
Autor*in: Lynn Flewelling
Übersetzer*innen: Simon R. Beck, Debora Exner
Taschenbuch: 596 Seiten
ISBN: 978-3-96089-839-9
Preis: 12,99 EUR (eBook) / 24,95 (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon / deadsoft Verlag
Story:
Als der 16-jährige Alec in den Kerker geworfen wird, geht er davon aus, dass sein Leben zu Ende ist – ganz gleich wie sehr er seine Unschuld beteuert. Den einzigen Ausweg bietet ihm Seregil von Rhíminee, der sich als Dieb und Spion durchs Leben schlägt, mal als Adeliger, mal als Barde oder Bettler in Erscheinung tritt und unzählige Geschichten erzählen kann. Unerwartet bietet Seregil dem jungen Mann an. ihn in die Lehre zu nehmen und offenbart Alec ein Leben jenseits der Einfachheit eines Jägers. Doch bereits der erste gemeinsame Diebstahl wird zu einem Kampf auf Leben und Tod, denn Seregil lässt etwas mitgehen, was nicht nur mächtig, sondern auch gefährlich ist, und die beiden unvermittelt in eine düstere Intrige verstrickt, die nicht nur ihr Leben in Gefahr bringt …
Eigene Meinung:
Knapp 30 Jahre ist es her, dass mit „Luck in the Shadows“ im Sommer 1996 der erste Band der „Nightrunner“ Serie von Lynn Flewelling in den USA erschien, dem im englischsprachigen Original insgesamt sechs Bücher folgten – Band 1-3 erschien noch in den 90er Jahren, 10 Jahre später (2010) wurden die Abenteuer von Alec, Seregil und ihren Freunden mit vier weiteren Büchern fortgesetzt. Zudem erschien im Selbstverlag noch die Kurzgeschichtensammlung „Glimpses“, die einen zusätzlichen Einblick in Lynn Flewellings High Fantasy Welt gewährt. In Deutschland kamen die ersten drei Bücher bei Bastei Lübbe heraus – in einer sehr schlechten und unzureichenden Übersetzung – jetzt endlich hat sich der deadsoft Verlag des Klassikers angenommen und veröffentlich die Serie in neuer Übersetzung und passender Aufmachung als eBook, Taschen- und Hörbuch.
Die Geschichte entführt Leser*innen in eine sehr gut durchdachte, komplexe Fantasywelt, die zeitlich ungefähr in der Renaissance angesiedelt und seitens Lynn Flewelling bis ins kleinste Detail geplant ist. Seien es politische Hintergründe, der Götterglauben, die existierenden Rassen und Wesen oder die gesellschaftlichen Strukturen – die Autorin hat einen Hang dazu ihre Welt bis ins kleinste Detail zu beleuchten – was gerade im ersten Band in ausführlichen, sehr detaillierten Beschreibungen mündet. So nehmen Seregils Erklärungen der Geschichte des Landes und des Königshauses von Rhíminee viele Seiten in Anspruch, ebenso wird zu Beginn der Geschichte der Weg der beiden Männer zurück in den Süden sehr ausführlich beschrieben. Als Leser*in lernt man auf diesem Weg die Welt sehr gut kennen, jedoch werden viele Nebensächlichkeiten ausschweifend beschrieben, weswegen die Spannung immer wieder abfällt. Auch spielt das anfänglich gestohlene Holzplättchen, das Seregil fast das Leben kostet und das auf großes Unheil hindeutet, im ersten Band nur am Rande eine Rolle, stattdessen müssen sich die Figuren mit einer innenpolitischen Intrige auseinandersetzen. Diese ist zwar spannend und gibt Alec die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und seinen Platz an Seregils Seite einzunehmen, sorgt aber dafür, dass man den Eindruck hat, die Autorin hat vergessen, was der Aufhänger der Geschichte war. Erst am Ende wird deutlich, dass es im zweiten Band mit dem Abenteuer weiter geht und dann endlich auch die düsteren Geheimnisse des unheimlichen Gegners gelüftet werden, die das Leben der Menschen und Wesen des Landes bedrohen.
Die lebenswerten, realistischen Charaktere sind ein großer Pluspunkt an „Nightrunner 1 – Die Schattengilde“, ebenso die Tatsache, dass Lynn Flewelling auf die üblichen Fantasyrassen wie Zwerge, Elfen und Orks verzichtet hat. So existieren zwar die langlebigen Faie und Magier, doch diese sind von ihrem Grundkonzept her ungewöhnlich aufgebaut. Lynn Flewelling räumt Alec, Seregil und ihren Freunden viel Platz ein, um sich kennenzulernen, weiterzuentwickeln und gemeinsam ans Ziel zu kommen. Jeder Charakter hat seine Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen, was sie noch liebenswerter macht. Insgesamt hat die Autorin ein sehr charakterlastiges Werk geschaffen, in dem die Entwicklung der Figuren und ihrer Beziehung zueinander an erster Stelle steht. Zwar stagniert die Rahmenhandlung dadurch stellenweise Hunderte von Seiten lang, doch man kann sich umso besser mit den Figuren identifizieren. Auch die Beziehung zwischen Seregil und Alec entwickelt sich sehr langsam und ist im ersten Band kaum wahrnehmbar – erst im zweiten Band wird deutlich, dass die beiden mehr verbindet als Freundschaft.
Stilistisch legt Lynn Flewelling einen schönen, atmosphärischen und stimmungsvollen Fantasy-Roman vor, der durch eine gut durchdachte Fantasywelt, detailreiche Beschreibungen, liebenswerte Charaktere und eine spannende Rahmenhandlung besticht, die sich teilweise in verschiedenen Nebensträngen verliert. Auch sollte man offen für Perspektivwechsel sein, denn die Autorin springt munter zwischen den Figuren hin und her, auch wenn zumeist aus Seregils und Alecs Sicht erzählt wird. So nimmt sie leider teilweise Spannung aus der Geschichte, da manchmal schon Dinge verraten werden, die die Hauptfiguren erst später herausfinden.
Positiv hervorzuheben ist die neue Übersetzung, die für die Neuauflage des ersten Bandes entstanden ist – es tut der Geschichte ungemein gut, dass die vielfältige, detailreiche Sprache der Autorin endlich passend übersetzt und die feinen Nuancen zwischen den Figuren gefühlvoll ausgelotet wurden – wer die alte Übersetzung kennt, weiß wie wenig Bastei Lübbe damals den Büchern gerecht wurde. Es ist schön, dass die Bücher endlich in der Form erscheinen, die sie verdienen und es bleibt zu hoffen, dass der deadsoft Verlag alle Bände dieser außergewöhnlichen Reihe den deutschen Leser*innen zugänglich macht.
Fazit:
Mit der Veröffentlichung von „Nightrunner 1 – Die Schattengilde“ erfüllt der deadsoft Verlag den Wunsch vieler deutscher Fans von Lynn Flewellings High Fantasy Klassiker – die neu übersetzte Neuauflage hat nichts von ihrem Zauber verloren. Die Geschichte um Seregil und Alec besticht durch eine spannende Rahmenhandlung, eine gut durchdachte Fantasywelt, sympathische Figuren und eine solide, detailreiche Sprache. Wer High Fantasy mag und einen echten Klassiker queerer Literatur lesen möchte, der sich Mitte der 90er Jahre durch die ganz selbstverständliche Darstellung schwuler und bisexueller Protagonisten auszeichnete, sollte unbedingt einen Blick riskieren.





