[ROMAN] Verschnitt von Jennifer Hauff

Autorin: Jennifer Hauff
Taschenbuch:  310 Seiten
ISBN: 978-3-947612-83-3
Preis: 7,99 EUR (eBook) / 12,00 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Liane ist als OP-Schwester in dem Krankenhaus angestellt, in dem der Mann, der mit seinen Forschungen und operativen Eingriffen ihre Familie zerstört hat, als leitender und hochangesehener Professor für Kinderchirurgie arbeitet. Professor Dr. Gelders ist eine Koryphäe, wenn es um geschlechtsanpassende Operationen an Kleinkindern geht, weswegen er sich intersexuellen Kindern annimmt, denen er zu einem Leben mit definiertem Geschlecht verhelfen möchte. Nichtsdestotrotz setzt Liane alles daran, den Mann aufzuhalten, möglichst viele Kleinkinder vor den Eingriffen zu schützen und entsprechende Beweise gegen Gelders zu sammeln. Da passt es gar nicht in ihr Konzept, Gefühle für Gelders Sohn Christian zu entwickeln, ebenso wenig wie das Auftauchen ihres drogenabhängigen Bruders Lutz, der ganz eigene persönliche Motive hat, Gelders zu hassen.

Eigene Meinung:
Mit „Verschnitt“ legt Jennifer Hauff einen einzigartigen Roman vor, der ein sensibles Thema aufgreift, das bisher nur sehr selten in belletristischen Büchern einen Platz findet – Intersexualität und die Folgen von geschlechtsangeleichenden Operationen. Das Buch erschien im Sommer 2020 im Mainbook Verlag und wird als Thriller ausgewiesen, obwohl „Verschnitt“ eher in die Kategorie gesellschaftskritischer Roman passt.

Die Geschichte braucht lange, um Fahrt aufzunehmen und sich auf eine Richtung festzulegen, da sich die Autorin viel Zeit lässt, um die wichtigsten Figuren und ihre Motivationen vorzustellen. Auch der Antagonist des Buches kommt überraschend häufig zu Wort, so dass man seine Gedanken, Gefühle und seine Beweggründe kennenlernt, die ihn dazu bringen, Neugeborene auf diese Art und Weise zu behandeln. Etwas weniger Raum nimmt Lianes Bruder Lutz ein, dessen Intentionen man nur schwer nachvollziehen kann – was sich jedoch mit seiner Haltlosigkeit im Leben und den Drogenproblemen erklären lässt, mit denen er zu kämpfen hat. Lianes Motive sind teils von Anfang an klar umrissen, teils bleibe dem Leser einige ihrer Handlungen verborgen und entschlüsseln sich erst ganz zum Ende der Geschichte hin – was ein wenig irritiert, da man als Leser eigentlich immer an Lianes Seite ist und dennoch viele Dinge nicht mitbekommt, da sie nicht beschrieben werden. Das ist natürlich für den Spannungseffekt am Ende wichtig, nichtsdestotrotz sollten die Leser*innen immer so viel wissen, wie die Person, die die Geschichte größtenteils erzählt. Das schmälert den Lesegenuss gerade zum Ende hin, wo sich Liane gänzlich anders präsentiert, als auf den 250 Seiten zuvor. Auch wirkt das Ende fas ein wenig überstürzt, zu schnell herbei geführt. Ein paar zusätzliche Seiten hätten der Geschichte zum Ende hin gut getan, um das Finale ein wenig spannender und dramatischer auszuschmücken.
Trotz der kritischen Punkte kann „Verschnitt“ auf vielen anderen Ebenen überzeugen – die Figuren wirken und handeln authentisch und nachvollziehbar, die Geschichte ist in sich schlüssig und sehr realistisch gehalten – man bekommt einen sehr guten Einblick in das Thema Intersexualität und die damit verbundenen Probleme der Betroffenen. Man merkt, wie viel Zeit Jennifer Hauff in die Recherche gesteckt hat – die Beschreibungen der ärztlichen Hintergründe, des Krankenhausalltages und der chirurgischen Eingriffe wirken glaubwürdig und stimmig, ebenso die Beschreibungen von Lutz Drogenproblemen und dem Leben auf der Straße. Sehr schön sind auch die Beschreibungen von Frankfurt, den typischen Plätzen und der Umgebung – gerade für Leser*innen, die in und um Frankfurt leben, macht die Geschichte gleich doppelt Spaß, da man die Wege der Hauptfiguren mitgehen kann.

Die Figuren sind durchweg realistisch beschrieben und können von ihren Motiven her überzeugen – selbst Gelders, dessen Forschungen und Experimente ethisch und moralisch natürlich zu verurteilen sind. Liane ist eine sehr starke Persönlichkeit, die fest an ihrem Ziel, ihrer Rache festhält und dabei nicht immer den besten Weg wählt, um ans Ziel zu kommen. Sie wirkt dadurch nicht immer sympathisch, aber durchaus menschlich. Auch die Gefühle, die sie für Christian entwickelt sind nachvollziehbar und angenehm unkitschig (was auch nicht gepasst hätte). Ihr Bruder Lutz spielt eine wichtige Rolle in ihrem Leben, denn seine Sorgen und Probleme sind der Hauptantrieb für Liane etwas gegen Gelders zu unternehmen. Lutz lernt man nach und nach ebenfalls kennen, doch erst zum Ende hin wird klar, was Gelders (und bis zu einem gewissen Grad auch seine Eltern) ihm wirklich angetan haben.

Stilistisch legt Jennifer Hauff einen gut geschrieben, gut recherchierten Roma vor, der trotz einiger Längen überzeugen kann. Gerade die Beschreibungen des ärztlichen Umfeldes, des Klinikalltages und der Stadt sind sehr gut gelungen und sorgen dafür, dass man sehr gut in die Geschichte eintauchen kann. Auch die Figuren und ihre Motive sind sehr gut dargestellt – man kann sich sehr gut mit Liane und ihren Problemen identifizieren, ebenso mit ihrem Bruder Lutz. Auch das Thema Intersexualität wird von der Autorin sehr gut eingewoben – „Verschnitt“ bietet einen sehr guten, belletristischen Einstieg ins Thema.

Fazit:
„Verschnitt“ ist ein gelungener, gesellschaftskritischer Roman, der einen sehr guten Einstieg zum Thema Intersexualität bietet. Jennifer Hauff überzeugt mit einer spannenden, gut recherchierten Geschichte, authentischen Charakteren und einem soliden, gut verständlichen Schreibstil. Einzig das Ende wirkt ein wenig überstürzt, ebenso wenig kann das Buch als waschechter Thriller punkten, wie die Kategorisierung weismachen möchte – Fans von blutigen Thrillern werden nämlich enttäuscht sein. Als gesellschaftskritischer Roman ist „Verschnitt“ auf jeden Fall empfehlenswert und sei jedem ans Herz gelegt, der sich mit dem Thema Intersexualität auseinandersetzen möchte. Unbedingt reinschauen.

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