
Autor*in: Alec Scouffi
Übersetzer*innen: lKarl Blanck, Helene Schauer, JJ Schlegel
Hardcover: 296 Seiten
ISBN: 978-3-86300-405-7
Preis: 17,99 EUR (eBook) / 24,00 EUR (Hardcover)
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Story:
Im Paris der 1920er Jahre steigt der Ausreißer Pierre, genannt Chouchou, dank seines attraktiven Aussehens zum begehrten Begleiter von Männern verschiedenster Gesellschaftsschichten auf. Doch das Leben als Stricher ist hart, die Konkurrenz unerbittlich und auch sein Gesundheitszustand leidet zunehmend. Schließlich wird er von Bekannten verraten und von der Polizei festgenommen, was ihm einige Jahre Gefängnis einbringt. Als er entlassen wird, fällt es ihm schwer wieder Fuß zu fassen und sein unstetes Leben zu meistern …
Eigene Meinung:
Fast 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung bringt der Männerschwarm Verlag im Sommer 2026 mit “Hotel zum Goldfisch” von Alec Scouffi einen Pionierroman schwuler Literatur erstmals ungekürzt in Deutschland heraus. Das Original kam 1929 auf den französischen Markt, 1930 erschien eine stark gekürzte Ausgabe in deutscher Sprache, in der sämtliche explizite Schilderungen schwuler Erotik und Sexualität gestrichen wurden. Alec Scouffi wurde drei Jahre nach der Veröffentlichung des Romans von einem Mörder aus dem Rotlichtmilieu getötet – der Fall wurde nie aufgeklärt.
Die Geschichte entführt Leser*innen in das hemmungslose Paris der 20er Jahre und bietet einen sehr realistischen, ungeschönten Einblick in die damalige Zeit. Man begleitet den naiven Pierre, der von der wilden Zeit mitgerissen wird, während er versucht sich selbst zu finden. Sein Leben ist geprägt von einem beständigen Auf und Ab – mal ist er finanziell gut gestellt und kann es sich leisten in Luxus zu leben, mal sitzt er auf der Straße und weiß nicht, wie er etwas zu Essen bezahlen soll. Neben grundlegenden Problemen macht ihm auch seine Gesundheit zunehmend zu schaffen, ebenso Freunde und Bekannte, die ihn mal unterstützen, mal ausnutzen oder auch verraten. So richtig findet sich Pierre in diesem Spiel nicht zurecht, ist er doch mitunter zu naiv und gutgläubig.
Alec Scouffi legt ein schonungslos ehrliches Buch vor, dass Leser*innen einen tiefen Einblick in das damalige Schwulenmilieu bietet und bei den Darstellungen und Beschreibungen kein Blatt vor den Mund nimmt – man lernt sowohl die schmutzige Seite von Paris kennen, als auch die vielen halbseidenen Persönlichkeiten um Pierre herum und ist hautnah dabei, wenn sein Leben immer mehr aus den Fugen gerät. Gleichzeitig erhält man einen realistischen Einblick in die wilden 20er Jahre, wo zwar das Bürgertum exzessiv feierte und alles freier und zwangloser gestaltet war, jedoch vieles auf Kosten von Menschen passierte, die weniger Glück im Leben hatten. “Hotel zum Goldfisch” ist dabei weder romantisch, noch kann man ein Happy End erwarten. Pierre befindet sich in einer Abwärtsspirale, ähnlich wie es wahrscheinlich den meisten Strichern vor knapp hundert Jahren ergangen ist.
Die Figuren sind sehr realistisch gezeichnet und wirken lebendig und authentisch. Die Geschichte wird größtenteils aus Pierres Sicht erzählt, weswegen man ihn sehr gut kennenlernt, und seine Sorgen und Probleme nachvollziehen kann. Doch auch andere Figuren kommen zum Tragen, ganz besonders Louise, Pierres Freundin, die sich keineswegs mit der klassischen Rolle der Frau abfinden kann und sich in vielen Fällen eher in einer männlichen Rolle wohlfühlt. Bei den Figuren bringt Alec Scouffi viele andere queere Aspekte ein, aufgrund der damaligen Zeit natürlich ohne Dinge beim Namen zu nennen.
Stilistisch ist “Hitel zum Goldfisch” gewöhnungsbedürftig und herausfordernd – aus heutiger Sicht wirkt das Buch natürlich etwas altbacken und schwierig. Zum einen sind viele Begrifflichkeiten und Redewendungen nicht mehr aktuell oder sogar gänzlich in Vergessenheit geraten, zudem ist der Stil mitunter extrem ausschweifend, so dass man sich auf viele Wiederholungen einstellen muss. Einige Passagen wirken stark aufbläht, während andere stark zusammengefasst werden. All das ist dem Stil der damaligen Zeit geschuldet und mit der Zeit gewöhnt man sich an die Sprache des Autors.
Fazit:
“Hotel zum Goldfisch” von Alec Scouffi bietet einen seltenen, realitätsnahen Einblick in das schwule Milieu der 1920er Jahre und punktet durch seine authentischen Charaktere und Beschreibungen. Stil und Sprache wirken heute zwar teils antiquiert, doch gerade darin liegt ein Teil seines historischen Reizes. Wer sich für queere Geschichte und das Lebensgefühl der damaligen Zeit interessiert, sollte diesem Werk eine Chance geben.





