[ROMAN] Sein Name war Annabel von Kathleen Winter

Autor*in: Kathleen Winter
Übersetzer*in: Elke Link
Hardcover:  448 Seiten
ISBN: 978-3442757725
Preis: 17,99 EUR (eBook) / 22,00 EUR (Hardcover)
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Story:
Als in einem kleinen Dorf in Labrador das Kind von Jacinta und Treadway auf die Welt kommt, hat es keine eindeutigen Geschlechtsmerkmale. Während Jacinta den innigen Wunsch hat, ihrem Kind alle Möglichkeiten offen zu lassen und nichts unternehmen will, entscheidet Treadway, dass es als Junge aufwachsen soll. Es bekommt den Namen Wayne, die Eltern verschweigen ihm, welches Geheimnis es um seine Geburt gibt. Nichtsdestotrotz schlummert in Wayne seine weibliche Seite, was ihm immer wieder Probleme bringt, je älter er wird. Einig Thomasina, die bei seiner Geburt dabei war und ähnlich wie Jacinta die Meinung vertritt, Wayne alle Entscheidungsmöglichkeiten zu lassen, und ihn sogar bei dem Namen Annabel nennt, erzählt ihm schließlich, was ihn von anderen unterscheidet und sorgt dafür, dass Wayne sich damit auseinander setzen muss, wer er eigentlich ist …

Eigene Meinung:
Mit „Sein Name war Annabel“ erschien 2010 der Debütroman der Journalistin Kathleen Winter und wurde in Kanada zu deinem Bestseller. Zudem erhielt der Roman mehrere Nominierung und kam auf die Shortlisten bekannter Literaturpreise, den Thomas Head Raddall Award gewann er schließlich. Gleichzeitig gab es Kritik von Organisationen, wie der „Intersex Human Rights Australia“, die das Buch als grundlegend fehlerhaft beschrieben, basierend auf falschen Vorstellungen von intersexuellen Menschen.

Die Geschichte beginnt Ende der 60er Jahre in Neufundland und endet in den frühen 90er Jahren. Es ist eine Zeit, in der intersexuelle Menschen weitestgehend unbekannt waren und medizinisch anders behandelt wurden, als dies heutzutage (glücklicherweise) der Fall ist. Man begleitet Wayne von Anfang an – als Leser*in erlebt man seine Geburt, erfährt von seiner Besonderheit und sieht ihn als Junge aufwachsen. Dass in ihm auch eine weibliche Seite schlummert, wird mit der Zeit immer deutlicher, was eine Menge Konfliktpotenzial birgt und seine Familie auf die Probe stellt. Während Jacinta zu Hause bleibt und sich um alles kümmert, ist Treadway die meiste Zeit im Jahr in den Wäldern unterwegs, um zu Jagen und auf diesem Weg die Familie zu versorgen.
Kathleen Winter erzählt die Waynes Geschichte teils sehr detailverliebt und blumig, teils sehr distanziert. Während man das kleine Örtchen, in dem Wayne aufwächst und die Bewohner*innen, sehr gut kennenlernt, ebenso das raue Leben im hohen Norden und die damit verbundenen Schwierigkeiten, bleiben den Leser*innen die Figuren seltsam fremd. Die Autorin gewährt nur selten einen Blick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Charaktere, zumeist beobachtet man die Ereignisse aus einer gewissen Distanz. Das macht es schwierig eine wirkliche Bindung zu Wayne aufzubauen und seine Probleme wirklich greifen zu können. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Autorin nicht so recht mit der Materie Intersexualität beschäftigt hat und lieber dramatische Entwicklungen einbauen wollte, die medizinisch gesehen unmöglich sind, anstatt sich wirklich mit dem Thema auseinanderzusetzen und im Vorfeld zu recherchieren. Dadurch verspielt sie viel Potenzial, denn gerade die wirklich relevanten Dinge werden auf einen Nebensatz oder eine extrem nüchterne Beschreibung reduziert – als Waynes Freundin Willy bei einem Streit mit einem Mädchen die Fähigkeit zu singen genommen wird, ist es nicht mehr als eine extrem kurze und distanzierte Aufzählung der Ereignisse; als Wayne sich entscheidet, die Medikamente abzusetzen und sich körperlich verändert, gibt es keinerlei Auseinandersetzung damit; und als er von einigen Jugendlich misshandelt und missbraucht wird, erfährt man das in einem Nebensatz.

Die Figuren bleiben trotz aller Beschreibungen und Entwicklungen blass. Die Autorin sorgt für eine Distanz zu Wayne, die zum Ende des Buches immer größer wird. Zwar ist man bei ihm und begleitet ihn auf seinem Weg, doch emotional ist man nicht bei der Sache. Sein Schicksal wird immer diffuser und ungreifbarer, was ihm widerfährt holt die Leser*innen nicht mehr ab. Man hat den Eindruck, dass die Autorin selbst kein Bild ihrer Hauptfigur mehr vor Augen hatte, nicht genau wusste, wie sich ein intersexueller Mensch wirklich entwickelt und mit welchen Problemen er zu kämpfen hat – je durchwachsener die Beschreibungen von Waynes Leben werden, desto mehr hat man das Gefühl, die Autorin hat ihre Fantasie bemüht, anstatt zu recherchieren. Im Gegenzug zu Wayne kann man die anderen Figuren wesentlich besser nachvollziehen, ihre Entwicklung verstehen – sei es Jacinta, die irgendwann aufgibt und ihren Lebensmut verliert, oder Treadway, der sich nur in der unberührten Wildnis wirklich frei fühlt, man versteht, was sie umtreibt. Auch Wally, die an ihrem Traum zu singen, festhält und Thomasina sind glaubhafter dargestellt und den Leser*innen näher als Wayne.

Stilistisch legt die Autorin ein durchaus beeindruckendes Buch vor – sie hat mitunter einen sehr schönen Schreibstil, wenn es um das Land und die raue Schönheit Labradors geht. Auch das Leben der Menschen ist glaubhaft dargestellt, die Probleme, die Treadway und Jacinta haben, sind gut nachvollziehbar. Einzig wenn es um den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte geht, geht die Autorin auf Distanz und gibt den Leser*innen keine Möglichkeit, sich Wayne emotional zu nähern. Seine Gefühle werden nur selten wirklich beschrieben, stattdessen bleibt Kathleen Winter nüchtern und zurückhaltend. Das liegt vorwiegend daran, dass sie sich für eine auktoriale Erzählweise entschieden hat – sie springt innerhalb eines Kapitels zwischen den Figuren hin und her und beleuchtet die Ereignisse von außen. Nur selten geht sie hierbei in die Tiefe, was im letzten Drittel des Buches am deutlichsten zu Tage tritt.

Fazit:
„Sein Name war Annabel“ von Kathleen Winter ist ein Buch, das aufgrund seiner Struktur, der distanzierten Erzählweise und der mangelhaften Recherche leider nicht gänzlich überzeugen kann. So schön die Umschreibungen des Landes sind und so gut man mitunter das Leben dort nachvollziehen kann, so wenig berührt einen Waynes Leben emotional. Dabei bietet das Thema Intersexualität so viele Möglichkeiten für eine spannende, tiefgründige Geschichte, ohne künstliche Dramatik. Leider verschenkt die Autorin enorm viel Potenzial, so dass man das Buch unzufrieden zuschlägt und sich über die eher plumpe Auseinandersetzung mit dem Thema ärgert. Da es nur wenige Bücher mit intersexuellen Menschen auf dem Markt gibt, ist es doppelt schade. Wen das Thema interessiert, kann einen Blick riskieren, sollte aber im Hinterkopf behalten, dass einige Punkte in Bezug auf Intersexualität falsch dargestellt werden.

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