[ROMAN] Der Galgen von Tyburn von Ben Aaronovitch

Autor: Ben Aaronovitch
Taschenbuch:  416 Seiten
ISBN: 978-3423217668
Preis: 8,99 EUR (eBook) / 10,95 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Martin Chorley, der gesichtslose Magier, der Peter Grant und die gesamte Londoner Polizei auf Trab hält, ist auf der Flucht. Unterstützt von Peters ehemaliger Partnerin Leslie May entkommt er immer wieder – die Polizei erwischt zumeist nur Handlanger und kleine Magier, die schneller beseitigt werden, als dass sie befragt werden können. Nichtsdestotrotz stoßen sie auf den großen Plan, den Chorley verfolgt und der ganz London ins Chaos stürzen könnte. Für Peter und die anderen Beamten der Polizei beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn wie immer ist Chorley ihnen mehrere Schritte voraus und die wenigen Bruchstücke, die nach und nach ans Licht kommen, offenbaren nur Teile des großen Planes des Gesichtslosen. Dennoch ist Peter fest entschlossen, Chorley aufzuhalten, erst recht, als er herausfindet, dass Mr. Punch, den Geist des Chaos und der Revolution eine entscheidende Rolle spielt …

Eigene Meinung:
Der 7. Band der „Flüsse von London“-Reihe schließt direkt an die Vorgängerbände an und erzählt die Geschichte um den Gesichtslosen weiter – Kenntnisse der ersten Bände sind also ein Muss, wenn man die Urban Fantasy Reihe von Ben Aaronovitch lesen will. Obgleich „Die Glocke von Whitechapel“ gerüchteweise der letzte Teil der Reihe sein sollte, wurde inzwischen ein weiterer Band angekündigt, der im November in Großbritannien erscheinen soll.

Die Geschichte schließt nahtlos an die bisherigen Ereignisse an – es empfiehlt sich daher die vorherigen Bücher zu kennen, um die Hintergründe zu verstehen. Wer sich nicht mehr komplett an die Handlung erinnert, sollte die anderen Bände der Reihe auf jeden Fall vorher lesen, da ansonsten zu viele Lücken herrschen, um all die kleinen Hinweise und Details zu begreifen.
Die Handlung an sich ist spannend, bietet jedoch wenig Neues – gerade am Anfang dümpelt die Geschichte ein wenig vor sich hin und zieht sich unnötig in die Länge. Erst zum Ende hin, wenn Chorleys Plan offensichtlich wird, wird es rasanter und spannender; dann fiebert man richtig mit Peter mit und ist nah am Geschehen. Es ist schade, dass Ben Aaronovitch mit dem eher langatmigen Anfang und dem schwachen Mittelteil viel Potenzial verschenkt, zumal man den Eindruck hat, die Ereignisse wiederholen sich und die Charaktere treten auf der Stelle. Auch die Aktionen von Lesley nerven, denn so richtig weiß man nicht, was sie eigentlich will – ist sie nun auf Chorleys Seite oder nicht? Man hat den Eindruck, der Autor habe selbst vergessen, was er eigentlich mit dieser Figur vorhat. So stolpert man durch die Geschichte, ohne den roten Faden zu finden und zu wissen, worauf die Geschichte überhaupt hinausläuft. Das Ende ist dann zwar rasanter (aber auch verworrener, denn was Peter mit Punch ausmacht bleibt im Dunkeln, ebenso versteht man nur bedingt, was eigentlich passiert ist), die Geschichte um den Gesichtslosen wird jedoch so schnell und plötzlich beendet, dass man sich als Leser fast veräppelt vorkommt. Was für ein misslungenes Finale war das denn? Da baut Ben Aaronovitch über 7 Bände einen Bösewicht auf (dessen Pläne man zwar nicht nachvollziehen kann, aber gut), nur um die Sache auf diesem Weg zu beenden? Das ist ziemlich enttäuschend. Insgesamt hätte man diesen Band anders auflösen können – so bleibt man mit einem recht harten Cut zurück, denn Peter wird danach einen ganz anderen Weg einschlagen müssen.

Die Figuren sind lebendig, divers und machen die Romane zu dem, was sie sind: einzigartig und spannend. Es macht Spaß Peter auf seinem Weg zu begleiten und durch seine Augen London zu sehen und den Gesichtslosen zu jagen. ER ist ein starker Charakter, wenngleich er dieses Mal etwas blasser wirkt als in den bisherigen Bänden. Ihm zur Seite steht eine bunte Truppe – sein Boss und Meistermagier Nightingale, die Muslima Guleed, die Flussgöttin Beverly und die vielen Beamten, die gegen den Gesichtslosen ermitteln. Sie alle kommen zu Wort, haben ihre kleinen Szenen und dürfen hin und wieder glänzen. Inzwischen sind es jedoch zu viele, um jedem einzelnen Tiefgang zu geben oder sie charakterlich weiterzuentwickeln – dafür hätte der Autor mehr Seiten gebraucht oder sich bei einigen Beschreibungen etwas reduzieren müssen.

Nichtsdestotrotz ist es schön, wie bunt und divers die Figuren der „Flüsse von London“-Reihe sind. Ben Aaronovitch gibt jedem einen Platz und baut ganz selbst verständlich PoC, queere Figuren, Muslime etc. ein. Das ist noch immer eine der großen Stärken der Reihe.

Stilistisch bekommt der Leser die gewohnt pointierte, sprachgewaltige Kost, die die Reihe um Peter Grant so besonders macht. Ben Aaronovitch hat einen sehr opulenten und ausschweifenden Stil, besonders wenn es um Gebäude und Stadtteile geht, die Geografie allgemein und die historischen Begebenheiten. Bei Actionszenen wird ihm das jedoch zum Verhängnis, denn es ist einfach zu viel des Guten – bei einer Verfolgungsjagd wird kein Mensch all die Dinge sehen, die Peter währenddessen beobachtet und ausführlich beschreibt. Auch sonst wäre an einigen Stellen weniger mehr gewesen, denn so schön und dynamisch die Sätze sind, inzwischen hat man einige Phrasen und Beschreibungen zu oft gehört – die Ironie und der Sarkasmus nerven ein wenig, was wohl daran liegt, dass die Geschichte nach wie vor aus Peters Sicht geschrieben ist und er tickt nun einmal so.

Fazit:
„Die Glocke von Whitechapel“ ist einer der schwächsten Bände der „Flüsse von London“-Reihe und kann nicht an die Spannung der vorherigen Bände anknüpfen. Wie gewohnt legt Ben Aaronovitch einen sprachlich gut geschriebenen Roman vor, der den ersten großen Handlungsbogen der Reihe abschließt und genug Potenzial für weitere Geschichten bietet. Leider ist das Ende Geschmackssache, denn das große Finale endet überraschend unspektakulär und lässt den Leser enttäuscht zurück. Schade – so ganz überzeugen kann der Autor dieses Mal nicht …

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