
Autor*in: Rabih Alameddine
Übersetzer*in: Werner Löcher-Lawrence
Hardcover: 351 Seiten
ISBN: 978-3406843358
Preis: 22,99 EUR (eBook) / 26,00 EUR (Hardcover)
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Story:
Der 63-jährige, homosexuelle Radscha ist Philosophielehrer Radscha und lebt mit seiner exzentrischen, dominanten Mutter in einer winzigen Wohnung in Beirut. Ruhe und Einsamkeit sucht er vergeblich, denn seine Mutter steckt nicht nur seine Nase in das Leben ihres Sohnes, sie scheint auch alles und jeden zu kennen. Als er aufgrund der Veröffentlichung einer Novelle vor mehreren Jahrzehnten ein Stipendium in den USA angeboten bekommt, zögert Radscha nicht lange und nimmt das Angebot an, um für drei Monate seiner energiegeladenen Mutter zu entkommen. Doch das Stipendium entpuppt sich teilweise als Lüge, die ihn dazu zwingt sich mit jemandem auseinanderzusetzen, den er eigentlich vergessen wollte …
Eigene Meinung:
Mit “Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)” legt der libanesisch-amerikanische Autor Rabih Alameddine sein neustes Werk vor. Das Buch erschien 2025 und erhielt den National Book Award für Belletristik, einen der renommiertesten Literaturpreise der USA. In Deutschland brachte der C. H. Beck Verlag das Buch im März 2026 heraus.
Die Geschichte setzt mitten im Leben von Radscha an, der seit jeher in Beirut lebt und die Stadt nur im Rahmen von Lesungen und Buchbesprechungen seiner in japanischer Sprache geschriebener Novelle verlassen hat. Er schätzt Ruhe, lange Spaziergänge und Einsamkeit, was von seiner energischen Mutter regelmäßig torpediert wird, seitdem sie in seine kleine Wohnung gezogen ist. Die beständige Hass-Liebe sorgt dafür, dass verbal die Fetzen fliegen, wobei Radscha zumeist den Kürzeren zieht. Nachdem er mit 63 ein Stipendium in den USA erhält, ist er froh sein trubeliges Leben in Beirut hinter sich zu lassen – allerdings muss er einsehen, dass ihr die Reise direkt zu der Person bringt, die er vergessen will. Im Zuge der Reise lässt er sein Leben Revue passieren, erzählt von seine Kindheit und Jugend, seiner Familie und den Schwierigkeiten die ein homosexuelles Leben im Libanon mit sich bringt. Vom Bürgerkrieg, über den Bankencrash des Landes bis hin zur Corona-Pandemie und der schweren Hafen-Explosion – Radsha hat alles miterlebt und berichtet aus erster Hand.
Leser*innen erhalten einen tiefen Einblick in Radschas chaotisches Leben, das größtenteils von Katastrophen – sowohl im kleineren, als auch in großem Umfeld – geprägt ist. An seiner Seite ist stets seine Mutter, die mal wie ein nerviger Eindringling, mal wie ein Fels in der Brandung ist. Rabih Alameddine erzählt hautnah und authentisch, bleibt allerdings in seiner Erzählung etwas sprunghaft, so dass Radschas leben wie ein großes Puzzle wirkt, dessen Teil sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Trotz der schweren, tragischen Themen, bleibt das Buch überraschend leicht, witzig und charmant, was an den Figuren liegt.
Diese sind sehr authentisch und greifbar – während Radscha eher ruhig, stoisch und wortkarg ist, ist seine Mutter das genaue Gegenteil – offen, freundlich und in der Lage sich jeden zum Freund zu machen. Sie ist ein Familienmensch, die nach dem Tod ihres Mannes aufblüht und sich von niemandem unterbuttern lässt. Die beiden harmonieren auf eine schräge, chaotisch liebenswerte Art miteinander. Diese Zusammengehörigkeit trotz aller Widrigkeiten und die Beziehung von Mutter und Sohn machen den Charme des Buches aus, denn trotz aller Streitereien und Meinungsverschiedenheiten hängen die beiden aneinander.
Die übrigen Figuren lernt man ebenfalls recht gut kennen, allerdings ist Radscha eher ein Eigenbrödler, so dass sie nur durch seine Augen betrachtet werden können.
Stilistisch legt Rabih Alameddine einen gut geschriebenen, charmanten Roman vor, bei dem Lesenden vor allem die innerfamiliären Dialoge und die libanesische Streitkultur im Gedächtnis bleibt – Mutter und Sohn sind meistens dabei sich anzuschreien und zu beschimpfen, anstatt ruhig miteinander zu sprechen. Man lernt eine komplett andere Kultur kennen, die einem fremd ist, was durchweg spannend und interessant ist. Auch die Beschreibungen des Bürgerkrieges und die Auswirkungen auf die Bevölkerung wurden vom Autor sehr gut umgesetzt, sind greifbar und nachvollziehbar beschrieben. Dass Radscha in dieser Zeit selbst ein tragisches Schicksal widerfuhr, das ihn sein Leben lang prägt, wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Zugegeben hätte dieser Part auch kürzer sein können, doch da es Radscha auch Jahrzehnte später noch umtreibt , ist es nicht verwunderlich, dass dieser Teil des Buches so lang und ausführlich geworden ist. Insgesamt schafft es der Autor auf bewundernswerte Art die Balance zwischen all den schweren, schmerzhaften Themen und einer charmant-witzigen Leichtigkeit zu halten, so dass der Roman nicht so schwergängig ist, wie man erwartet.
Fazit:
„Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)“ von Rabih Alameddine ist ein tragikomischer, lebendiger Roman, der durch die gelungene Kombination von tragischen, schwergängigen Themen wie libanesischer Bürgerkrieg, Entführung und Homophobie, und einer überraschend witzig-charmanten Leichtigkeit besticht, die durch das Zusammenspiel von Rascha und seiner Mutter kommen. Der Autor legt Wert auf authentische, greifbare, starke Figuren und darauf ein Leben im Libanon mit all seinen Höhen und Tiefen hautnah zu erzählen. Sicherlich gibt es Passagen im Buch, die man etwas kürzer hätte halten können, doch insgesamt ergeben die einzelnen Puzzlestücke ein faszinierendes Bild von Radschas Lebens voller Höhen und Tiefen und mit seiner Mutter an seiner Seite. Zu empfehlen.





