[ROMAN] Die Götter müssen sterben von Nora Bendzko

Autorin: Nora Bendzko
Taschenbuch:  512 Seiten
ISBN: 978-3426526118
Preis: 9,99 EUR (eBook) / 14,99 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Ein Prophezeiung der Göttin Artemis besagt, dass die Amazonen ans Licht treten und ruhmreich über die Welt herrschen werden, wenn sie sich im Kampf um Troja den Griechen entgegenstellen. Obwohl das Volk von einer kurzen Schlacht gegen Athen geschwächt ist, machen sich die Amazonen und Führung ihrer Königin Penthesilea auf den Weg nach Troja. Unter ihnen ist auch die Athenerin Areto, die sich nach dem Kampf gegen Athen den Amazonen angeschlossen hat und die von der Göttin Artemis für diesen Feldzug ausgewählt wurde und ihre Geliebte Clete, die eine der besten Kriegerinnen der Amazonen ist. Doch der Feldzug steht unter keinem guten Stern, denn so manches dunkle Geheimnis wirft einen Schatten voraus und selbst die Götter, die den Amazonen wohlgesonnen sind, spielen ihr eigenes Spiel …

Eigene Meinung:
Mit “Die Götter müssen sterben” legt Nora Bendzko einen Dark Fantasy Roman vor, der zur Zeit der Antike angesiedelt ist und den Fokus auf die Frauen dieser barbarischen, männerdominierenden Zeit legt. Ihre bisher erschienenen Bücher sind der Dark Fantasy und den düsteren Märchen zuzuordnen und legen u.a. einen Fokus auf Diversität. Der über 500 Seiten starke Einzelband “Die Götter müssen sterben” erschien bei Knaur und baut auf den bekanntesten griechischen Sagen und Legenden auf.

Die Geschichte beginnt spannend und stellt Areto ins Zentrum, die in Athen lebt, im Palast arbeitet und die mit der Aufgabe betraut wird, sich um die Amazonenprinzessin Antiope zu kümmern – etwas, das ihr Leben für immer verändert. Sie schließt sich den Amazonen an, als diese Athen angreifen und wird in Themiskyra aufgenommen, wo sie ihren Sohn zu Welt bringt und aufzieht. Jahre später wird sie zur Ausgewählten der Artemis, die die Amazonen in den Krieg um Troja ruft – ein Ruf dem die Amazonen schließlich folgen. Spätestens ab dieser Stelle beginnt die Geschichte leider merklich abzuflachen und an Tempo zu verlieren, denn das Heer ist eigentlich nur unterwegs. Natürlich verläuft auch diese Reise nicht ohne Probleme – Areto und Clete werden in die Unterwelt geschickt, um die letzten Worte von Penthesilea im Kampf gefallener Schwester zu erfahren, während die Kriegerinnen es mit Dionysos zu tun bekommen, der mit seinem Hofstaat das Land der Skythen befallen hat. Dennoch scheinen sie nicht an dem Ort anzukommen, der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist – Troja. Dafür erfährt die/der Leser*in eine Menge über Penthesilea, denn die Amazonenkönigin hütet das ein oder andere Geheimnis, etwas das man erst bei längeren Rückblenden erfährt.
Grundsätzlich ist die Grundidee nicht schlecht – die griechische Sagenwelt wird nebst den vielen Göttern, Halbgöttern und Helden sehr geschickt in die Handlung eingewoben – allerdings liegt hier auch das Problem des Buches: Wenn man sich mit den Sagen und Göttern nicht auskennt, wird man schnell abgehängt. Gerade die Götter sind in dieser Geschichte nicht bloße Aspekte, die von den Menschen verehrt werden und nur am Rand auftauchen – sie nehmen direkten Einfluss, sind immer um die Held*inne herum und verfolgen ihre eigenen Ziele. So spannend das ist – jeder, der sich nicht im Vorfeld mit den griechischen Göttern und ihren Geschichten beschäftigt hat, wird der Handlung um Areto, Clete und Penthesilea nicht richtig folgen können. Die vielen Figuren, die (teils unter verschiedenen Namen) auftauchen, sorgen dafür, dass man dem roten Faden nur schwer folgen kann (was aufgrund der Träume von Areto und der vielen Rückblenden von Penthesilea eh schon problematisch ist). Dass in dem Buch auf ein Glossar und ein Namensregister verzichtet wurde, ist absolut unverständlich – es hätte der/dem Leser*in vieles erleichtert.

Die Figuren sind teils starke, besondere Persönlichkeiten (Penthesilea), teils bleiben sie jedoch sehr blass und können die/den Leser*in nicht ganz für sich gewinnen (Areto, Clete). Es ist schade, dass Areto nach ihrem starken Auftritt zu Beginn der Geschichte schnell in Vergessenheit gerät und erst mit Artemis Wahl wieder in den Fokus gerückt wird – warum die Göttin Areto gewählt hat bleibt ein Geheimnis (nicht mal am Ende kommt hierfür eine verständliche Erklärung), ebenso wenig scheinen ihre Kräfte für die Handlung überhaupt relevant zu sein. Es ist seltsam, dass sie als Artemis’ Auserwählte so gar nicht am Krieg um Troja teilnimmt und auch sonst die Kräfte der Göttin kaum nutzt – da fragt man sich, warum dieses Element überhaupt eingebaut wurde. Ihre Geliebte Clete ist eine der stärksten Kriegerinnen, die sich einen Platz im Heer erkämpft hat und zwischen ihren Gefühlen für Areto und ihren Pflicht hin- und hergerissen ist. Sie ist die schwächste Erzählstimme der Geschichte, da sie entweder dasselbe wie Areto oder wie Penthesilea erlebt und auch sonst kaum eine Entwicklung durchmacht. Penthesilea wiederum ist die stärkst Hauptfigur des Buches – als Amazonenkönigin, die ihr Herr gegen die Griechen anführt, umgeben sie viele Geheimnisse, die man in Rückblenden erfährt. Ihre Geschichte ist mit Abstand die spannendste, ihr Charakter der interessanteste. Nichtsdestotrotz schaffen es die drei Hauptfiguren nicht, die/den Leser*in zu fesseln – weder man baut eine Beziehung zu ihnen auf, noch lernt man sie wirklich kennen und schätzen. Da die Geschichte keinerlei roten Faden hat, sich dank diverser Rückblenden, Nebenplots und alten Sagen scheinbar endlos in die Länge zieht, ist einem auch das Schicksal von ihnen (und der Amazonen) egal.
Die übrigen Personen kommen eher am Rande vor – seien es die Götter, die immer mal wieder in Erscheinung treten und das Geschehen beeinflussen, die anderen Amazonenkriegerinnen oder die vielen Männer und Frauen, die dem Herr auf dem Weg nach Troja begegnet.

Stilistisch ist der Roman Geschmackssache – Nora Bendzko hat einen sehr detailverliebten, aber auch blutigen und düsteren Stil, der nicht jedem gefallen dürfte. Einerseits passt er gut in die blutige Zeit der Antike, andererseits fehlt durch die vielen Rückblenden, Träume und Visionen ein roter Faden. Bei den vielen Figuren verliert man zudem schnell den Überblick, zumal parallel zur eigentlichen Handlung auch noch unzählige bekannte und unbekannte griechische Legenden eingebaut werden – so spannend das ist, es wirkt wie ein Infodump. Statt sich auf die eigentliche Handlung zu konzentrieren, verliert sich die Autorin in Nebengeschichten, die eher Verwirrung stiften, anstatt die Handlung zu komplettieren. Dass bei “Die Götter müssen sterben” der Weg das Ziel ist, sollte man ebenfalls im Hinterkopf behalten, denn die Schlacht um Troja nimmt gerade mal die letzten 50 Seiten am Ende der Geschichte ein und wird fast stenoartig erzählt.
Das ist schade, denn die Grundidee ist nicht unspannend und auch die Figuren können überzeugen, insbesondere die Charaktere, die Teil der griechischen Sagenwelten sind. Nora Bendzkos eigene Schöpfungen bleiben hingegen leider recht blass, daran kann auch die eingebaute Diversität (lesbisches Hauptpairing, asexueller und nonbinärer Nebencharakter, mehrere polyamoröse Beziehungen und Figuren mit psychischen Problemen und Zwangsstörungen) nichts ändern. Allgemein wirkt es so, als wäre es das Ziel gewesen möglichst viele, diverse Figuren einzubauen, was leider auch bedeutet, dass man kaum mehr über sie erfährt, außer die Tatsache, dass sie halt divers sind.

Fazit:
“Die Götter müssen sterben” ist ein Roman, den man nur schwer einordnen kann – die Grundidee ist spannend, ebenso einige der bekannten Sagengestalten, allerdings mangelt es der Geschichte an Kontinuität und einem roten Faden. Das zeigt sich daran, dass die Amazonen gefühlt kaum von er Stelle kommen und sich in unwichtigen Nebenhandlungen verlieren. Auch sind weder Areto noch Clete wirklich starke Hauptfiguren, die die Geschichte vorantreiben – hier fällt nur Penthesilea aus dem Rahmen, auch wenn ihre Vergangenheit einen Großteil der Rückblenden einnehmen. Nora Bendzko versucht den Amazonen Lebe einzuhauen und sie als mehr darzustellen, als blutrünstige, männerhassende Frauen und teilweise gelingt ihr das auch, doch gänzlich überzeugen kann der Dark Fantasy leider nicht. Am besten reinlesen und entscheiden, ob man mit dem mal detailverliebten, mal stenoartigen Stil der Autorin etwas anfangen kann. 2,5 Punkte von mir.

rainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstar_grey

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.