook) | 16,00 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Der im Krieg schwer verwundete Gwenael Chabod wird in der freien Handelsstadt Valvermont zum neuen Commandante der Stadtwachen ernannt. In sein Aufgabengebiet fallen fortan ungeklärte Fälle, ebenso obliegt ihm der Oberbefehl über alle ansässigen Garnisonen. Noch bevor er sein Amt überhaupt offiziell antreten kann, stolpert er in einen Kriminalfall, der ungeahnte Größen annimmt: Fleischpuppen – von Magiern kontrollierte Leichen – machen die Straßen unsicher und eine brutale Mordserie erschüttert die Stadt, bei der schwangere Frauen bei lebendigem Leib zerrissen werden. Gemeinsam mit neuen Gefährten – dem Dieb Jaleel, der Wäscherin Marianne, dem Magus Shion und einer Hand voll Soldaten der Südgarnison versucht Gwenael den Schuldigen auf die Spur zu kommen und herauszufinden, was sich hinter den grausamen Verbrechen verbirgt. Dabei fallen nicht nur Parallelen zu einer 30 Jahre alten Mordserie auf, auch Gwenaels langjähriger Liebhaber Orin und seine Familie, der er vor Jahren den Rücken kehrte, scheinen in die Vorfälle verwickelt zu sein …

Eigene Meinung:
Mit „Die Seelenlosen“ legt der Incubus Verlag nachlängerer Durststrecke einen neuen Roman vor – dieses Mal sicherte man sich die Steam-Fantasy-Reihe „Die Stadt der Maschinenmagie“ von Tanja Meurer, die Steampunk-Fans bereits durch ihren Kurzroman „Rauhnacht“ bereits bekannt sein dürfte. Darüber hinaus veröffentlichte die Autorin im Bookshouse Verlag und bei Deadsoft. „Die Seelenlosen“ ist der erste Band der Reihe und endet mit einem Cliffhanger. weiterlesen…

[NOVELLE] 9 mm – Schweiß und Blut von Tanja Meurer


Autor: Tanja Meurer
Taschenbuch:  168 Seiten
ISBN: 978-3945934579
Preis: 3,99 EUR (eBook) | 10,95 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Der junge Punk Jens ist wegen Mordverdacht auf der Flucht, als ihn der Fernfahrer Christoph bei einem Rasthof aufgabelt und mit nach Berlin nimmt. Schnell wird klar, in welche Schwierigkeiten sich Christoph gebracht hat, zumal er selbst Undercover bei der Zollpolizei arbeitet. Einzig die Tatsache, dass hinter dem Polizistenmord, in den Jens verwickelt ist, mehr steckt als es den Anschein hat, veranlasst Christoph während der Fahrt die Wahrheit zu ergründen. Nach und nach dringt er zu Jens vor, dessen Erinnerungen stark verwaschen sind. So entwickelt sich zwischen den beiden Männern mit der Zeit eine explosive Atmosphäre, die sich in mehrfacher Hinsicht entlädt …

Eigene Meinung:
„Schweiß und Blut“ ist der erste Kurzroman der Gay Crime- Reihe „9 mm“ und erschien Dezember 2015 im Deadsoft Verlag. Er wurde von Tanja Meurer verfasst, die auch den dritten Band der Reihe („Verborgener Feind“) schreiben wird. Der zweite Band „Rotten Games“ stammt von Juliane Seidel und behandelt eine gänzlich andere Geschichte – die des Aussteigers Jay, der in „Verborgener Feind“ neben Christoph die Rolle des Hauptcharakters übernehmen wird. Die beiden Kurzromane überschneiden sich am jeweiligen Ende der Bücher. weiterlesen…

[ANKÜNDIGUNG] Special Week: Tanja Meurer

Die letzte Special Week liegt eine Weile zurück – was vor allem am Bloggeburtstag lag. Dennoch wird es Zeit einen neuen Autoren vorzustellen – die Wahl fiel dieses Mal auf meine Frau Tanja Meurer, die inzwischen mehrere Veröffentlichungen vorweisen kann, die zur thematischen Ausrichtung des Blogs passen. Ich freue mich schon sehr auf das Special kommende Woche und hoffe, ihr seid ebenso gespannt wie ich. Angekündigt wurde die Special Week ja bereits während des Bloggeburtstages, lediglich der Zitate-Freitag fehlte in der damaligen Ankündigung.

Hier die einzelnen Stationen der Special Week:

02.05. Rezension: “9 mm – Schweiß und Blut”
03.05. Rezension: “Die Seelenlosen”
04.05. Charakterinterview Gwenael und Jaleel
05.05. Rezension: “Rauhnacht”
06.05. Zitate-Freitag “Die Seelenlosen”
07.05. Interview Tanja Meurer
08.05. Gewinnspiel – Leserinterview

Tanja und ich freuen uns auf die Special Week mit euch und wünschen schon jetzt viel Vergnügen 🙂

[BLOGGEBURTSTAG] Special Week

Banner Bloggeburtstag

Hallo ihr Lieben,

Ende 2014 kam zum ersten Mal die Idee auf, nicht nur regelmäßig Rezensionen hochzuladen, sondern den Blog mit Aktionen zu bereichern, die es in dieser Form noch nicht gab. Da ist leichter gesagt als getan, denn bekanntlich gibt es nichts, was es nicht gibt oder schon gab. Interviews sind nichts Neues mehr, eine geplante queere Challenge wurde eingestellt,ein anderer Blogger eine entsprechende Lesechallenge startete (und ich mir nicht noch einmal anhören wollte, ich würde abkupfern), und reine Verlosungen fand ich zu langweilig. Auch sonst bin ich ziemlich unkreativ geblieben, denn alles was mir letztendlich in den Sinn kam, war eine sogenannte Special Week, die sich den Werken und der Person eines bestimmten Autors widmete: 4-6 Tage sollte es sich nur um einen bestimmten Schreiberling drehen. Meine Wahl für den ersten Durchlauf viel auf Cecil Dewi, die mich bereits mit „Staub und Stolz“ überzeugen konnte. Schnell stand ein grober Fahrplan fest – ähnlich einer Blogtour, mit dem Unterschied, dass alle Stationen bei mir stattfanden.

Die erste Special Week kam so gut an, dass 3-4 Monate später die zweite ansetzte – dieses Mal mit Raik Thorstad, was ebenfalls sehr erfolgreich verlief. Mit dem dritten Durchgang (mit Florian Tietgen) stand der endgültige „Aufbau“ einer Special Week fest:

  • 2-3 neue Rezensionen zu Büchern des Autors
  • Charakterinterview mit ausgewählten Figuren
  • Interview mit dem Autoren
  • Gewinnspiel mit Leserinterview

Inzwischen findet die Special Week alle 3-4 Monate statt, die nächste Woche ist meiner Frau Tanja Meurer gewidmet, deren Steampunk-Fantasy „Die Seelenlosen“ vor einigen Tagen beim Incubus Verlag erschien, und für Anfang Mai angesetzt. Und da ich bereits schon mitten in den Planungen stecke, habe ich jetzt schon den Fahrplan für die nächste Special Week in petto:

Banner Special Week_Tanja

02.05. – Rezension „Annabelle Talleyrand – Raunacht“
03.05. – Rezension „Die Stadt der Maschinenmagie – Die Seelenlosen“
04.05. – Charakterinterview Gwenael und Jaleel
05-05. – Rezension „9 mm – Schweiß und Blut“
06.05. – Interview Tanja Meurer
07.05. – Gewinnspiel / Leserinterview

Inzwischen habe ich glücklicherweise weitere Ideen, die ich demnächst umsetzen will, sprich es wird neben den Special Weeks (und den unregelmäßigen „Braindead“-Einträgen) weitere Sonderaktionen und Specials geben. Ich muss nur die Zeit finden, sie umzusetzen.

Habt ihr einen Lieblingsautoren, den ich ebenfalls im Rahmen einer Special Week vorstellen soll? Oder andere Ideen für eine Aktion, die es in dieser Form noch nicht gab? Dann kommentiert einfach und gebt mir Bescheid, wen ihr gerne mal vorgestellt haben wollt, und welche Aktion ihr hier miterleben wollt. Ich bin offen für Vorschläge und Ideen – meldet euch einfach. Ich freue mich auf eure Vorschläge.

Liebe Grüße,
Juliane

[AUSWERTUNG] Gewinnspiel Paul Senftenberg

Banner Special Week_Paul

Hallo ihr Lieben,

die Special Week mit Paul Senftenberg hat eine Menge Spaß gemacht und hoffentlich ist der ein oder anderen neugierig auf die Bücher geworden. Zeit das Gewinnspiel auszulosen – insgesamt haben uns Fragen von sieben Teilnehmern erreicht, die natürlich von Paul benatwortet wurden. Bevor ich die Gewinner bekanntgeben, könnt ihr hier nachlesen, was Paul zu den jeweiligen Fragen gesagt hat:

Ines: Wo schreibst du am liebsten und wann schreibst du?
Mit welchem Schriftsteller würdest du dich gerne mal plaudern und warum?
Hallo Ines – danke für deine Fragen!

Zur ersten: Ich schreibe eigentlich immer am Laptop am Tisch in meinem Arbeitszimmer. Dort habe ich völlige Ruhe und leise Musik im Hintergrund. Neue Kapitel schreibe ich immer vormittags; am Nachmittag lese ich den Ausdruck durch, korrigiere ihn, tippe die Änderungen ins Manuskript, drucke das erneut aus, korrigiere nochmals, tippe nochmals ein – und so weiter, bis ich endlich damit zufrieden bin. Und am nächsten Tag beginne ich mit dem nächsten Kapitel.

Mit wem ich mal gern plaudern würde? Mit meiner Autorenkollegin Jana Walther. Wir haben uns übers Internet kennen gelernt und schon sehr viele Mails ausgetauscht. Also haben wir ja eigentlich schon es öfteren miteinander geplaudert. Aber persönlich, from face to face, haben wir uns noch nie getroffen. Wir wohnen einfach viel zu weit von einander entfernt. Also mit Jana würde ich mich mal sehr gern auf einen Kaffee treffen. Wir sind ja, was unsere Literatur betrifft, Verwandte im Geiste.

Sabine:Wie kommst du auf deine Geschichten?
Wie entwickelst du deine Charaktere?
Wie entscheidest du, wie deine Protas heißen? Suchst du die Namen aus Namenssamnlungen aus, oder entscheidest du ganz spontan?

Dana: Ich würde gern wissen wollen, ob es für die Charaktere in den Büchern lebende Vorbilder gibt. Leute, die Paul Senftenberg beim Schreiben inspirieren, an denen man sich orientiert oder von denen man Eigenarten/Macken abschaut.
Hallo Sabine und Dana – auch euch herzlichen Dank für eure Fragen, die ich, weil sie einander ähneln, gleich auf einmal beantworten möchte.

Ich gehe einfach wach durchs Leben, würde ich sagen, und so „springen“ mich Geschichten geradezu an. Eine Beobachtung, ein Mensch, der mir interessant erscheint, eine Geschichte, die mir ein Schüler erzählt, aber auch mal eine Notiz in einer Zeitung oder die Aura eines ganz bestimmten Ortes, ganz allgemein auch das alltägliche Leben in dem Umfeld, in dem ich wohne, natürlich auch persönliche besonders freudige oder auch schmerzliche Erfahrungen – all dies kann den Prozess in Gang setzen, der schließlich zu einer Romanhandlung führt. Und genauso ist es mit meinen Charakteren, die meist eine Mischung aus Menschen sind, die ich persönlich kennen lernen durfte, und meinen Gedankenspekulationen. In einer Namenssammlung habe ich für sie noch nie blättern müssen, denn die Namen kommen mir ganz spontan, meistens ganz am Anfang, noch bevor ich wirklich viel über die Charaktere weiß.

Steffen: Bislang keines Deiner Bücher kennend, liebte ich sogleich die schönen Cover von “Eine ganz andere Liebe” und “Narben”, und mich interessiert, wer der Maler ist. Meine Frage bezieht sich auf Deine Zuwendung zur Novelle, denn ich mag diese, in der Literatur leider etwas unterrepräsentierte, Gattung: die verdichtete Konzentration auf ein Hauptthema innerhalb einer geschlossenen Form. Welchen speziellen Reiz bietet Dir die Novelle; bevorzugst Du sie eventuell gegenüber dem Roman?
Hallo Steffen – an Julianes Stelle möchte ich dir gleich selbst auf deine Fragen antworten. „Paul Senftenberg“ ist zwar ein Pseudonym, das ich mir erwählt habe, ich bin aber tatsächlich ein Mann 😉

Der Maler der Coverbilder von „Eine ganz andere Liebe“, „Narben“ und auch „Damals ist vorbei“ heißt Martin-Jan van Santen, er ist Holländer. Du findest Infos zu seinem Leben und seinen Bildern auf seiner Homepage www.martinjanvansanten.com. Ich selbst bin im Internet über seine Bilder gestolpert, die mir vorkamen wie direkt aus manchen meiner Bücher entsprungen. MJs Sicht der Welt und besonders der jugendlich-männlichen Schönheit – hier gibt es, obwohl wir beide in unterschiedlichen künstlerischen Bereichen arbeiten, große Parallelen. Ich habe mir damals ein Herz genommen und ihn angeschrieben und hatte großes Glück: MJ war begeistert von der Idee, seine Bilder auf dem Cover meiner Bücher zu finden. Erfreulicherweise war auch der Verlag von dieser Idee zu gewinnen, was gar nicht so selbstverständlich war, denn die meisten schwulen Bücher ähneln, was das Cover betrifft, einander doch wie ein Ei dem anderen. So denke ich, dass sich meine Cover in positiver Weise von anderen unterscheiden. Bei den Covern für die Bücher aus dem Homo Littera Verlag haben wir uns dann für sehr aussagekräftige S/W-Fotos entschieden, die ich selbst im Internet erstöbert habe; auch hier war mit die Unterscheidbarkeit wichtig.

Zu deiner Frage bezüglich der Gattung der Novelle: Ich bin grundsätzlich ein wenig skeptisch gegenüber allen Büchern über 300 Seiten. Hat die Autorin/hat der Autor tatsächlich so viel Interessantes zu erzählen, dass mich das über so viele Seiten und so lange Lesezeit hinweg mitzureißen weiß? Nun ist klar, dass es sehr viele Romane gibt, die auch für mich gar nicht dick genug sein können, denken wir nur an Marquez oder auch die frühen Bücher von John Irving. Dennoch denke ich mir nicht selten bei der Lektüre von Büchern, dass die eine oder andere Kürzung nicht schlecht gewesen wäre. Was ich hingegen liebe, sind Kurzgeschichten oder eben auch Novellen, deren Narrativ geradezu aus dem Leben gerissen zu sein scheint. Wir begegnen den Protagonisten an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens und verlassen sie einige Zeit darauf meistens in einer anderen solchen umwälzenden Situation, so wie es im Leben halt einfach ist. Der brillante erste Satz einer meiner liebsten Kurzgeschichten, Katherine Mansfields „The Garden Party“, lautet: „And after all the weather was perfect.“ Da können wir schon gleich mal drüber nachdenken, was dieses „And after all“ impliziert – herrlich! Und fall du sie noch nicht kennst ein Tipp: Lies Truman Capotes Short Stories „Der Baum der Nacht“. As good as it gets, würde ich sagen.

Mana: Mich würde interessieren:
1. Bevorzugst du eine spezielle Schreibmusik, um dich in die richtige Stimmung zu versetzen?
2. Gibt es einen Gay-Movie, den du als besonders gelungen und empfehlenswert empfindest?
3. Wie kommst du auf die doch recht speziellen Themen deiner Bücher?
Hallo Mana – danke auch dir für deine interessanten Fragen, wobei ich, denke ich, die dritte bereits oben bei anderen Teilnehmern beantwortet habe.

Aber zu den anderen beiden: Ich habe beim Schreiben tatsächlich gern Musik laufen, aber ganz leise im Hintergrund. Und da bevorzuge ich ruhige Musik, das kann Klassisches sein oder leicht Jazziges, Jamie Cullum zum Beispiel. Nicht zu laut, nicht zu aufwühlend – aber auch nicht zu einschläfernd. Werbung im Radio würde mich total aus der Stimmung werfen, in der ich mich beim Schreiben befinde. Wenn ich Musik in den Text integriere, spiele ich sie, während ich die Szene schreibe, und lasse sie dann beim Durchlesen auch dazu laufen, um abzuchecken, ob sie auch wirklich passt. Du kannst dir denken, dass ich bei Narben oft Wouter Hamel gespielt habe 😉

Puh, nur einen schwulen Film zu empfehlen, fällt mir wirklich sehr schwer. Ich finde praktisch alle über achtzig Filme, über die ich in Gay Movie Moments schreibe, toll, sie sind voller Szenen zum Niederknien. Doch ich will mich nicht um die Antwort drücken und entscheide mich jetzt mal für “Contracorriente”. Das ist ein Film aus Peru, der wie kaum ein zweiter von jenem magischen Realismus getragen ist, den Autoren wie Marquez oder Allende auch bei uns bekannt gemacht haben. Am Schluss der Abschied der zwei Männer voneinander, auf dem kleinen Boot im Meer – Gott, was habe ich da geheult! Aber jetzt dauert es ja nicht mehr allzu lang, ein halbes Jahr vielleicht, bis Gay Movie Moments herauskommt. Dann kannst du dich von einer langen Liste an Gänsehautmomenten des schwulen Films inspirieren lassen.

Sarah: Welches Fach/Welche Fächer unterrichtest du, Paul? Aus dem Interview habe ich entnommen das es Deutsch sein könnte.
Was ich sehr interessant finde, ist, dass dir der erste Satz deiner Geschichten sehr wichtig ist. Wenn der nicht sitzt dann geht nichts. Ich schreibe selber Geschichten und mir geht es da genauso, egal wie weit meine Idee im Kopf ist, solange ich den Anfang nicht habe, kommt die Geschichte auch nicht zu Papier.
Hallo Sarah – da geht es mir ganz ähnlich wie dir, auch ich lese am liebsten im Bett, und wenn mich eine Geschichte wirklich fesselt (wie zuletzt der Roman Herrlichkeit – soviel Herzklopfen hatte ich schon lang nicht mehr – und am Schluss die Augen voller Tränen!), kann es sehr spät werden.

Ja, der erste Satz scheint wirklich für viele Autoren von immenser Wichtigkeit zu sein. Ich habe mal drei Jahre an einem gefeilt und bin nicht weitergekommen, weil meine Sätze allesamt einfach zu kompliziert waren. Als dann plötzlich, von einem Moment auf den anderen, der richtige erste, ganz einfache Satz da war, ging alles weitere ziemlich rasch. Deshalb kann ich auch nicht verstehen, dass ich immer wieder Bücher aufschlage, bei denen man sich mit dem Beginn offenbar nicht allzu viel Mühe gemacht hat. Nur gaaanz selten kann ich mit einem Roman etwas anfangen, der mit einer direkten Rede beginnt – wie stehst du da dazu? John Irving, so kann man lesen, beginnt übrigens immer mit dem letzten Satz und rollt dann beim Entwerfen seiner Geschichte diese von hinten nach vorn auf; auf diese Weise ist ihm dann beim Niederschreiben vom Anfang bis zum Schluss stets sein Ziel vor Augen. Mir ist es bei Eine ganz andere Liebe ähnlich gegangen, da hatte ich auch als allererstes den letzten Satz.

Sarah, bitte verstehe, dass ich dir nichts Genaueres aus meinem persönlichen Umfeld erzählen kann. Ich habe ja ganz bewusst und nicht ohne Grund ein Pseudonym gewählt. Aber eines kann ich dir verraten: Ich unterrichte nicht Deutsch – obwohl das die meisten Leserinnen und Leser von einem Autor, der auch unterrichtet, wohl erwarten würden.

Biggy: Ich wüsste gern ob und wenn ja, welches Buch Paul gern verfilmen würde, und wen er sich als Hauptdarsteller aussuchen würde, wenn er die Wahl hätte?
Hallo Biggy – eine sehr coole Frage! Natürlich träume ich als Filmfan auch davon, dass mal eines meines Bücher verfilmt wird – ich glaube nur nicht wirklich daran, dass das auch mal passieren könnte. Und wenn doch, dann wäre das natürlich auch ein Wagnis; nicht selten hört und liest man von Autoren, die angesichts dessen, was Drehbuchautoren und Regisseure aus ihren Geschichten gemacht haben, entsetzt sind. Das gilt ebenso fürs Theater, denke ich. Aber man muss sich als Autor klar sein, dass es sich beim Buch und dem Film um zwei Medien handelt, die eben nicht nach den selben Gesetzmäßigkeiten funktionieren; und auch, dass wenn zehn Menschen ein und dasselbe Buch lesen, sie in Wahrheit zehn verschiedene Bücher lesen, so unterschiedlich „verstehen“ sie den Text und sehen ihn vor ihrem inneren Auge Gestalt annehmen.

Aber wie auch immer, ich kann mir grundsätzlich alle meine Texte als Filme vorstellen, schließlich habe ich ja, wie bereits in anderen Fragen und Antworten diskutiert wurde, einen sehr „filmischen“ Schreibstil; hier ist etwa die Abfolge von relativ kurzen Szenen genannt. Für die Besetzung würde ich mir junge, unverbrauchte Gesichter vorstellen. Ein Robert Stadlober vor zehn Jahren vielleicht, ähnlich wie in „Sommersturm“, ein Kodi Smit-McPhee zu Beginn seiner Karriere – Gesichter, in denen die Verletzlichkeit und der Selbstzweifel erkennbar sind, die viele meiner jungen Charaktere geradezu heimsuchen. Kennst du den brillanten (nicht schwulen) österreichischen Psychothriller „Ich seh Ich seh“ – die Zwillinge, die die zwei Protagonisten spielen – so spontan, so echt, so unvermittelt. Ein Regisseur, der das Herzblut meiner Geschichten teilt und Darsteller wie diese beiden entdeckt, das wäre was!

Vielen Dank an alle Teilnehmer – hier kommen nun endlich die Gewinner des Leserinterviews:

Platz033. Platz: Ines Schmidt

Platz02
2. Platz: Biggy

Platz011. Platz: Steffen Marciniak

Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner!
Bitte meldet euch bei mir unter Angabe eurer Adresse, dmait ich euch eure Gewinne zuschicken kann.

Alle anderen bekommen im Mai 2016 eine neue Chance – aufgrund des großen Bloggeburtstags im März verschiebt sich die nächste Special Week ein wenig, doch ihr könnt euch schon jetzt auf eine spannende Woche mit Tanja Meurer freuen..

Vielen Dank an alle Teilnehmer, Paul Senftenberg für die tolle Unterstützung, die Geduld und natürlich die Bereitstellung der Gewinne 🙂

Bis zum nächsten Mal,
Juliane

[GEWINNSPIEL] Paul Senftenberg

Mit dem obligatorischen Gewinnspiel endet die Special Week rund um Paul Senftenberg und seine Bücher. Ich hoffe sehr, dass ich euch ein wenig neugierig machen konnte und der ein oder anderen den tollen Werken eine Chance gibt. Um euch die Entscheidung eventuell zu erleichtern, habt ihr nun die Chance eines von 3 Buchpaketen zu gewinnen.

Dafür müsst ihr lediglich eine Mail an Koriko@gmx.de schicken und mindestens eine Frage an Paul oder an einen seiner Charaktere stellen. Ihr dürft euch jede Figur rauspicken, die ihr schon immer mal löchern wolltet (sprich ihr könnt auch gerne jemanden aus ihren anderen Romanen wählen).

Allerdings bittet der Autor darum, dass ihr auf allzu persönliche Fragen verzichtet, sprich es kann dieses Mal sein, dass er einige Fragen nicht beantwortet. BItte respektiert Paul Senftenbergs Wunsch – vielen Dank!

Alle Fragen, die im Laufe in den kommenden 15 Tagen gestellt werden, werden bei der Gewinnerbekanntgabe beantwortet und als Leserinterview auf diesem Blog präsentiert.

Eure Fragen könnt ihr bis zum 31.01.2016 an die oben genannte Mailadresse schicken (bitte im Betreff “Gewinnspiel Paul Senftenberg” angeben) – sie werden gesammelt und an den Autoren weitergeleitet. Unter allen Teilnehmern verlose ich nach Zufallsprinzip folgende Buchpakete:

1. Platz: “Hände”, “Damals ist vorbei” und “Der Stammbaum”
2. Platz: “Hände” und “Damals ist vorbei”
3. Platz: “Damals ist vorbei”

Alle Bücher sind signiert!

Ich bedanke mich bei Paul Senftenberg und den Verlagen für die Bereitstellung der Gewinne.

Hinweise:
1. Paul freut sich über Kommentare, Anmerkungen und Feedback zu seinen Werken (oder auf eine Antwort zu ihrer Frage im Interview), sprich ihr könnt gerne einige Worte an ihn richten 🙂
2. Solltet ihr das ein oder andere Buch bereits besitzen, sagt mir in der Mail Bescheid – ich versuche beim Auslosen Rücksicht darauf zu nehmen, damit niemand Bücher doppelt bekommt.

Paul und ich sind gespannt auf eure Fragen, Ideen und Antworten – die Gewinner und das Leserinterview werden am 08.02.2016 auf diesem Blog präsentiert. Wir freuen uns auf eure Fragen.

Viel Glück!

[INTERVIEW] Paul Senftenberg

Banner Special Week_Paul

Die Special Week ist fast vorrüber und bevor wir uns dem Leserinterview nebst Gewinnspiel näher, kommt nun das obligatorische Interview mit dem Autoren. Euch erwarten einige tolle Informationen über ihn und seine Werke, ebenso über seine Romane und Novellen.

http://www.paulsenftenberg.at/

Bitte erzähl uns ein wenig mehr von dir. Was machst du in deiner Freizeit?
Ich glaube, meine größte Leidenschaft spiegelt sich in einigen meiner Bücher wider: der Film. In „Eine ganz andere Liebe“ ist ein Freiluftkino, umgeben von alten Gemäuern, ein wesentlicher Schauplatz, und bei einer Vorstellung von „Frankenstein“ kommt es zum ersten Kuss der beiden Protagonisten. Auch der Höhepunkt der Geschichte findet in einem alten Kino, Lichtspieltheater genannt, statt. In „Damals ist vorbei“ ist ein ebensolches ehemaliges Lichtspieltheater der Ort, an dem Martin und seine Frau Margit eine Buchhandlung mit angeschlossener kleiner Galerie betreiben. Wahrscheinlich ist sogar mein Schreibstil, sind die kurzen Kapitel und das Springen zwischen verschiedenen Zeit- und Erzählebenen vom Aufbau von Filmen und besonders auch Fernsehserien à la „Lost“ beeinflusst . Kurz und gut, ich bin ein wahrer Filmfreak, würde ich sagen, wobei ich total auf Horror und Thriller stehe (es aber kaum ein Genre gibt, das ich gar nicht mag), sowohl wirklich gut gemachte Blockbuster (ich liebe James Bond und „Star Wars“), als auch intellektuelles Arthouse mag. Worum es mir geht, ist, überrascht zu werden, sowohl von der Geschichte und den Charakteren her, als auch von der Machart. „Slow West“ war da in jüngster Zeit ein gutes Beispiel – sehr cool der Moment, als der Protagonist mit der bloßen Hand einen Pfeil abfängt.

001

Weitere Hobbies von mir sind natürlich Lesen und das Schreiben, ich reise auch sehr gern, wobei das bei mir nicht bedeutet, zwei Wochen am Strand zu liegen, sondern die Kultur und die Menschen eines Landes kennenzulernen. Die Welt ist zu groß und es gibt noch so viele Ziele, die mich interessieren würden, da wäre es mir zu schade, die Zeit mit Nichtstun zu vergeuden. Fotografieren, besonders auf den Reisen, interessiert mich auch, ich bin da aber ein absoluter Amateur. Ich gärtnere auch ein wenig. Und last but not least gehört auch regelmäßiges Fitnesstraining zu meinen Freizeitbeschäftigungen. Du sieht, langweilig wird mir nie!

Wann hast du mit dem Schreiben begonnen? Gab es einen Auslöser, der dich zum Schreiben brachte?
Ich schreibe, seit ich denken kann, wobei es ganz gut ist, dass die ersten Versuche nicht veröffentlicht wurden. An einen konkreten Auslöser kann ich mich nicht erinnern, da waren einfach immer Geschichten in meinem Kopf, die hinaus mussten, sonst wäre er zerplatzt 😉 Als Moment der Erkenntnis möchte ich bezeichnen, als ich als Jugendlicher zu Weihnachten Bodo Kirchhoffs „Mexikanische Novelle“ geschenkt bekam. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, was man mit Sprache, mit schnörkellosen und dennoch extrem kunstvollen Sätzen, mit glasklarem Ausdruck, mit einfach den immer absolut perfekten Wörtern bewirken kann: Whow! Bevor ich mich ins schwule Genre gewagt habe, habe ich Bücher unter einem anderen Pseudonym herausgebracht. Irgendwie sehe ich es aber heute so, dass immer alles darauf hinausgelaufen ist, (auch) über schwule Charaktere zu schreiben.

Du hast einen sehr belletristischen Stil. Hast du dir das Schreiben selbst beigebracht oder auf anderem Wege gelernt?
Wenn du mit „belletristisch“ den eigentlichen Sinn des Wortes meinst, nämlich „schöngeistig, literarisch, unterhaltend“, dann kann ich sagen, dass ich natürlich hoffe, dass mein Stil in dem Sinne unterhaltend ist, dass er die Geschichte auf die mir bestmögliche Weise in Richtung der Leser transportiert. Mir ist extrem wichtig, dass sich keine oder möglichst wenige sprachlichen Klischees einschleichen. Besonders grauenhaft sind ja viele Vergleiche oder Metaphern, die man allenthalben lesen kann. Hemingway soll ja aus den ersten Fassungen seiner Texte die unnötigen Adjektive (und das waren für ihn sehr viele) herausgestrichen haben. Ich mag in meinen Büchern keine Passagen finden, die man als sprachlich banal bezeichnen könnte. Deshalb arbeite ich an jedem Kapitel so lange, bis aus meiner Sicht wirklich alles sitzt, ich arbeite es wieder und wieder durch, streiche heraus, formuliere um, und erst, wenn es für mich passt, beginne ich mit dem nächsten. Und wenn der ganze Text steht, fange ich nochmals mit dem Korrigieren an – ich kann mich ewig mit der richtigen Wahl eines Satzzeichens beschäftigen. Du wirst jetzt verstehen können, dass mir schlechter, klischeehafter, banaler Stil ein Gräuel ist … Beigebracht habe ich mir das selbst, gutes Schreiben kann man nur durch Schreiben (und natürlich auch Lesen guter Literatur) lernen. Ich denke, es gibt nur wenige Ausnahmeerscheinungen in der Literatur, die das gleich von Anfang an fast perfekt konnten. Ich habe gerade erst die Kurzgeschichten gelesen, die Truman Capote als Dreizehn- und Vierzehnjähriger geschrieben hat – phänomenal! Aber mit einem wie ihm kommt ohnehin kaum jemand mit.

Wie viel Zeit brauchst du, um ein Buch zu schreiben?
Wie du dir nach meinen obigen Erklärungen denken kannst, recht lang. Ich gehe mit einer Idee oft jahrelang im Kopf herum, dann kommt die Phase der unzähligen Notizen und deren Ordnung auf Karteikärtchen. Bei meinem Stil des oftmaligen Wechsels der Zeitebenen wäre es ohne die Kärtchen, die ich dann wie bei einem Puzzle ordnen kann, nicht möglich, Übersicht zu bewahren. Und dann muss der erste Satz hundertprozentig passen, damit die Geschichte daraus herausfließt. Ein schlechter erster Satz kann mich total blockieren. Auf die ersten Sätze aus „Damals ist vorbei“ und „Hände“ bin ich stolz. Wenn aus einem solchen gelungenen, zur Thematik und der Atmosphäre des Textes passenden ersten Satz ein gutes erstes Kapitel geflossen ist, geht’s mit dem Schreiben (trotz des vielen Korrigierens) relativ flott voran. Mehr als zwei Monate brauche ich dann nicht mehr. Aber meine Bücher sind ja auch nicht sehr dick.

Viele deiner Charaktere heißen Paul. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?
Da kann ich leider mit keiner geheimnisvollen oder spannenden Erklärung dienen. Ich finde schlicht und einfach den Vornamen Paul wunderschön, das ist für mich der schönste männliche Name überhaupt, kurz und kraftvoll, aber gleichzeitig doch auch sehr weich und anschmiegsam. Deshalb habe ich ihn mir als Künstlernamen gewählt. Und weil er mir so gefällt, heißen auch einige meiner Protagonisten so.

friedhof 2

Friedhof der Namenlosen – Damals ist vorbei

Einige deiner Bücher behandeln das Thema “Homosexualität und Ehe”, sprich deine Charaktere sind verheiratet und entdecken dann ihre Gefühle für einen Mann. Gibt es hierfür besondere Gründe oder reizt dich einfach nur das Thema? In diesem Zusammenhang: “Damals ist vorbei” ist dein Debüt – was hat dich bewogen eine solche Geschichte zu schreiben?
Mark Twain soll einmal gesagt haben, seine Bücher seien im Grunde genommen allesamt Autobiografien, da ein Autor immer nur davon gut schreiben könne, was er selbst erlebt habe. Deshalb bezweifelte er auch (wie manch andere) die Urheberschaft Shakespeares: Dass ein einzelner Mensch all diese Geschichten rein aus seiner Imagination verfassen könne, war ihm undenkbar. Im Kern gebe ich Twain recht – man sollte über das schreiben, wovon man auch etwas versteht. Doch ich denke, dass manauch nicht wirklich alles selbst erlebt haben muss, ich glaube schon auch an die Vorstellungskraft des menschlichen Geistes. Ohne jetzt weiter Details meiner eigenen Biografie geben zu wollen, kann ich dir sagen, dass meine Bücher zwar keine Autobiografien sind, sondern Fiktion, diese jedoch schon um einen realen Kern gesponnen wird; wenn ich nicht genau wüsste, wovon ich schreibe, wäre ich besonders bei „Damals ist vorbei“ zweifellos im Oberflächlichen, im Klischee stecken geblieben. Dass die Geschichte reale Wurzeln hat, dass sie mich persönlich berührt hat, war aber auch ganz klar der Anstoß, sie niederzuschreiben.

Mit “Der Stammbaum” wagst du den Schritt zur klassischen Novelle – war das Absicht oder hat sich die Geschichte von selbst in diese Richtung bewegt?
Ich arbeite meist ganz intuitiv. Ich weiß eigentlich meist schon bevor ich anfange zu schreiben, wie lang ein Text ungefähr werden wird, das sagt mir einfach mein Gespür für die Geschichte und ihre Stimmung. Ich hatte bei „Der Stammbaum“ das Gefühl, dass der Text zu lang für eine Kurzgeschichte werden würde, aber auch zu kurz für einen Roman. Als ich mich daraufhin mit der Gattung der Novelle beschäftigte, um Schulwissen aufzufrischen, stieß ich auf den Ausdruck „Ding-Symbol“. Da wurde mir schlagartig klar, dass es sich bei dem Stammbaum aus Messing, der dem Text den Titel geben sollte, um genau ein solches Ding-Symbol handelte und ich tatsächlich eine Novelle schreiben würde. Später freute ich mich sehr, dass der Homo Littera Verlag das kaufmännische Wagnis einging, sie zu veröffentlichen.

War es schwierig sich stilistisch dieser alten Literaturgattung anzupassen?
Wie gesagt arbeite ich sehr intuitiv. Als die Sache mit dem Titel und dem Symbol und damit die Frage der Gattung geklärt war, habe ich einfach meinen Text geschrieben. Eine kurze Geschichte, quasi abrupt und durchaus schmerzvoll herausgerissen aus der Realität der Charaktere, Ereignisse zwischen zweiMomenten, die ihr Leben geradezu umstülpen, sie zu einem Neuanfang zwingen. Ich habe nicht versucht, den Text mit Gewalt in irgendeine Richtung zu trimmen; nur was natürlich fließt, wirkt als Erzählung auch elegant.

“Hände” schneidet ein weiteres, eher ungewöhnliches Thema an. Wie bist du auf die Idee gekommen?
StammbaumZweierlei gab den Anstoß für meine Entwicklung der Geschichte. Da gab es vor einigen Jahren mal einen jungen Mann im Fitnesscenter, der nur einen Arm hatte, damit aber extrem geschickt umging. Er war auch ziemlich fesch, muss ich sagen. Und dann besichtigte ich eines Tages durch Zufall die romanische Kirche im Weinviertler Ort Schöngrabern. Die gotischen Fresken im Innenraum und die Steinerne Bibel an der Außenseite der Apsis faszinierten mich. Ich saß in dieser Kirche, und plötzlich begannen sich in meinem Kopf die Gedanken zu drehen – und ich hatte diese Geschichte.

Viele deiner Bücher haben offene Enden oder laden zum Interpretieren ein. Gibt es ein Buch, das du gerne fortführen würdest oder planst du irgendwann einen zweiten Teil zu deinen Werken?
Ich hasse bis ins letzte Detail vorgefertigte Enden, die den Lesern keinen Spielraum für eigene Interpretationen lassen, keine Möglichkeit, selbst verschiedene Varianten weiterzudenken. Die Zeiten des klassischen Romans des 19. Jahrhunderts sind vorbei, bei Dickens, der seine Charakterporträts sozusagen von der Geburt bis zum Totenbett erzählte, war das natürlich wunderbar, und auch wenn John Irving in einigen seiner Romane auf diese Tradition Bezug nimmt, ist das perfekt (er thematisiert das ja auch). Ein moderner realistischer Roman aber funktioniert nach meinem Empfinden anders. Nimm zum Beispiel „Damals ist vorbei“. Da gibt es am Ende die Variante, dass Martin zu seiner Frau zurückgeht und Thomas verlässt, oder jene, dass er mit Thomas beisammen bleibt und Margit verlässt, oder … Das Leben hat so viele Varianten parat, keine ist die allein gültige. Hätte ich mich für eine entschieden und diese niedergeschrieben, wären die anderen gestorben. Ist es aber nicht so, dass vielleicht gerade die Variante, für die sich zwei Menschen entscheiden, für die Umwelt undenkbar erscheint, für sie aber die beste ist? Und deshalb möchte ich auch keines meiner Bücher fortführen: Sie enden genau an dem Punkt, der für mich der richtige ist. Wenn sich Leser aber darüber hinaus mit der Geschichte und den Charakteren beschäftigen, freut mich das sehr. Und da dies bei der Figur des Manuel in „Hände“ bei so vielen der Fall war, haben wir ihn ja auch für unser Charakterinterview ausgewählt. Und eines möchte ich noch sagen: Ich sehe alle meine Bücher in einem engen thematischen Zusammenhang, und deshalb könnte der Protagonist des einen Buches auch durchaus in einem anderen auftauchen und hätte dort eine nachvollziehbare Rolle. Die Charaktere und Themen meines literarischen Kosmos, wenn man das so großspurig nennen will, sind miteinander sehr eng verwoben. Insofern sind auch keine dezitierten Fortsetzungen notwendig; man könnte sagen, dass jedes Buch in diesem Sinne eine Art Weiterschreibung der anderen ist.

Du arbeitest gerne sprunghaft, anstatt chronologisch. Warum diese Art zu schreiben? Was reizt dich daran zwischen Gegenwart, Vergangenheit und unterschiedlichen Perspektiven hin und her zu springen?
Ich kann mir kaum vorstellen, meine Geschichten einfach chronologisch zu erzählen. Ich finde, dass mein puzzleartiges Erzählen Spannung erzeugt. Wie schon gesagt bin ich hier sehr von Filmen oder besser gesagt Fernsehserien beeinflusst. „Lost“ mit all seinen Sprüngen in die Vergangenheit und dann auch die Zukunft hat hier Standards gesetzt, jüngst auch die Serie „The Missing“ um einen Vater auf der Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Ich mag es nicht, wenn Romane Szenen aus verschiedenen Zeitebenen chronologisch erzählen, also die ersten hundert Seiten spielen im Jahr 2000 und die Händenächsten hundert zehn Jahre später oder so. Das empfinde ich als langweilig (wobei Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen). Auch der Perspektivenwechsel erzeugt Spannung, zumindest hoffe ich das. Ist es nicht interessant, ein und das selbe Ereignis aus den Augen verschiedener Charaktere zu sehen? Das alles habe ich aber nicht erfunden, das sind gängige Mittel der Erzähltechnik.

Welche Figur ist deine Lieblingsfigur und warum?
Diese Frage kann ich dir beim besten Willen nicht beantworten, Juliane. Ich „liebe“ alle meine Figuren, wenn ich über sie schreibe, ich leide dann mit ihnen, ich empfinde ihre Gefühle so stark, dass ich oft von ihnen träume, als wäre ich sie. Sie sind alle in einem gewissen Sinne meine Kinder, und wenn ich auch keine meiner Figuren mit mir gleichsetzen kann, so ist doch ein Teil von mir (oder das Gegenteil eines Teils von mir) auch Teil ihrer Persönlichkeit.

Was sind Deine aktuellen Projekte? Auf was können sich die Leser als Nächstes freuen?
2016 wird bei Homo Littera ein Buch erscheinen, das mich schon seit langem beschäftigt hat und an dem mein ganzes Herzblut hängt: „Gay Movie Moments“ ist eine Sammlung von Essays zu den stärksten Momenten aus schwulen Filmen. Also die bewegendsten, spannendsten, dramatischsten, lustigsten, einfach intensivsten Szenen, meistens Augenblicke, in denen sich die Handlung zuspitzt oder entlädt, Gänsehautmomente des schwulen Films. Klassiker wie „Brokeback Mountain“ und „A Single Man“ finden sich darunter, auch Fernsehserien wie „Brothers and Sisters“ und „Spartacus“, und ich habe auch relativ unbekannte Juwele wie „Contracorriente“ und „Animals“ entdeckt, darunter ist einiges aus Spanien und Lateinamerika. Schreiben bedeutet für mich immer, so etwas wie Ordnung in das Chaos zu bringen, das mich umgibt oder in mir tobt. So habe ich schon vor Jahren begonnen, über Filmszenen, die mich bewegen, kleine Texte zu schreiben: um für mich persönlich eine gewisse Ordnung in die Vielzahl von Filmen zu bringen. Als Vorbild dafür möchte ich Wolf Wondrascheks „Menschen, Orte, Fäuste“ nennen. Darin finden sich einige ganz kurze Texte zu Plantagenhäusern am Mississippi, jeder für sich sprachlich und in der Struktur perfekt. Etwas in der Art schwebte mir vor: in meinen Möglichkeiten perfekt gestaltete Momentaufnahmen von Filmszenen. Ja, und mit der Zeit, je mehr solcher Texte ich gesammelt hatte, kam auch die Idee, sie einmal gesammelt in Buchform zu veröffentlichen. Ich bin froh, dass Homo Littera darauf eingestiegen ist. Es war ziemlich schwierig, die Rechte für die Fotos zu bekommen, aber ein Buch über Filme ohne Bilder kann man sich nicht wirklich gut vorstellen. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass die Verleihfirmen kaum Interesse an dem Werbeeffekt zu haben scheinen, die ein solches Buch für sie ja auch darstellt. Die Unterstützung, zumindest in Form von Fotos, war gering. Umso toller von Homo Littera, am Ball zu bleiben! Ich habe noch keine Ahnung, wie das Buch gestaltet sein wird, aber die redaktionelle Arbeit daran wird sicherlich keine geringe sein. Dafür glaube ich, dass wir mit dem Projekt Neuland betreten. Ein Buch über schwule Filmszenen gibt es, soviel wir wissen, weltweit noch keines. Ich bin schon sehr gespannt darauf.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Verlagen? Wie produktiv war die Zusammenarbeit mit deinen Lektoren und Verlegern?
Wie du vielleicht schon herausgehört hast, sehe ich meine Zusammenarbeit mit Homo Littera und dabei speziell mit der Verlegerin Romy Leyendecker sehr positiv. Sie ist extrem bemüht um ihre „Schäfchen“ – obwohl meine Texte, wenn du sie im gesamten Verlagsprogramm ansiehst, auf den ersten Blick ja nicht unbedingt dorthin zu gehören scheinen. Aber wenn Romy sich für ein Buch entschieden hat, dann steht sie auch dazu. Außerdem schätze ich es sehr, dass es mit Homo Littera nun auch einen österreichischen Verlag gibt, der sich auf schwule Literatur spezialisiert hat. Da habe ich besonders auch was meine Damals ist vorbeiSprache betrifft eine verlegerische Heimat gefunden. Und nicht zuletzt schätze ich die extrem genaue Lektorierung, also die konkrete Arbeit am Text. Als Autor habe ich ja zuweilen das Gefühl gehabt, meinen Text dem Lektor zusagen auszuliefern. Gibt es da kein echtes Einverständnis, kann das sogar zu einer Art „Kampf“ ausarten, das habe ich alles schon früher erlebt. Bei Homo Littera ist das alles anders, sehr konstruktiv und dennoch entspannter. Bei „Der Stammbaum“ gab es mit der Lektorin noch die eine oder andere Unklarheit auszuräumen, doch bei „Hände“ hatte ich das Gefühl, dass sie meine Art zu schreiben voll und ganz verstanden hat und ihre total notwendige kritische und wertvolle Lektorierungsarbeit eben genau darauf aufbaut. Man ist als Autor ja oft sooo betriebsblind! Die Lektorin und auch der Testleser, der bei Homo Littera das Buch ganz kurz vor dem Druck nochmals kritisch durchstudiert, haben zum Beispiel Fehler bei der zeitlichen Abfolge der Geschichte gefunden, die mir gar nicht aufgefallen sind. In diesem Sinne glaube ich, dass auch das anspruchsvolle Projekt meines Filmbuches bei ihnen sehr gut aufgehoben ist.

 

Mit anderen Verlagen hatte ich ganz andere Erfahrungen. Ursprünglich hatte ich mir meine Art von Literatur bei Verlagen wie Diogenes sehr gut aufgehoben vorgestellt – nur waren die leider nicht ganz meiner Meinung. Ich will damit sagen, dass ich meine Kartons voller Absagebriefe sehr wohl kassiert habe. Aber nicht-schwule Verlage trauen sich ja im Moment gar nichts. Falls sie mal einen schwulen Roman herausbringen, dann ist das zu 95% eine Übersetzung, die im Mutterland schon erfolgreich war, und in der Werbung, selbst auf dem Klappentext, wird der schwule Aspekt der Geschichte meist total verschwiegen. Ach, wie wird da um den heißen Brei herumgeredet, wie wird das Wort „Freundschaft“ strapaziert, wo es eigentlich fehl am Platz ist. Schau dir an, auf welch beschämende Weise der Diogenes-Verlag selbst bei John Irvings „In einer Person“ herumgedruckst hat! Ich habe ein ganzes Regal voller schwuler Romane, denen du ihren schwulen Inhalt nicht ansehen würdest. Und keiner von ihnen ist von einem deutschsprachigen Autor. Nimm zum Beispiel „Barracuda“ (Klett-Cotta) von Christos Tsiolkas, die, laut Klappentext, „berührende Geschichte eines Außenseiters“; oder – das liegt gerade auf meinem Nachtkästchen – „Die Summe unseres Glücks“ von Francois Roux (Piper) – kein Wort von einem homosexuellen Inhalt, bloß die Freundschaft wird wieder strapaziert.

Was mir also blieb, war die Handvoll deutschsprachiger schwuler Verlage. Männerschwarm und Querverlag haben mich an der Nase herumgeführt, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Mich hat das damals echt getroffen, ich bin da extrem dünnhäutig und glaube wirklich gleich, meine Texte sind so übel, wie sie von denen gesehen wurden. Mittlerweile weiß ich von anderen Autoren, dass es ihnen genauso gegangen ist. Eine simple freundliche Absage schien hier mit dem Ego der Beteiligten nicht vereinbar zu sein. Und dann Bruno Gmünder! Dort ist ja „Damals ist vorbei“ in der ersten Fassung 2009 herausgekommen. Der Lektor, mit dem ich damals zusammenarbeitete, war ja sehr nett und konnte sich auch gut in den Text hineindenken. Doch dann verpasst der Verlag dem Buch ein Cover, das so ganz und gar nicht zum Inhalt und den Charakteren passte. Schlimm! Und obwohl sich das Buch gut verkaufte, hörte ich dann gar nichts mehr von ihnen. Der Verlag schlitterte dann auch in den Konkurs, neue Leute kamen ans Ruder – und als ein neuer Lektor sich eines Tages erdreistete, mir vorzuschlagen, doch einen Kurs für gutes Schreiben zu belegen, war mir klar, dass dieses Trauerspiel ein Ende haben müsste. Als die Auflage ausverkauft war, bekam ich auf meine Bitte rasch die Rechte an dem Text zurück, Achim Albers von Himmelstürmer stürzte sich darauf, und nach wenigen Wochen war eine Neufassung (ich habe den Schluss ein wenig verändert) mit endlich einem passenden Cover auf dem Markt.

au 2

Die Au – Damals ist vorbei

Würdest du auch den Schritt zum Selfpublishing wagen oder bleibst du lieber bei der Zusammenarbeit mit Verlagen?
Der Hauptgrund, weshalb ich eher zu Verlagen tendiere, ist der Rückhalt, den mir eine gute Lektorierung gibt. Ich habe das oben schon erklärt, weshalb ich das für sehr wichtig empfinde. Vielen Texten, die im Selfpublishing herauskommen, merkt man leider an, dass sie nicht oder schlecht lektoriert wurden. Außerdem – ich bin ehrlich – krault es mein Ego, wenn ich weiß, dass sich ein Verlag für einen Text von mir entschieden hat und dafür nicht zuletzt ein finanzielles Risiko auf sich nimmt. Als ich nach den schlechten Erfahrungen mit den oben genannten Verlagen aber damals ziemlich down war und nicht mehr an die Möglichkeit geglaubt habe, in einem Verlag herauszukommen, habe ich schon an der Idee gebastelt, die Bücher selbst als Books on Demand herauszubringen. Ich wäre mein eigener Herr gewesen, was das Layout, die Schriftgröße, auch das Cover betrifft. Ich war kurz davor, das durchzuziehen, als sich Himmelstürmer für meine Bücher entschied und ich dabei auch ein gewisses Mitspracherecht bekam. Alles in allem ist alles sehr gut gelaufen und ich bin sehr glücklich darüber. Besonders „Hände“ schaut wirklich so aus, wie ich es mir vorgestellt habe.

Welches Genre bevorzugst Du?
Beim Lesen? Eher sehr realistische Gegenwartsgeschichten. Und dabei kommt es mir extrem auf die Sprache und auf die innere Logik der Charakterentwicklung an.

Nicht nur – auch beim Schreiben. Würdest du dich auch einmal an (für dich) ungewöhnliche Genres heranwagen, wie z.B. Krimi, Thriller oder Fantasy?
Das kann ich mir jetzt eigentlich nicht so recht vorstellen. Da müsste ich auch wohl sehr viel recherchieren, was ich nicht gern tue. Ich erzähle einfach Geschichten aus dem realen Leben, wie ich es kenne, that’s my cup of tea.

Was empfiehlst du Jungautoren?
Sich einerseits nicht entmutigen zu lassen von einem verlegerischen Umfeld, das unter Umständen nicht das geringste Interesse für sie aufzubringen vermag. Und zweitens: Sich immer genug Selbstkritik zu bewahren, nicht allzu hingerissen von etwas zu sein, nur weil man es selbst geschrieben hat. Ich möchte nicht brutal klingen, aber man sollte versuchen, nicht allzu schnell mit dem Geschriebenen zufrieden zu sein. An sich selbst zu wachsen, erfordert ein großes Maß an Selbstdisziplin und die Bereitschaft, immer weiter an sich zu arbeiten, also zu schreiben und zu schreiben und dabei als Ansporn auch immer die Literatur anderer im Hinterkopf zu haben, die zu lesen und zu verstehen man sich auch zuweilen anstrengen muss.

Wie wichtig ist das Thema Liebe?
Natürlich sehr wichtig, keine Frage. Könnten wir ohne Liebe leben? In allen meinen Büchern geht es letztlich nur um Beziehungen, um Liebe in ihren verschiedensten Spielarten. Meine Bücher sind Liebesgeschichten, auch wenn man ihnen das nicht immer auf den ersten Blick ansieht. Ich bin ja auch ein sehr romantischer Mensch, viel zu dünnhäutig, denke ich mir manchmal.

Liest du Gay Romance oder realistische Gay-Romane?
Jeder soll mit den Büchern oder Filmen glücklich werden, die ihr oder ihm gefallen. Ich selbst aber will überrascht werden. Gay Romance, soweit ich das in der Form von Leseproben festgestellt habe, spult immer nur das Standardrepertoire ab, in sprachlicher und auch inhaltlicher Hinsicht, und besonders auch, was die Entwicklung der Charaktere betrifft. Das funktioniert im Grunde genommen genauso wie Pornos. Die „Handlung“ ist nur Vorwand für das Standardprogramm. Das ist mir persönlich bei einem Roman zu langweilig. Romantik ja, aber dann im Umfeld eines Bruches mit Klischees. „Brokeback Mountain“ (übrigens besonders auch die tolle Kurzgeschichte von Annie Proulx) setzt die sehr romantische Liebesgeschichte in den Bruch des Klischees vom Macho-Cowboy; erst das macht sie so interessant. Aber „suum cuique“, wie der Lateiner sagt: Jedem das seine.

Welche Autoren schätzt du besonders? Welche Vorbilder hast du?
Ich habe Lieblinge von der Kinder- und Jugendliteratur bis hin zu Büchern für Erwachsene. Christine Nöstlinger, Josef Holub, Gabi Kreslehner, die frühen Romane von John Irving, fast alles von Patricia Highsmith, Ray Bradbury, Gabriel Gacia Marquez – den tollsten ersten Satz der Literatur findest du in „Hundert Jahre Einsamkeit“ –, Truman Capote, Ian McEwan, Hemingway und Bodo Kirchhoff, um zu sehen, wie klar Sprache sein kann. Die Liste ist auf jeden Fall unvollständig, ich lese wahnsinnig viel, aber wenn mich die erste Seite nicht überzeugt, packt und in den Text hineinzieht, bin ich schon beim nächsten Buch. Um dir zu zeigen, dass ich die Vielfalt liebe: Ich habe auch „Harry Potter“ verschlungen, die Bücher sind ja extrem gut geschrieben.

friedhof 3

Friedhof der Namenlosen – Damals ist vorbei

Was die schwule Schiene betrifft: David Leavitts „Die verlorene Sprache der Kräne“ hat mir vor vielen Jahren gezeigt, wo ich thematisch einmal hin will; Alain Claude Sulzer, da freue ich mich auf jedes neue Buch; Philippe Besson – „Eine italienische Liebe“ und „Sein Bruder“ sind wahnsinnig schön; André Acimans „Ruf mich bei deinem Namen“ – grandios; „Missouri“ von Christine Wunnicke ist eines meiner Lieblingsbücher. Und dann natürlich Jana Walther: „Benjamins Gärten“ ist für mich die vielleicht schönste schwule Liebesgeschichte der deutschsprachigen Literatur überhaupt – Jana erschafft mit ihrer ganz eigenen Sprache ihre ganz eigene Welt, die man von jener aus anderen Büchern blind unterscheiden könnte; ich schätze die Ruhe, die Gelassenheit ihrer Sätze. Jüngst habe ich, um nur ein Beispiel zu geben, “Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis gelesen – sehr berührend und bei S. Fischer auch sehr schön in der Ausstattung.

Wie findest du den deutschen Markt im Gay Bereich? Wo siehst du ihn (und dich als Autor) in ein paar Jahren?
Seit der Veröffentlichung von „Damals ist vorbei“ 2009 hat sich der Markt sehr gewandelt: Stichwörter E-Books und Selfpublishing. Wir werden von neuen Büchern geradezu überschwemmt, viele davon werden zu Dumpingpreisen angeboten. Wenn du dir überlegst, wie viel Arbeit vom Autor über den Lektor und Verleger in der Herausgabe eines Buches stecken, wie viele Stunden um Stunden, die ohnehin niemand wirklich abgelten kann, dann ist es eigentlich eine totale Frechheit, wenn Leser heute ein E-Book um fünf Euro kaufen, es lesen und dann wieder zurückgeben und sich das Geld zurückholen. Das darf doch nicht wahr sein! Vielleicht setzt hier wieder mal ein Wandel ein, ich habe von einer Neugründung gelesen, der Albino-Verlag als Imprint von Gmünder, der literarisch anspruchsvolle und sehr schön ausgestattete Bücher herausgibt, die dann natürlich auch ein wenig mehr, aber keinesfalls zuviel, kosten. Mal sehen, ob die finanziell überleben können, ich wünsche es ihnen … Und ich selbst? Ich würde gern mit dem Schreiben meines neuen Romans in diesem Sommer beginnen. Ich habe eine Idee, ich habe drei Charaktere, ich habe sogar schon einen ersten Satz und einen Titel – „Ein Lächeln mit Zukunft“. Mal sehen, ob ich ins Schreiben hineinkomme, ob der Moment der richtige ist. Das kann ich im Vorhinein nie sagen.

Kannst du dazu schon mehr verraten – vielleicht sogar den ersten Satz, der ja für dich immer etwas Besonderes ist?
Naja, es wird einen Vater geben und seinen Sohn und eine ziemliche Konfliktsituation zwischen den beiden und dann auch eine Leiche, die aber keiner der beiden ist. Und dann ein Zusammenhalten. Gemäß deiner Frage oben würde ich das aber trotzdem nicht oder höchstens ansatzweise als Krimi bezeichnen. Und der erste Satz – natürlich nur, sofern sich das nicht noch ändert – lautet: „Als er aufwacht, regnet es noch immer.“ Ich finde, der setzt uns direkt in die Geschichte hinein.

Was würdest du deine Leser fragen?
Wo, wie und wann lest ihr meine Bücher? Ich würde mir das gern vor meinem inneren Auge ausmalen können – die Umstände, wenn jemand eine gewisse Zeitspanne ihres oder seines Lebens mit dem meiner Figuren verbringt. Das zu wissen, wäre für mich wahnsinnig interessant, vielleicht bin ich da ein bisschen der Voyeur, der etwa in Hitchcock-Filmen durch Fenster späht.

land 11

Deine Worte an die Leser?
Danke, dass ihr einen Teil eurer Lebenszeit einem Text von mir widmet. Das ist wunderbar und für mich der Ansporn, mich immer wieder dem lustvollen, aber auch ziemlich anstrengenden Prozess des Schreibens zu stellen.

Vielen lieben Dank für das tolle, informative Interview.

Danke auch dir, Juliane, dass du dir Zeit für die Fragen genommen hast, und ganz allgemein für dein Engagement bei dieser Special Week.

[ROMAN] Damals ist vorbei von Paul Senftenberg

Autor: Paul Senftenberg
Taschenbuch:  186 Seiten
ISBN: 978-3863614034
Preis: 12,99 EUR (eBook) | 15,50 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Nur einen einzigen Sommer dauert die heftige Liebesgeschichte zwischen den Jugendlichen Thomas und Martin an, die sich unweit der Donau kennenlernen und fortan auf dem „Friedhof der Namenlosen“ treffen. Die Beziehung scheitert an Martin, der sich seine Homosexualität nicht eingestehen will, während Thomas sich nach und nach outet.

Erst 22 Jahre später begegnen sich die beiden wieder – Thomas lebt offen schwul und arbeitet als freischaffender Künstler, Martin hat eine Studienkollegin Margit geheiratet, mit ihr zwei Kinder und sich eine Existenz als Buchhändler aufgebaut. Das Wiedertreffen ruft bei beiden die alten Gefühle wach, doch noch immer fällt es Martin schwer dazu zu stehen. Dennoch beginnt er eine Affäre mit Thomas. Schnell muss er erkennen, wie sehr er sich im Grunde nach männlicher Gesellschaft gesehnt hat und dass sein Herz noch immer an seiner ersten Liebe hängt. Als er schließlich seine Frau Margit einweiht, kommt es zu einer Katastrophe …

Eigene Meinung:
Der Roman „Damals ist vorbei“ ist das Debüt des österreichischen Schriftstellers Paul Senftenberg. Die Erstauflage erschien 2009 im Bruno Gmünder Verlag und wurde 2014 in einer überarbeiteten Neuauflage bei Himmelsstürmer herausgebracht. Wie bei einigen seiner späteren Bücher hat „Damals ist vorbei“ ein offenes Ende, das zum Spekulieren und Nachdenken anregt. weiterlesen…