[ROMAN] Last Night at the Telegraph Club von Malinda Lo

Autor*in: Malinda Lo
Übersetzer*in: Beate Schäfer
Hardcover:  448 Seiten
ISBN: 978-3423764193
Preis: 12,99 EUR (eBook) / 19,00 EUR (Hardcover)
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Story:
1953, San Francisco: Für die in Chinatown lebende Lily Hu beginnt das letzte Schuljahr – ein Jahr, in dem sich alles verändern wird. Nicht nur beginnt sie sich gegen die engen Regeln zu sträuben und daraus auszubrechen, sie freundet sich auch mit Kathleen Miller an, die ihre Träume Raketen zu entwickeln, die zum Mond fliegen können, sehr gut verstehen kann. Gemeinsam mit Kath besucht sie heimlich den Telegraph Club eine Lesbenbar, in der Herrenimitatoren auftreten, was Lily besonders fasziniert. Nach und nach erkennt Lily, dass sie mehr für Kath empfindet, doch in den 50er Jahren ist es undenkbar, offen zu ihren Gefühlen zu stehen, denn gerade Amerikaner*innen chinesischer Abstammung haben mit Repressalien und schlimmstenfalls Abschiebung zu rechnen …

Eigene Meinung:
Mit „Last Night at the Telegraph Club“ erschien der Bestseller von Malinda Lo im Frühjahr 2023 erstmals in Deutschland bei dtv. Der historische Coming-of-Age mit queerer , chinesischer Heldin hat etliche Preise gewonnen, unter anderem den National Book Award und den Stonewall Book Award. Basierend auf einer Kurzgeschichte arbeitete die Autorin drei Jahre an dem Roman, der 2021 erstmals erschien.

Die Geschichte spielt in den 50er Jahren und entführt die Leser*innen nach San Francisco – einer Stadt, in der Frauen zumeist noch den klassischen Rollenbildern zu entsprechen hatten: Der Mann bringt das Geld nach Hause, während sich die Frau um Haushalt und Kinder kümmert. In dieser Zeit wächst Lily bei ihrer Familie in Chinatown heran. Bereits in jungen Jahren interessiert dich Lily  für Raumfahrt und ferne Planeten und möchte ihrer Tante nacheifern, die für die Regierung im Rahmen des Raumfahrtprogramms arbeitet. Allen dieser Punkt unterscheidet sie von ihrer besten Freundin Shirley, deren Fokus auf einfacheren Dingen liegt und die schließlich auch Miss Chinatown werden möchte. Als sich Lily mit Kathleen Miller anfreundet, findet sie nicht nur eine Verbündete, wenn es um ihre Träume geht, sie lernt auch ein das Nachtleben San Franciscos kennen, die verschiedenen Bars und Clubs, die sich zumeist am Rande der Legalität bewegen.
Malinda Lo legt einen spannenden, historischen Roman vor, der viele Themen miteinander verbindet – das Leben einer chinesisch-amerikanischen Familie in Chinatown, geprägt vom Wunsch, perfekt und untadelig zu sein, um nicht abgeschoben oder anderweitig von der Regierung unterdrückt zu werden; die lesbische Szene, die sich in dieser Zeit fast ausschließlich in entsprechenden Clubs und Bars traf, immer mit der Angst einhergehend, verhaftet zu werden, und das Heranwachsen einer jungen Chinesin, die sich in eine junge Frau verliebt. Als Own-Voice Autorin gibt sie Einblicke in ein Leben, das heutzutage nur schwer vorstellbar ist. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt deutlich auf der sich langsam entwickelnden Beziehung zwischen Lily und Kath (gerade in der ersten Hälft braucht man als Leser*in Geduld, denn Malindo Lo lässt sich viel Zeit), ebenso auf Lilys Familie, ihren Beweg- und Hintergründen und die Schwierigkeiten, die das Leben einer chinesisch-amerikanischen Familie mit sich bringt. Neben einer Time-Line, die Malinda Lo zu Beginn längerer Abschnitte einbaut, um die historischen Ereignisse für die Leser*innen aufzuzeigen, findet man im Nachwort viele Informationen zu den Themen des Romans – sie zeigen, wie intensiv die Autorin recherchiert hat, um „Last Night at the Telegraph Club“ zu schreiben. Einziges Manko ist das Ende – es wirkt ein wenig abrupt, wenn man dieses mit der sich langsam voranschreitenden Handlung der restlichen Geschichte vergleicht.

Die Figuren sind sehr authentisch und gut nachvollziehbar in Szene gesetzt – gerade Lily ist eine tolle Figur, die unheimlich viel Potenzial hat und sich spürbar weiterentwickelt. Zu Beginn eher unsicher und zurückhaltend, wird sie im Laufe der Zeit mutiger und findet ihren Weg, auch wenn dieser steinig ist und viele Probleme bereithält. Auch Kath als Love Interest ist sympathisch, wirkt im Vergleich zu Lily aber recht blass, da man nur wenig über sie und ihre Familie erfährt. Dafür legt Malinda Lo ihre Aufmerksamkeit auf Lilys Familie und Freunde, alles voran auf ihre Freundin Shirley, die als Figur zwar kein Sympathieträger, dafür aber gut nachvollziehbar gestaltet ist. Auch die übrigen Figuren wirken realistisch und sind ein Spiegelbild ihrer Zeit.

Stilistisch legt Malinda Lo einen gut geschriebenen Roma vor, der die Atmosphäre der 50er Jahre hervorragend einfängt und den Leser*innen nahebringt. Man taucht an Lilys Seite in eine fremde Welt ein, entdeckt mit ich den Telegraph Club und spürt ihren Gefühlen für Kath nach. Die Autorin lässt sich hierbei viel Zeit, überstürzt nichts und legt viel Wert darauf, historisch korrekt zu bleiben. So verwendet die Autorin auch chinesische Schriftzeichen, wenn wirklich chinesisch gesprochen und gedacht wird, ebenso streut sie Details ein, die man erst beim Lesen des Nachworts wirklich einordnen kann. Mitunter hat der Roman einige Längen – gerade in der ersten Hälfte passiert wenig, da man vorwiegend das Leben in Chinatown kennenlernt – doch spätestens wenn Lily Kath näher kennenlernt und den Telegraph Club besucht, wird es interessanter.

Fazit:
„Last Night at the Telegraph Club“ bietet eine tolle Mischung aus queerer Coming-of-Age, Coming-Out und Historie, die ins San Francisco der 50er Jahre entführt. Neben den authentischen und sympathischen Figuren kann besonders die gut recherchierte Geschichte über das Leben einer chinesisch-amerikanischen Familie in Chinatown und die lesbische Clubszene überzeugen, die den Rahmen für Lilys Entwicklung bietet. Obwohl das Buch zwischendurch Längen hat, ist „Last Night at the Telegraph Club“ sehr zu empfehlen – allein weil es in Sachen Repräsentation und Diversität viel zu bieten hat. Wer auf der Suche nach queeren, historischen Romanen ist, kommt um Malinda Los preisgekrönten Roman nicht herum – zu empfehlen.

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